Ein Krankenhaus gehört in die Mitte der Gesellschaft

Mühlhausen.  Der Mühlhäuser Gabriel Dörner forscht zur Zukunft der Krankenhäuser. Die Neubaupläne im Unstrut-Hainich-Kreis kommen für ihn nicht überraschend.

Der Mühlhäuser Gabriel Dörner plädiert für eine neue Art von Krankenhäusern.

Der Mühlhäuser Gabriel Dörner plädiert für eine neue Art von Krankenhäusern.

Foto: Claudia Bachmann

Der Mühlhäuser Gabriel Dörner (25) studierte Visuelle Kommunikation an der Bauhaus-Universität Weimar und initiierte als Student das Forschungs- und Gestaltungsprojekt „Ästhetik der heilsamen Orte“, das von Krankenhäusern aus der Region und vom Thüringer Gesundheitsministerium unterstützt wurde. Aus einer studentischen Lehrveranstaltung erwuchsen eine Veranstaltungsreihe und eine Publikation, die im September 2019 der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Für den 25-Jährigen kommt die Debatte um einen Krankenhausneubau nicht überraschend. Der angedachte Standort zwischen Schönstedt und Großengottern aber ist für ihn ein fatales Signal.

Wie ordnet sich die Debatte im Unstrut-Hainich-Kreis in die Thüringer Krankenhaus-Landschaft ein?

In vielen Thüringer Städten ist das Phänomen zu beobachten, dass Krankenhäuser sich am Stadtrand befinden, herausgerissen aus dem städtischen Zusammenhang, auf der grünen Wiese neu errichtet wurden als geschlossener und autarker Mikrokosmos – in Gotha, in Weimar, auch in Jena, wo das Krankenhaus aus der Innenstadt wegzog und sich nun in Lobeda befindet. Ich hatte es auch für den Unstrut-Hainich-Kreis befürchtet.

Warum ist das für Sie ein Problem?

Der abseitige und schwer zugängliche Standort des Krankenhauses, seine Unverfügbarkeit und Unsichtbarkeit, aber auch dessen innere Gestalt, seine Atmosphäre und Aufenthaltsqualität – all das repräsentiert den Stellenwert von Krankheit in unserer Gesellschaft. Ein Krankenhaus gehört aber in die Mitte der Gesellschaft.

Ein Neubau ist doch auch eine Chance zu noch moderner Medizin, besseren Heilungschancen? Dagegen kann man doch nichts haben.

Ein Krankenhaus ist mehr als die Ansammlung medizinischer Technik. Aber natürlich: Ein Neubau ist auch eine Chance für einen Bau, in dem man sich zu Hause fühlt. Aber realistisch ist das nicht. Heutzutage müssen Krankenhäuser ausschließlich wirtschaftlich im Sinne von sparsam erbaut werden. Neubauten sind oft schlichter und sachlicher als die alten Häuser. Krankenhäuser sollen funktionieren wie Industriebetriebe. Das ist politisch so gewollt und nicht vorrangig die Schuld der Unternehmensführung. Im Falle des Unstrut-Hainich-Kreises sind auch der Landkreis und die Stadt Bad Langensalza als Gesellschafter daran interessiert, dass Geld erwirtschaftet wird. Aber das ist nicht richtig. Mit Gesundheit sollte man kein Geld verdienen. Das ist eine staatliche Aufgabe, und die braucht Lenkung. Man muss Krankenhäuser neu denken.

Was bedeutet das?

Es wird immer noch unterschätzt, dass eine bauliche Umgebung, die das Wohlbefinden der Menschen fördert, gesundheitserhaltende und sogar -fördernde Wirkung hat. Diese Erkenntnisse sind schon über 50 Jahre alt und finden dennoch kaum Anwendung im klinischen Bereich.

Was meinen Sie konkret?

Es konnte schon vielfach nachgewiesen werden, dass beispielsweise eine Raumgestaltung mit natürlichen Materialien wie Holz und Lehm, aber auch die bloße Anwesenheit von naturassoziierten Farben wie Braun und Grün messbare medizinische Effekte hat. Diese Erkenntnisse werden aber meist nicht als medizinische Maßnahme gewertet, obwohl sie medizinischen Nutzen haben. Wenn die Kosten-Nutzen-Analyse für einen Neubau auch solche Faktoren mit einbeziehen würde, würden die Krankenhäuser ganz anders aussehen.

Wer könnte an dem Trend zu immer effizienter arbeitenden Häusern etwas ändern?

Ärzte und Pflegepersonal sind nur das ausführende Glied in einer unübersichtlichen Kette der Akteure im Gesundheitssystem. Da sind die Entscheidungsträger des Gesundheitssystems, die Manager, Verwalter und Sachbearbeiter in Heilanstalten, Klinikkonzernen, Versicherungsgesellschaften. Da sind die politischen Akteure, die den Rahmen für deren Handeln vorgeben. Und da ist schließlich die Zivilgesellschaft. Wir alle sind verantwortlich für das Gesundheitssystem. Pflegenotstand und Fachkräftemangel sind späte Folgen einer langjährigen auf Effizienz, Rationalisierung und Gewinnoptimierung ausgerichteten Wirtschaft.

Was bedeutet das in der Diskussion um den Standort des Hufeland-Klinikums?

Man muss die Kosten-Nutzen-Rechnung volkswirtschaftlich denken und bei der Debatte um einen Standort Schönstedt/Großengottern auch die Frage stellen: Welche Nachteile haben Mühlhausen und Bad Langensalza, die die Krankenhaus-Standorte verlieren? Was bedeutet eine weitere Versiegelung von landwirtschaftlicher Fläche für die Umwelt? Was der neue Arbeitsort für die Mitarbeiter, was der Standort für die Patienten und Kunden? Die Debatte muss in der gesamten Bevölkerung geführt werden. Wir Mühlhäuser – und auch die Bad Langensalzaer – sollten uns erlauben zu sagen: Das ist unser Krankenhaus.

Wie sieht Ihr Krankenhaus der Zukunft aus?

Ich wünsche mir zunächst, dass unser kleinteiliges und regional ausgerichtetes Versorgungsnetz erhalten bleibt. Eine Republik mit wenigen Superkrankenhäusern, aber auf dem Land schlechter Erreichbarkeit ist für mich kein vorstellbares Szenario. Auch deshalb ist für mich der Standort Schönstedt/Großengottern nicht alternativlos.

Und optisch?

Mit einer veränderten Finanzierung für die Krankenhäuser wären auch weitere Schritte denkbar. Wenn es nach mir ginge, würden wir für die Krankenhäuser der Zukunft eine ganz neue Architektur entwickeln, sowohl baulich-räumlich als auch für ihre soziale Struktur und Zusammensetzung. Der Mensch und das öffentliche Wohl müssen wieder in den Mittelpunkt der medizinischen Versorgung gestellt werden – und Krankenhäuser sich zu multifunktionalen Einheiten entwickeln, in denen individuelle Gesundheit auf Augenhöhe, ganzheitlich ausgerichtet und fernab von Konzerninteressen verhandelt wird.

Sie waren in den vergangenen Monaten bereits auf diesem Sektor beratend tätig. Können Sie sich vorstellen, nach Abschluss Ihres Masterstudiums auch ein Krankenhaus zu leiten?

Ich könnte mir vorstellen, in einem Krankenhaus zu arbeiten, Bauprozesse und Umgestaltungen von Krankenhäusern kritisch zu begleiten und zu evaluieren oder politisch aktiv zu werden. Auch Leute wie wir mit unserer wissenschaftlichen Ausrichtung gehören in Krankenhäuser, nicht nur die Betriebswirte.

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