Das Mühlhäuser Rathaus stand schon immer hier

War das heutige Mühlhäuser Rathaus schon immer ein Rathaus oder gehörten Gebäudeteile gar mal zu einer der größten Synagogen in Deutschland, wie das der Mühlhäuser Roland Lange mutmaßt - Einen konkreten Beweis oder schriftliche Überlieferungen dafür gibt es nicht. Das älteste Zeugnis ist eine am 6. Mai 1310 ausgefertigte lateinische Urkunde, als der Ritter Heinrich von Mihla gezwungen wurde, sich auf dem Rathaus als Gefangener in Eisen legen zu lassen.

Blick in den Gebetsraum der Synagoge. Foto: Daniel Volkmann

Foto: zgt

Mühlhausen. Nach Ansicht von Stadtarchivar Dr. Helge Wittmann und von Martin Sünder, Vorsitzender des Geschichtsvereins, erfüllen die Untersuchungsergebnisse des Hobby-Forschers keine wissenschaftlichen Kriterien. Damit solle das Engagement von Roland Lange nicht in Abrede gestellt werden. Er habe auch überall freien Zugang erhalten, um seine Untersuchungen führen zu können. Aber seine These sei trotz der bei vielen als interessant ankommenden Überlegungen durch nichts belegt. Die Geschichtswissenschaft betreibe keine Bauforschung, sondern halte sich an die schriftlichen Quellen.

So ist der erste Nachweis einer Synagoge mit 1380 datiert. Doch verweist das Mühlhäuser Rechtsbuch auf Juden in der Stadt schon um 1220. Schriftlich überliefert ist auch die Erweiterung der Synagoge am jetzigen Standort in der unteren Wahlstraße (Jüdenstraße) im Jahr 1474. Sünder: "Als die heutige Synagoge 1841 geweiht wurde, sprach der Rabbi von einem traditionsreichen Boden im Umfeld." Es spreche eigentlich alles dafür, dass sich auch die alte Synagoge dort und nicht am Standort des Rathauses befunden habe. Schon 1384 wird den Überlieferungen zufolge bei der heutigen Ratsstraße von einer Ratsgasse gesprochen. Und: Warum sollte das Rathaus vom Obermarkt zum jetzigen Standort gezogen sein, wie Sünder an eine weitere Überlegung von Lange anknüpft? Nach Aussage des Geschichtsvereinschefs war bis 1548 an der Stelle, wo sich heute das Eingangsgebäude (Standesamt) befindet, ein großer freier, repräsentativer Platz.

"Aus dem, was wir wissen, was den Bau und die schriftlichen Überlieferungen betrifft", so Dr. Wittmann, "spricht alles dafür, dass das Rathaus in der Ratsstraße immer Rathaus und die Synagoge in der Jüdenstraße immer Synagoge war." Auch der Stadtarchivar vermutet, dass der vordere Teil des Kellers, dessen Boden seit 700 Jahren unzerstört ruht, noch so manches Geheimnis bewahrt. Aber keine Mikwe (jüdisches Bad), wie das Lange glaubt.

Besonders spannend ist für den Stadtarchivar die weitere Erforschung des Dachbereichs oberhalb des Rathaus-Ostanbaus von 1568/69, die Ende November, Anfang Dezember von der Jugendbauhütte fortgesetzt wird. Etwa ein Viertel des Raumes sei erst erforscht, das Ergebnis habe die Bauhütte im März der Öffentlichkeit präsentiert. Dazu gehörten gut erhaltene Scherben von farbig verglasten Fenstern aus der Zeit um 1340, eine Vielzahl von Dokumenten, darunter eine Urkunde Kaiser Friedrich III. von 1463, sowie Münzen und andere Gegenstände, die die Jugendlichen aus dem Gewölbeschutt bergen konnten.

Das Landesamt für Denkmalpflege untersucht die in ihrer Qualität einzigartigen Glasfunde und wird die Forschungen begleiten. Wittmann erwartet dabei weitere wertvolle Funde, denn vieles liege noch im Dunkeln. Für nächste Woche kündigte er das erste Ergebnis einer langfristig angelegten Zusammenarbeit mit der Lesser-Stiftung an, die die Erforschung der Geschichte fördert: eine Publikation über die Ausstellung "700 Jahre Rathausgeschichte". Und ab Mai 2011 wird in der Synagoge in Zusammenarbeit mit der Sparkassenkulturstiftung und Dr. Carsten Liesenberg eine tiefgründige Ausstellung über Juden in Mühlhausen zu sehen sein.

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