Forschung mit Bad Langensalzaer Gedichten

Bad Langensalza.  Mit Hilfe der Epigramme von Rudolf Pöhlig entstand eine Untersuchung über die Wirkung von Schriftarten.

Der Schriftsteller Rudolf Pöhlig – hier ein Archivbild – veröffentlicht im Heimatboten der Stadt Bad Langensalza seit vielen Jahren Epigramme. Zudem brachte er vier Bücher heraus – wie hier die Salza-Perlen.

Der Schriftsteller Rudolf Pöhlig – hier ein Archivbild – veröffentlicht im Heimatboten der Stadt Bad Langensalza seit vielen Jahren Epigramme. Zudem brachte er vier Bücher heraus – wie hier die Salza-Perlen.

Foto: Susann Fromm

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Wie wirken Schriftarten auf den Leser, welche Wirkung verleihen sie Texten? Diesen Fragen widmete sich der Erfurter Fritz Westphal in einem Beitrag für das Fachmagazin „Die deutsche Schrift“. In der Ausgabe 3/2019 referiert er auf vier Seiten die Geschichte und den Charakter von Schrifttypen wie Antiqua, Textura, Schwabacher oder gedruckten Handschriften.

Dafür waren anschauliche Beispiele nötig. Unterstützung erhielt Fritz Westphal dafür von Rudolf Pöhlig aus Bad Langensalza. Dieser verfasst schon seit vielen Jahren meist vierzeilige Gedichte, so genannte Epigramme, die Bad Langensalzaern durch die Veröffentlichung im Heimatboten bekannt sein dürften, dem städtischen Amtsblatt.

Kontakt über Seniorenredaktion der Thüringer Allgemeine

„Ich hatte einen Mitschüler in Schwerin, der Fritz Westphal hieß. Wir haben uns aus den Augen verloren. Jahrzehntelang hatten wir keinen Kontakt. Irgendwann las ich von ihm auf der Seite der Seniorenredaktion der Thüringer Allgemeine. Er wohnt mittlerweile in Erfurt und geht regelmäßig in die Friederikentherme. Jahrelang läuft er direkt an meinem Haus vorbei“, erinnert sich Rudolf Pöhlig. Durch diesen Zufall wieder vereint, hielten sie nun regelmäßig Kontakt und schließlich kam es zur Zusammenarbeit.

„Schriften haben wie Farben eine Wirkung. So wie Rot eine Signalwirkung hat, Grün beruhigt und Weiß unschuldig wirkt, geben Schriftarten nicht nur den Textinhalt wieder, sondern machen durch ihre Buchstabenform, ihre Lage oder Gewicht auch Empfindungen und Gedanken sichtbar“, schreibt Fritz Westphal. Die Schrift erkläre den Text. Zwar sei die Wirkung individuell unterschiedlich, denn ein wesentlicher Teil hänge von persönlichen Vorlieben, Erfahrungen und Erinnerungen ab, doch einiges sei durchaus zu verallgemeinern.

Am deutlichsten wird die Wirkung unterschiedlicher Schriften – oder in diesem Fall unterschiedlicher Schriftschnitte – in den Gedichten „Lebensstufen“ und „Schlankheitskur“ (siehe Bilder). Der leichte Schnitt in der ersten Hälfte der Lebensstufen wirkt dezent und zurückhaltend, während die zweite Hälfte des Gedichts – passend zum Inhalt – dominant, laut, schwer und träge daherkommt.

Die „Schlankheitskur“ hat Fritz Westphal in einen kursiven Schnitt gesetzt. Durch den Neigungswinkel erhalte der Text Bewegung und Dynamik, was mit dem Stichwort Schlankheit korrespondiert.

Das Gedicht „Pfeifkonzert“ setzte er in eine Antiqua-Schrift aus dem frühen 19. Jahrhundert, genannt Berthold Walbaum Book. Diese Schrift zeichne sich durch einen extremen Strichstärkenkonrast aus, mit dem die Senkrechten betont werden – passend zur Anordnung von Orgelpfeifen.

Fritz Westphal bedient sich der ganzen Fülle des deutschen Wortschatzes, um die Wirkung der verschiedenen Schriften zu beschreiben. So sei die besagte Berthold Walbaum Book klar, edel, gediegen und spannungsreich. Derartige Buchstabenformen stünden auch für Seriosität.

Ganz anders, nämlich ungeniert, frech und plump, komme das Gedicht „Fußballfan“ daher, wenn es in der Schriftart Clarendon gesetzt ist. Es handele sich dabei um eine Linear-Antiqua-Schrift aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, bei der die Serifen, also die Füßchen der Buchstaben, betont werden. „Für längere Textpassagen sind sie jedoch kaum geeignet“, resümiert Fritz Westphal.

Für seine Untersuchung konnte er auf einen reichen Fundus seines Freundes zurückgreifen. Rudolf Pöhlig war 40 Jahre als Deutschlehrer tätig. Schon als Pennäler sei in ihm die Liebe zur Sprache erwacht, die er sich erhalten habe. Inzwischen ist Rudolf Pöhlig 87 Jahre alt. Er veröffentlichte schon auf den Humorseiten verschiedener Zeitungen und brachte vier Bücher heraus. Die Epigramme im Heimatboten seien nicht unbedingt als Kommentare auf das Stadtgeschehen oder die aktuelle Politik zu verstehen. Doch sie alle rühren aus persönlichen Erlebnissen

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