Auch auf dem Blobach brannten einst die Bücher

Mühlhausen.  Ein Fotograf erstellt einen Atlas mit allen Orten der Bücherverbrennung 1933 und war nun in Mühlhausen Er sucht Kontakt zu örtlichen Akteuren.

Der Fotograf Jan Schenck will alle Orte der nationalsozialistischen Bücherverbrennung 1933 in einem Online-Atlas dokumentieren. Nun fotografierte er dazu den Blobach in Mühlhausen.

Der Fotograf Jan Schenck will alle Orte der nationalsozialistischen Bücherverbrennung 1933 in einem Online-Atlas dokumentieren. Nun fotografierte er dazu den Blobach in Mühlhausen.

Foto: Klaus Wuggazer

Nichts auf dem Blobach erinnert daran, dass hier 1933 Bücher von namhaften Schriftstellern verbrannt wurden – unter dem Jubel von bündischer und Hitlerjungend, SA-Männern und NSDAP-Mitgliedern, die wie auch andere Zuschauer Bürger dieser Stadt waren. Nun sollen in ganz Deutschland alle solchen Orte in einem Online-Atlas dokumentiert werden. Der Fotograf Jan Schenck aus Niedersachsen machte dafür am Samstag Aufnahmen.

Mit den Verbrennungen wollten die Nazis kurz nach ihrer Machtergreifung die Literatur gewaltsam von angeblich Undeutschem säubern. Als „Schund und Schmutz“ geschmähte Bücher von hunderten jüdischen, pazifistischen, modernen oder oppositionellen Schriftstellern landeten in den Flammen – von Erich Kästner bis Siegmund Freud und Kurt Tucholsky.

„Die Autoren sind vergleichsweise gut wissenschaftlich dokumentiert“, weiß Jan Schenck. Bei den Plätzen sei das weniger der Fall. So sei deren Zahl seit dem Start des Projekts „Verbrannte Orte“ im Jahr 2013 von 90 auf 110 gewachsen, vor allem, weil sich dank des Projekts und der Berichterstattung darüber lokale Historiker intensiver mit dem Thema beschäftigen und auch bislang unbekannte Dokumente zum Thema entdeckt worden sind.

Schencks Ziel ist es, alle Orte zu fotografieren, im Panorama und im Detail. Diese Woche ist er dafür in Thüringen unterwegs. „Damit können sich die Leute dann im Internet selbst ein Bild machen, wie die Orte heute aussehen“ und wie sich sich verändert haben. Oft seien sie kaum wiederzuerkennen, wurden bebaut, umgestaltet, zerstört. So verstehe er sein Projekt als Stärkung der Erinnerungskultur, aber auch klar als antifaschistische Mahnung. Und: An nur rund einem Drittel der Orte gebe es bisher Gedenktafeln, in kleinen Städten praktisch nirgends.

Er erstellt den Online-Atlas mit viel Ehrenamt, Projektförderung auch aus der Thüringer Staatskanzlei, Spenden sowie einigen Helfern. Mehr sei kaum zu leisten. Bei den Texten müsse er auf vorhandene Erkenntnisse aufbauen. Schenck hofft auch auf das Engagement der Zivilgesellschaft, also dass Heimathistoriker sich mehr mit dem Thema befassen und Informationen beitragen, Schulen Projekte starten oder Archive ihre Akten sichten. Lebende Zeitzeugen gebe es heute kaum mehr. Gerne treffe er sich auch mit Interessierten, wenn sie sich melden, oder komme zu Veranstaltungen.

Für Thüringen hilfreich ist Schenck bisher vor allem eine 2013 bei der Landeszentrale für politische Bildung erschiene Broschüre des Autors Burkhard Stenzel, die auch ein Kapitel zu Mühlhausen enthält. Demnach gab es hier am 12. Mai – zwei Tage nach Start der reichsweiten, zentral gesteuerte Aktion „Wider den undeutschen Geist“ – eine Kundgebung auf dem Adolf-Hitler-Platz (Obermarkt). Buchhändler, Privatpersonen und Leihbüchereien wurden aufgerufen, verfemte Werke abzugeben. Am 20. Mai führte ein Umzug mit Musik durch die Stadt zum Blobach, wo am Abend die von Sprechchören begleitete Verbrennung begann.

Auch eine Wanderausstellung, Unterrichts- und und Informationsmaterial sollen aus dem Projekt entstehen, sagte Schenck. Ziel sei, dass im Jahr 2023 zum 90. Jahrestag der Ereignisse auch das lokale Gedenken an dieses Kapitel mehr in den Mittelpunkt rückt.

www.verbrannte-orte.de