Plüschige Kinderträume: In Gehren brummen die Bären seit 150 Jahren

Gehren.  Monster verhalfen der Plüschtierproduktion in Gehren nach der Wende und dem Ende des VEB zum Überleben. Bis heute werden hier Kinderträume wahr.

Die Näherinnen Marina Kuhn (rechts) aus Altendorf ist seit 2011 und Sieglinde Bauer aus Jesuborn seit 1984 dabei. Sie fertigen auch Ziegen-Maskottchen für Ilmenau, Wildschweine für eine Brauerei und Märchenwaldfiguren an.

Die Näherinnen Marina Kuhn (rechts) aus Altendorf ist seit 2011 und Sieglinde Bauer aus Jesuborn seit 1984 dabei. Sie fertigen auch Ziegen-Maskottchen für Ilmenau, Wildschweine für eine Brauerei und Märchenwaldfiguren an.

Foto: André Heß

Mit dem Anschluss an das Eisenbahnnetz gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstehen in Gehren bedeutende Industriezweige in der Porzellan-, Glas- und Holzindustrie. Aber auch durch die Herstellung von Plüschtieren wird der kleine Ort weit über die Region und später auch im Ausland bekannt. Das Außerordentlich daran ist, dass sich die Bärenproduktion bis heute gehalten hat.

Den Grundstein für Bären und Puppen aus Gehren legt 1870 die Firma L. Henze & Steinhäuser als Spielwarenfabrik mit 400 Arbeitern, die 1936 in einem Katalog Plüschtiere in allen Preislagen, weichgestopfte Puppen, Babytiere und Kindertaschen anbietet. Deren Plüschpuppen und Plüschtiere wurden bis nach Amerika exportiert, die Geschäfte laufen bis zur Enteignung auf Befehl der sowjetischen Militäradministration 1948. Danach beginnt die Geschichte der VEB Plüsch- und Spielwarenfabrik Gehren, der 1961 auch die Plüschwarenfabrik Müller & Heublein aus Sonneberg angeschlossen wird. 1964 geht der VEB Plüschwaren in den VEB Kombinat Spielwaren Sonneberg über, schreibt Barbara Wahnemühl auf ihrer Internetseite über die Geschichte. Dazu gehörte später auch noch der VEB Spielwaren Großbreitenbach.

220 Beschäftigte, hauptsächlich Frauen, wurden zu DDR-Zeiten in der Gehrener Plüschwarenfabrik beschäftigt, vom Zuschnitt bis zur Endfertigung. Zu den Produkten, die zu 80 Prozent in das Ausland gingen und sich im westdeutschen Versandhandel wiederfanden, gehörten auch Fahrtiere wie Pferde, Zebra und Pudel, Schiebetiere, Schaukel- und Wipptiere mit Metalluntergestell zum Draufsetzen der Kinder aber auch Wurftiere aus Plüsch, Samt und Stoff. Gestopft wurden sie mit Holzwolle. Marion Schacht hat Verfahrenstechnik studiert und kam 1976 zum VEB nach Gehren, sie brachte die Technik der Zwei-Komponenten-Purschaum-Verarbeitung für den Rohling zum Tragen. Geworben wurde auf der Leipziger Messe für die Produkte, die Kinderherzen erfreuen sollte: „Sie sind ein gutes Spielzeug, unzerbrechlich, weich und geschmackvoll.“

Großer Wert wurde auf die Qualität gelegt, sagte Schacht, die Stoffe wechselten sich ab: Mohair, Chemiefaser, Moltopren, Kunstseidenplüsch, Mohairmischplüsch, Dederonplüsch hießen die Bezeichnungen. Gestopft wurden Giraffe, Tiger, Teddybär, Löwe, Hase, Elefant und Affe mit Holzwolle, Chemiefaser, Schaumstoffschnitzel, Schaumgummiflocken und später mit Polyesterfaser. „Selbst bei den Erwachsenen sind unsere Plüschtiere beliebt und bieten Freude und Entspannung“, liest man über die VEB Plüsch- und Stoffspielwarenfabrik in einem Prospekt in vier Sprachen.

Dann kam die politische Wende und die Märkte in Osteuropa brachen ein, Marion Schacht und Eleonore Pierach führten den Betrieb als Plüsch- und Stoffspielwaren GmbH als Geschäftsführerinnen dennoch erfolgreich mit noch 62 Frauen und drei Männern 1991 in die kapitalistische Marktwirtschaft. Sie kamen aus den Abteilungen Technik und Betriebsleitung des VEB.

