„Jede Abmeldung ist eine zuviel“

Interview der Woche Der Spielausschussvorsitzende Jürgen Kohl äußert sich zur neuen Saison und nimmt Stellung zu aktuellen Problemen

Der Dingelstädter Jürgen Kohl ist seit vielen Jahren Spielausschuss-Vorsitzender des Fußballkreises Eichsfeld/Unstrut-Hainich

Der Dingelstädter Jürgen Kohl ist seit vielen Jahren Spielausschuss-Vorsitzender des Fußballkreises Eichsfeld/Unstrut-Hainich

Foto: OLAF SCHAEFER

Unstrut-Hainich-Kreis.Am kommenden Wochenende starten auch die Fußball-Kreisoberliga sowie die Kreisliga in die neue Saison 2019/2020. Im Interview der Woche bezieht Jürgen Kohl, Spielausschuss-Vorsitzender des Fußballkreises Eichsfeld/Unstrut-Hainich, Stellung zu aktuellen wichtigen Themen, die den Fußball an der Basis und vor allem die Fußballvereine auf Kreisebene betreffen und interessieren.

Sie sprachen im vergangenen Jahr davon, der Fußball sei in der Krise, bedauerten den Rückgang von Mannschaften im Spielbetrieb. Wie sieht es aktuell aus?

In der Saison 2019/20 nehmen 110 Teams der Region Eichsfeld-Unstrut-Hainich von der Verbandsliga bis zur 2. Kreisklasse das Rennen auf. Die Tendenz der Mannschaftsmeldungen ist weiter rückläufig. Im Vergleich zum Ende der letzten Saison hat der Großkreis sechs Mannschaften weniger im Spielbetrieb.

Gab es auch Abmeldungen, die Sie besonders bedauert haben?

Jede Abmeldung ist eine zu viel. Aber wenn ich ehrlich bin, hat es mich nachdenklich gemacht, dass bei den beiden Traditionsvereinen SSV Schlotheim und TSV Breitenworbis kein eigenständiger Spielbetrieb mehr möglich ist. Beide Klubs spielten zu Beginn der 1980iger Jahre in der Bezirksliga Erfurt, der dritthöchsten Spielklasse der ehemaligen DDR. Bedauert habe ich auch, dass der SV Eintracht Wendehausen keine Mannschaft mehr stellen konnte, daher spielt die Kreisliga Unstrut-Hainich nur noch mit insgesamt 13 Vertretungen Dennoch gibt es gibt auch positive Entwicklungen: Der Mühlhäuser Sportverein 2019 nimmt erstmals am Spielbetrieb teil und agiert mit seiner Mannschaft in der 2. Kreisklasse teil.

In der Eichsfelder Kreisliga nehmen in der kommenden Saison 2019/2020 nur zwölf Mannschaften den Kampf um die Punkte auf. Ist das nicht viel zu wenig?

Auf den ersten Blick ja. Gleichwohl gilt es bei der Spielplanung, die Wünsche der Fußballvereine zu berücksichtigen, wobei vor allem der Oktober ein Monat ist, in dem wegen zahlreicher Kirmesfeierlichkeiten kaum komplette Spieltage möglich sind. Bei weniger Mannschaften ist der Puffer für Spielverlegungen wesentlich größer. Die Vereinsvertreter haben diese Entscheidung einstimmig begrüßt.

Um die Aufrechterhaltung des Spielbetriebes zu gewährleisten, konnten bisher zwei Vereine eine Spielgemeinschaft bilden. Auf dem Verbandstag im kommenden Jahr 2020 soll ein Antrag auf Satzungsänderung eingebracht werden, bei dem drei Fußballvereine einer Spielgemeinschaft angehören können. Begrüßen Sie den Antrag?

Ich sehe das äußerst kritisch. Eine Spielgemeinschaft aus drei Vereinen mag kurzfristig Erfolg versprechen, langfristig sehe ich für die betreffenden Vereine allerdings mehr Nachteile als Vorteile. Mit jeder Spielgemeinschaft geht ein Stück Identität verloren. Aus der Identität heraus entwickeln sich Emotionen und Leidenschaft, die für den Fußball – sofern sie positiv unterlegt sind – so wertvoll sind wie das berühmte Salz in der Suppe. Für das Gelingen einer solchen Spielgemeinschaft sind zudem kommunikative Fähigkeiten der Verantwortlichen nötig, damit kein Verein das Gefühl hat, über den Tisch gezogen zu werden.

