Expertin Susanne Rauch: Thema wird vielfach zu lax behandelt

Mühlhausen.  Auch wenn es aus der medialen Öffentlichkeit weitgehend verschwunden ist: Aids ist auch weiterhin ein Thema im Unstrut-Hainich-Kreis

Diese  elektronenmikroskopische Aufnahme zeigt mehrere Humane Immunschwäche-Viren (HIV).

Diese elektronenmikroskopische Aufnahme zeigt mehrere Humane Immunschwäche-Viren (HIV).

Foto: Fotoreport / dpa

2400 Menschen in Deutschland haben sich 2018 mit HIV infiziert – etwa 45 in Thüringen. Diese Zahl nennt das Robert-Koch-Institut anlässlich des Welt-Aids-Tages am 1. Dezember. Zwei Drittel der Infizierten seien Männer. Insgesamt lebten dem Institut zufolge Ende des vergangenen Jahres 540 Menschen mit der HIV-Diagnose im Freistaat, insgesamt seien in Deutschland Ende 2018 rund 87.900 Menschen betroffen gewesen.

„Auch wenn das Thema aus der Öffentlichkeit verschwunden ist: Es ist noch da“, sagt Susanne Rauch. Die gelernte Krankenschwester ist Mitarbeiterin des Gesundheitsamts der Kreisverwaltung. Diese berät in Sachen HIV und sexuell übertragbare Krankheiten. „Noch immer werden Menschen mit HIV diskriminiert – in der Familie, im Freundeskreis, im Job, sogar im Gesundheitswesen“, meint Rauch. Sie habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen mit HIV aus Angst vor Diskriminierung keine ärztliche Hilfe gesucht haben, obwohl es nötig war. Menschen mit HIV litten außerdem häufiger unter Depressionen, die ebenfalls oft unbehandelt bleiben.

Als Anlaufstelle sieht sich daher das Gesundheitsamt am Mühlhäuser Lindenbühl und in der Thamsbrücker Straße in Bad Langensalza. Dort werden anonyme Tests auf das HIV-Virus angeboten. Etwa ein Dutzend seien es pro Jahr – ein positiver sei in den vergangenen Jahren nicht darunter gewesen. Zehn bis 15 Tests pro Jahr in der Kreisbehörde, das ist nach Aussage von Susanne Rauch eine „typische Zahl für eine ländliche Region wie unsere“. Aids sei und bleibe eine ansteckende Krankheit, die mittlerweile aber gut behandelbar ist. „Die Erkrankten stehen unter ständiger medizinischer Kontrolle und könnten auch mit dem Virus alt werden.“

Die Bluttests im Gesundheitsamt sind kostenfrei. Nachgewiesen wird der Virus frühestens sechs Wochen nach der Ansteckung. „Wer ein hohes Risiko glaubt in sich zu tragen, zum Beispiel weil er sich irgendwo im Dark Room aufgehalten hat, der geht gleich zum Arzt oder sucht eine andere Beratungsstelle auf“, vermutet Rauch. Zudem gebe es in der Apotheke Schnelltests zu kaufen.

„Die Forschung hat sich auf diesem Gebiet rasant entwickelt. Dank der Medizin könnten HIV-Infizierte Väter werden, brauchen Frauen, die das Virus in sich tragen, nicht mehr per Kaiserschnitt entbunden zu werden.“

Bei verschiedenen Gesundheitstagen in der Region vermittle man präventiv Informationen, ebenso bei den Schuluntersuchungen in Klasse 8. Dennoch sei in den Umgang mit den Themen HIV und Aids mittlerweile eine gewisse Laxheit eingezogen. Rauch hält das für gefährlich. „Die Krankheit verschwindet nicht, es wird immer wieder neue Infektionen geben.“ Das Robert-Koch-Institut geht von fünf Todesfällen im Jahr in Thüringen aus. Seit Beginn der Epidemie in den 1990ern seien es 75 gewesen. In den alten Bundesländern begann die Epidemie ein Jahrzehnt eher; das Institut gibt die Zahl der Todesfälle bundesweit mit knapp 30.000 an. Zahlen explizit für den Landkreis gibt es nicht. Zwar wird die Erkrankung beim Institut gezählt, ein Infizierter muss aber nirgends angeben, dass er den Virus in sich trägt.

Termine mit dem Gesundheitsamt des Landkreises können vereinbart werden unter Tel.: (03601) 80 23 62 oder (03603) 80 27 59

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