Sie hatten damals das richtige Näschen für einen Hype, der sich aus kleinen Monstern ergab, die als Gremlins in einer US-amerikanische Horrorkomödie 1984 und als Fortsetzung „Gremlins 2“ 1990 im Kino gefeiert wurden und für die Erwachsenen und Kinder als Plüschtiere der Hit waren. Die Gehrener erwarben die Lizenz zum Herstellen der Langohren und damit auch eine Grundlage für ihr Weiterbestehen in Gehren.

Zweites Standbein waren Plüschtiere als Werbeartikel mit Logo und Werbetext für Firmen sowie Teddybären für Kaufhaus- und Versandhäuser. Jetzt konnte man aber auch auf die Selbstdarstellung auf der Nürnberger Spielzeugmesse sowie auf Messen in Birmingham und Japan und damit auf weltweite Vermarktung setzen.

Das ging bis 2004 alle gut, doch der Trend der Spielwarenherstellung aus und in Fernost ließ sich nicht mehr kompensieren. Aufträge brachen weg, die Plüsch- und Spielwaren GmbH in Gehren musste am 23. Juli 2004 Insolvenz anmelden. Da waren noch zehn Mitarbeiterinnen beschäftigt.

Doch der Bären-Reigen in Gehren brummte mit sechs Näherinnen tatsächlich weiter, dank des Bären & Bastel-Versand in der Königseer Straße 12c unter Führung von Marion Schacht, die auch Näherinnen aus anderen Branchen fand, und sie fertigen bis heute Plüschtiere, Werbeartikel und Zubehör für Kratzbäume sowie Baby-Spielzeug in Bio-Qualität. Es werden aber auch Plüschtiere repariert, vor allem die Nostalgie-Bären, die einst entstanden sind und nur noch zu Jubiläen eine Auferstehung in der Produktion feiern. Sie besucht mit ihrem Material- und Bastelkoffer Schulen und Kindergärten, auch zu Kindergeburtstagen können die Kleinen am Firmensitz ihren eigenen Teddybären stopfen.

Heutzutage würden sich für die Plüschbären die jüngeren Eltern nicht mehr interessieren, stellte Schacht fest. Zum Glück gibt es aber noch die Großeltern-Generation, die damit gern ihre Enkel beschenkt und die Liebhaber in der Seniorenliga, die zu den Sammlern und treuen Begleitern der plüschigen Gesellen gehören.

Ausnahmen bestätigen aber die Regel: Es gibt auch eine junge Frau, die von Bären nie genug haben kann und sie selbst ins Ausland mit auf Reisen nimmt. Da werden sie dann auf der Brooklyn-Bridge in New York oder am Strand in Irland fotografiert und bedanken sich weltweit indirekt bei den geschickten Frauenhänden, von denen sie einst an das Licht ihrer Bärenwelt gebracht worden sind.

Patent in den USA und ein Stadtbär zum Jubiläum

  • Karl Herrmann von der Firma L. Henze und Steinhäuser aus dem thüringischen Gehren erhielt 1929 in den USA für seine Erfindung einer beweglichen Tierpuppe ein Patent mit der Nummer 1793400. Besonderheit: Der Hundekopf ließ sich vertikal und horizontal drehen.
  • Ein Prospekt der Plüsch und Spielwaren GmbH Gehren (1991 bis 2004) zeigt die große Bärenfamilie in verschiedenen Szenen: Zur Hochzeit, beim Spielen im Grünen, in der Schule beim Erlernen des Bären-Abc, bei der Arbeit in der Küche, beim Wandern und man erfährt: „den Urlaub verbringt die Bärenfamilie gern bei Familie Affe“.
  • Brumm und Blümchen sind die Gründer einer neuen Generation von Nostalgiebären und gehören zur ersten limitierten Auflage von 300 Stück.
  • Der Stadtbär erscheint pünktlich zum Jubiläum der 125-jährigen Plüschtiertradition in Gehren 1995 als Jubiläumsbär.
  • „Alle unsere Bären entstehen in mühevoller Handarbeit und sind deshalb liebenswerte Gesellen“, heißt es zu GmbH-Zeiten und man hat Ideen zur Vermarktung. So liest man im Katalog: „ Das Bärenbrautpaar mit eingestickten Ringen und Datum erinnert an einen unvergesslichen Tag und der kleine Teddy mit Monogramm auf der Sohle bleibt für immer ein Talisman. Übrigens weisen Bären mit eingestickten Jahreszahlen und den Worten ‘Von...’ und ‘Für...’ auch in vielen Jahren noch auf ihre Entstehungszeit und Herkunft hin.“