Ein Leben lang vergewaltigt: Der Leidensweg einer Frau und wie sie Hilfe fand

Landkreis.  Barbara, wie sie sich zum eigenen Schutz nennt, lebt in einer Stadt im Unstrut-Hainich-Kreis. Heute ist sie Ende 50. Als Kind und junge Erwachsene wird sie missbraucht. Hilfe braucht sie immer noch – und findet sie beim Weißen Ring in Mühlhausen.

Etwa jede vierte Frau erlebt in ihrem Leben sexuelle oder körperliche Gewalt, sagt die Statistik. Hinter jeder Tat steckt ein Schicksal, der Mensch, der meist ein Leben lang damit zu kämpfen hat.

Etwa jede vierte Frau erlebt in ihrem Leben sexuelle oder körperliche Gewalt, sagt die Statistik. Hinter jeder Tat steckt ein Schicksal, der Mensch, der meist ein Leben lang damit zu kämpfen hat.

Foto: Christin Klose / dpa

Ende 50 ist sie. Mehr als ein halbes Jahrhundert ist es her, dass in der heimischen Wohnung Missbrauch und Misshandlung beginnen. Mehr als zwei Jahrzehnte lang dauert das Martyrium, das ihr Mutter und Vater und deren Freunde antun. Und es ist noch immer nicht vorbei: „Meine Nächte sind noch immer nicht gut.“

Sie möchte in der Öffentlichkeit Barbara genannt werden, um sich zu schützen. In Thüringens Süden geboren, lebte sie viele Jahre im Zentrum des Freistaats – und nun im Unstrut-Hainich-Kreis. Dort ist sie zum zweiten Mal verheiratet.

Missbrauch gehört seit Kindertagen zum Alltag

Sie möchte dieses Kapitel ihres Lebens abschließen. Und sie möchte vermitteln: Hinter dem, was mancher im Fernsehen sieht, in einer Zeitung oder in einem Buch liest, dahinter stehen Schicksale. „Wer missbraucht und misshandelt wird, kann kein normales Leben führen.“

Sexueller und körperlicher Missbrauch, so sagt sie, gehören seit den Kindertagen zu ihrem Alltag. „Ich habe gedacht, das ist überall so.“

Ruhe findet sie nur in Südthüringen. „Bei Omi, das war Leben.“ Die einfachen Dinge dieser Tage sind im Gedächtnis geblieben: unter den Bäumen sitzen, den Bäumen erzählen, endlich Butter auf dem Brot. „Da war ich in einer anderen Welt: kein Alkohol, keine Schläge und das Wissen: Hier hast du ein Bett ganz für dich allein, hier bist du sicher.“

Die Großmutter ist für sie „der einzige gütige Mensch in meiner Kindheit“.

Ruhe findet sie nur bei der Großmutter

Doch auch der Großmutter erzählt sie von ihrem Schicksal erst, als sie diese nur noch auf dem Friedhof besuchen kann. Anfangs ist die Angst zu groß, dass der Vater der Großmutter etwas antut, später will sie, „dass sie in Frieden sterben kann“, ohne dass das Wissen um das Geschehene auch die Großmutter zerstört.

Selbst als Erwachsene, als sie bereits Mutter zweier Kinder ist, wird sie missbraucht. „So lange ich ihm diene, so lange tut er meinen Kindern nichts an, hat er gesagt.“

Sie braucht Jahre, bis sie das Wort ausgesprochen hat, das benennt, was ihr angetan wird: Vergewaltigung. Erst als sie Anfang 30 ist, holt sie sich medizinische Hilfe. Es ist die Hausärztin, der sie sich als Erster anvertraut, als sie psychisch zusammenbricht, als diese ihr die Ergebnisse einer Brustuntersuchung mitteilt. Die Seele macht es nicht mit: Sie beginnt, sich zu ritzen, schlägt den Kopf vor die Wand, wenn etwas misslingt. Zwänge kommen hinzu, erst sich zu duschen – so lange, bis die Haut dünn ist. Magersucht. Essbrechsucht. Heute ist sie adipös. „Noch immer ist nichts gut. Man kann sich auch mit Gedanken bestrafen.“

Sie leidet unter Ängsten und Zwängen. „Doch ich gehe freundlich durchs Leben.“

Leute mit Verständnis sind wichtig, nicht Mitleid

Sie fühlt sich gut aufgehoben – bei der Hausärztin, der Psychologin, Psychiaterin, seit gut zehn Jahren beim Opferhilfeverband Weißer Ring, der sie in Mühlhausen betreut. Sie alle arbeiten miteinander. „Es war das erste Mal, dass ich erlebt habe, dass sich eine Psychologin mit der Bitte um Hilfe an uns wendet. Für gewöhnlich kommt der Kontakt über die Polizei zustande“, sagt Ronald Haase, der die Ortsgruppe des Weißen Rings in der Kreisstadt leitet.

„Ich habe Glück, auf Leute mit Verständnis getroffen zu sein, Mitleid bringt mir nichts“, sagt die Frau, die seit 1999 erwerbungsunfähig ist und spricht von „Riesenglück, dass ich mit Anfang 40 meinen Mann kennenlernen durfte, der alles mitträgt.“ Der charakterisiert sie als eine „starke, wunderbare Frau“ und ist davon überzeugt: „In jungen Jahren kann man das nicht tragen.“

Sexualität sei bei Barbara nicht möglich. „Ich empfinde nichts dabei. Und doch haben wir einen Weg gefunden, seine Bedürfnisse zu befriedigen.“

Gegen die Familie führt sie keinen Prozess. Vor Gericht zieht sie nur, um Unterstützung nach dem Opferentschädigungsgesetz zu bekommen. Die Kraft, bis zu Ende zu prozessieren, hat sie aber nicht.

Die Außenstelle des Weißen Rings in Mühlhausen leitet Ronald Haase, erreichbar unter Telefon 0151/55164607