Als das Wasser auf Bruchstedt zurollte wie Strohballen

Bruchstedt.  Vor 70 Jahren wird Bruchstedt bei einer Hochwasserkatastrophe zerstört. Margot und Rudolf Krey erinnern sich.

Margot Krey war 13 Jahre alt, als die Flutwelle den Ort zerstörte. Ihr Mann Rudolf Krey war damals 15 Jahre alt.

Margot Krey war 13 Jahre alt, als die Flutwelle den Ort zerstörte. Ihr Mann Rudolf Krey war damals 15 Jahre alt.

Foto: Sabine Spitzer

Ein Unwetter hat in Bruchstedt vor 70 Jahren eine Sturzflut ausgelöst. Die Katastrophe geschah in der Nacht vom 23. zum 24. Mai 1950. Acht Menschen starben, sieben Bruchstedter erlitten Verletzungen. Fast der gesamte Viehbestand im Ort verendete: 82 Kühe, 400 Schweine und 317 Schafe waren tot. Margot und Rudolf Krey erlebten das Hochwasser. Sie war 13, er 15 Jahre alt. Die Schreie und Hilferufe damals gehen ihnen bis heute nicht aus dem Kopf. „Es war Wahnsinn“, sage sie. „Was da geschah, haben wir erst hinterher richtig begriffen.“

Rudolf Krey war 1950 in der Maurerlehre. Schon auf dem Heimweg von Tennstedt nach Bruchstedt freute er sich an jenem 23. Mai auf das Essen, denn die Mutter kochte abends immer warm. „Es sollte Spinat mit Spiegelei geben“, erinnert er sich noch genau. Doch dazu kam es nicht, die Feuerwehr fuhr bereits umher. Rudolf Krey und sein zwei Jahre älterer Bruder waren neugierig geworden, sie gingen zum Bach, um nachzuschauen. „Aus Richtung Blankenburg kam zu uns Wasser runter. Es war, als würde es rollen wie Strohballen“, berichtet Krey.

Das Wasser drückt in der Gaststätte die Fenster kaputt

Die beiden Jungen rannten los, sie wollten schnell nach Hause, als ihnen auch bei der Kirche schon das Wasser entgegenkam. Es drückte in der Gaststätte die Fenster kaputt, zerquetschte einen Hänger an einem Mast, Häuser stürzten ein und es begann zu hageln. Daheim stand das Wasser dann bereits 40 Zentimeter hoch im Haus. „Wir hatten gerade junge Schweine und junge Ziegen, die haben wir auf den Futterboden gebracht“, berichtet Krey. Und das Wasser stieg weiter, im Hof reichte es bis zur Taille.

Seine Frau Margot war zu der Zeit mit Eltern, Großmutter und anderen Hausbewohnern auf den Boden geflohen. Sie wohnte im Unterdorf, in dem das Hochwasser am schlimmsten war. „Wir haben gemerkt, dass es droht abzusacken“, erzählt sie. Doch sie konnten sich später in Sicherheit bringen, bei Nachbarn unterkommen, die Hilfsbereitschaft war groß. „Aber wir hatten wieder nichts“, sagt Margot Krey. Selbst der hölzerne Koffer, in dem die Eltern Geschenke für ihre Konfirmation sammelten, war fortgespült worden. Die Familie war verzweifelt. „Wir waren ein paar Jahre davor erst von Schlesien nach Bruchstedt gekommen.“

Vertreter der DDR-Regierung reisen an

Erst am nächsten Morgen wurde das Ausmaß der Flutwelle sichtbar. „Überall lagen aufgedunsene Tiere“, sagt Rudolf Krey. Und überall war Schlamm. „Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viel Dreck hier weggefahren wurde.“ „Neben der Kirche wurde eine Gulaschkanone aufgebaut und Pudding gekocht, damit wir was zu essen haben“, so Krey. Auch Vertreter der DDR-Regierung reisten an. Und sie beschlossen: Das Dorf soll binnen 50 Tagen wiederaufgebaut werden.

„An jeder Ecke ging es gleichzeitig los“, erzählt Margot Krey. Die sieben zerstörten Gehöfte wieder aufgebaut und kaputte Häuser ausgebessert. Mit Waggons kam neues Vieh nach Bruchstedt. Das Kulturhaus, die Schule und der Kindergarten wurden gebaut. Margot und Rudolf Krey fragen sich heute noch wie der Wiederaufbau damals gelingen konnte – trotz geringer Mittel. Beim Aufbaufest hat Margot Krey ein Gedicht mit sieben weiteren Schülern vorgetragen. Sie kann es heute noch auswendig.

Bürgermeister Walter Tückhardt (Freie Wähler) und Gemeinderäte legen am 23. Mai am Gedenkstein für die Hochwasserkatastrophe einen Kranz nieder.