Neustadt unter Quarantäne: Sechs Infizierte, 70 Kontakte

Neustadt.  Offenbar haben Reise-Rückkehrer in Neustadt im Ilm-Kreis die Bestimmungen zum Infektionsschutz nicht eingehalten und so für eine Kettenreaktion gesorgt.

Die weiträumige Absperrung von Neustadt reicht aus Richtung Ilmenau bis an das Waldgasthaus Dreiherrnstein heran.

Die weiträumige Absperrung von Neustadt reicht aus Richtung Ilmenau bis an das Waldgasthaus Dreiherrnstein heran.

Foto: Arne Martius

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Nachdem es seit Sonntag eine dramatische Häufung von Corona-Infizierten in Neustadt gegeben hat, sechs der elf Fälle im Ilm-Kreis sind Bewohner aus dem Ortsteil der Landgemeinde Großbreitenbach, hatte Landrätin Petra Enders (Linke) noch am Abend verfügt, dass der gesamte Ort mit seinen rund 900 Einwohnern unter Quarantäne gestellt wird. Zwei der Infizierten sind im Krankenhaus, ein Mann wird im Suhler Klinikum künstlich beatmet, sein Zustand sei kritisch. Eine weitere Person befindet sich in den Ilm-Kreis-Kliniken mit einer Lungenentzündung. Bisher hat das Gesundheitsamt 70 Kontaktpersonen ermittelt, die Überprüfung ist noch nicht abgeschlossen. Weitere Testergebnisse werden erwartet. Alle aktuellen Infos im kostenlosen Corona-Liveblog

Die Landrätin und Bürgermeister Peter Grimm (SPD) hatten am Sonntagabend mit besorgten Bewohnern in Neustadt an der Tankstelle gesprochen und ihre drängendsten Probleme aufgenommen. Sie dankten am Montag den Feuerwehren der Landgemeinde, die zunächst die Absperrung der drei Zugangsstraßen (aus Richtung Großbreitenbach, Dreiherrnstein und Kahlert) übernommen hatten. Aus Richtung Ilmenau ist bereits auf Höhe der Waldbaude „Dreiherrenstein“ Schluss und die Straße über die gesamte Breite abgesperrt. Die Absperrungen sollen aber künftig Aufgabe der Polizei sein, deswegen habe sich Enders auch an den Krisenstab des Landes gewandt.

14 Tage gilt zunächst die Quarantäne für die 900 Einwohner im Ort, raus und rein kommen mit den nötigen Schutzausrüstungen nur noch Rettungsfahrzeuge, Ärzte, die Versorgung mit Essen auf Rädern, zwei Pflegedienste und Patienten für die Dialyse. Die Versorgung mit Lebensmitteln wird im Einkaufsmarkt Nahkauf sichergestellt. Dieser richtet sich nach den entsprechenden Hygienevorschriften ein. Es darf auch nur jeweils ein Kunde den Markt betreten.

Bei Ortsteilbürgermeister Dirk Macheleidt (parteilos) rufen Bürger an, der Ortschef versucht die Anliegen nach Prioritäten abzuarbeiten. Sind die Fragen zu Lebensbedürfnissen geklärt, sollen auch jene Antworten bekommen, die zum Beispiel interessiert, woher sie Geld bekommen, wenn sie wegen der Quarantäne den Ort nicht zur Arbeit verlassen dürfen. Er appelliert auch an einen vernünftigen Umgang mit sozialen Netzwerken. Vor allem Diskussionen über die Betroffenen kritisiert er. „Wir sollten weiter füreinander da sein und keinen Unfrieden stiften“, sagt Dirk Macheleidt. Harte Zeiten sieht er auf die ehrenamtlichen Mitglieder der Feuerwehr zukommen, die an den Ortseingängen postiert sind. Ihnen fehlt ausreichende Schutzkleidung.

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Das Kinderheim mit 13 Kindern soll laut Grimm nach Großbreitenbach auf einen Campingplatz unter Quarantänebedingungen verlegt werden. Weil es keine Apotheke in Neustadt gibt, wurde mit der Apotheke in Großbreitenbach ein Übergabepunkt vereinbart, von dem aus Bewohner die Arznei an die Empfänger verteilen. Einen solchen Lieferpunkt soll es auch für die Post geben. Ab Dienstag dürfen keine Busse mehr den Ort passieren. Die Entsorgung von Haus- und Biomüll erfolgt am Mittwoch, dem 25. März. Wahrscheinlich sei der Virus verbreitet worden, weil sich einige Bewohner nicht an die Regeln gehalten haben. Landrätin Enders sprach von einem derzeit nicht zu akzeptierendem „guten Gemeinschaftsleben“. Ordnungsämter stellten anderswo auch Verstöße fest. So hat es ein größeres Treffen in einem Dönerladen gegeben, konnte ein Vereinstreffen noch rechtzeitig unterbunden werden, hatte man auch zwei große Familienfeiern festgestellt. Auf Informationen von den Webseiten der Landgemeinde Großbreitenbach und von Neustadt kann man nicht setzen, weil sie nicht aktuell sind. Der Bürgermeister will deshalb Handzettel im Ort verteilen lassen. Die Allgemeinverfügung der Landrätin zu Neustadt ist unter www.ilm-kreis.de zu finden. Darin steht, dass Personen mit Erkältungssymptomen wie trockener Husten, Fieber, Schnupfen, Abgeschlagenheit, Atemprobleme, verpflichtet sind, sofort den Hausarzt oder den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst (Telefon: 116 117) anzurufen.

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