Was würde eine solche Satzungsänderung dann für die Spielklassenstruktur bedeuten?

Langfristig werden sich circa zehn Zentren bilden, die über mehrere Mannschaften verfügen. Eine Spielklasseneinteilung ergibt sich dann von selbst, da laut Spielordnung, abgesehen von der niedrigsten Spielklasse, nicht mehrere Mannschaften eines Vereins in einer Spielklasse spielen dürfen. Im Nachwuchsbereich haben wir diese Situation schon heute.

Gegen einen Vorschlag zu sein ist immer einfach. Was schlagen Sie allerdings stattdessen vor?

Kleinere Staffeln mit einem flexiblen Spielbetrieb sehe ich als Lösungsansatz. Wichtig ist mir der Erhalt von Derbys und Traditionen, denn ich glaube kaum, dass es langfristig attraktiv für die Fußballer ist, für ein Kreisklassen-Spiel eine Distanz von über 100 Kilometer zurückzulegen. Ich bin in Bernterode bei Worbis im Landkreis Eichsfeld aufgewachsen und kann mich noch genau an die Derbys in den 1980iger Jahren gegen die Teams von Niederorschel und Gerterode erinnern, da war das halbe Dorf auf den Beinen und am Sportplatz . In Niederorschel steht zwar heute am Sportplatz ein hochmodernes Funktionsgebäude, aber eine eigene Fußballmannschaft existiert nicht mehr im Sportverein. Diese Entwicklung kann einfach nicht gut sein.

Die Thüringer Fußball-Landschaft gliedert sich in neun Kreise. Nur in vier Fußballkreisen gibt es noch eine 2. Kreisklasse. Ist diese Spielklasse noch zeitgemäß?

Zeitgemäß sind immer die Spielmodelle, die von den Fußballvereinen angenommen und gewünscht werden. Bei der Spielklassen- und Staffeleinteilung müssen aus meiner Sicht zwei Faktoren eine Berücksichtigung finden. Zum einen sollten die Mannschaften ein ähnliches Leistungsniveau aufweisen und zum anderen gehören zu jeder interessanten Spielklasse auch entsprechend interessante Derbys und kurze Wege. Eine Auflösung der zweiten Kreisklasse würde zu einer Zunahme der Leistungsunterschiede in der ersten Kreisklasse und einer Abmeldung von Mannschaften führen. Jede Woche zu verlieren, macht zudem wenig Freude. Daher ist die zweite Kreisklasse noch zeitgemäß, aber ein Auslaufmodell. In zwei Jahren wird diese Spielklasse nach meiner Meinung der Geschichte angehören, dann, wenn viele Vereine ihre zweiten Mannschaften personell nicht mehr besetzen können.

Beim Kreispokal fallen die regionalen Endspiele weg. Sie haben sich stets für deren Erhalt eingesetzt. Wie traurig sind Sie?

Den Wegfall der regionalen Endspiele habe ich sehr bedauert, weil vor allem das Eichsfelder Finale ein traditionelles Event darstellte. Aber ich möchte nach vorn schauen. Es freut mich, dass sich der Pokalwettbewerb großer Beliebtheit erfreut.

Woran machen Sie die Beliebtheit des Wettbewerbs fest?

Für die Ausrichtung des Pokalfinales am 1. Mai 2020 haben sich acht Vereine beworben, so viele wie nie zuvor. Für die Attraktivität ist auch entscheidend, dass der Pokalsieger im folgenden Spieljahr im Thüringer Pokalwettbewerb startberechtigt ist. Mit ein bisschen Glück winkt dabei ein attraktiver Gegner.

Neben Meisterschaft und dem Kreispokal führt der Kreisfachausschuss Fußball auch eine Futsal-Hallenmeisterschaft durch. Wie ist diesbezüglich der Stand der Vorbereitungen?

Langfristig wollen wir sie diesen Wettbewerb attraktiver gestalten und befinden uns derzeit in Gesprächen mit möglichen regionalen Partnern. Geplant ist, die Endrunde vom Sonntag auf den Freitagabend zu verlegen. Wir versprechen uns davon eine höhere Zuschauerresonanz. Ob dies bereits Anfang 2020 möglich sein wird, werden die Gespräche in den nächsten Wochen zeigen.

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