Jüdische Schicksale aus Mühlhausen dokumentiert

In der Mühlhäuser Synagoge wurde am Donnerstagabend eine Dokumentation zur "Arisierung" in Thüringen eröffnet. Sie wird von Arbeiten begleitet, in der Tilesius- Gymnasiasten konkrete Fälle aus der Stadt belegen.

Winfried Skambraks ist ein Schwiegerenkel des enteigneten jüdischen Fabrikanten Alfred Salfeld von der Firma S.A.Oppé. Foto: Daniel Volkmann

Foto: zgt

Mühlhausen. Seit drei Jahren wandert die Ausstellung "Ausgegrenzt. Ausgeplündert. Ausgelöscht." über die "Arisierung" in Thüringen durch den Freistaat. Mühlhausen, wo sie gestern Abend eröffnet wurde, ist aber eine besondere Station: Zum einen, weil sie in einer Synagoge zu sehen ist. Zum anderen, weil die Forschungsarbeiten von Schülern des Tilesius-Gymnasiums rechtzeitig fertig wurden. In den anderen Städten war das nicht der Fall, lobte Dr. Monika Gibas, die Leiterin der Projektgruppe an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Die Tilesius-Schüler beschäftigen sich mit speziellen Fällen in Mühlhausen und stellten die Ergebnisse ihrer Forschungen gestern Abend in der Rathaushalle vor. Zu sehen sind sie in einem eigenen Ausstellungsteil im Sparkassengebäude in der Brückenstraße. Eine Serie in unserer Zeitung wird folgen.

14 Fälle von Enteignungen in Mühlhausen belegt eine Akte von Herbst 1945, als in Thüringen als erstem Land überhaupt ein Gesetz zur Wiedergutmachung erlassen wurde. Fünf Fälle arbeiteten die Schüler auf, weil sie dazu Unterlagen im Stadtarchiv fanden. Bei den anderen neun müsste im Staatsarchiv geforscht werden, sagte Dr. Helge Wittmann, der Leiter des Mühlhäuser Archivs. Gut zu lesen wären die Akten, forderte er Interessenten auf, sich diesem Thema zu stellen. Es eigne sich auch für Hobbyhistoriker.

Wittmann sprach davon, dass das Erforschen der Nazizeit im Moment "Konjunktur" habe. Die Betroffenen seien tot, was einen freien Blick auf das Thema ermögliche, nannte er einen Grund. "Wer will schon mit seinem geliebten Opa über die Verbrechen der Nazis reden?", stellte der Stadtarchivar dazu als Hintergrund in den Raum.

Dass auch die Mühlhäuser über die "Arisierung" gut informiert waren, belegte Monika Gibas beispielsweise mit einer Anzeige im "Mühlhäuser Anzeiger" vom Frühjahr 1938, als ein Kurzwarenhändler warb und auf den Namen des früheren jüdischen Geschäftsinhabers verwies. Da, meinte Monika Gibas, hätten sich die Mühlhäuser fragen müssen, warum das florierende Geschäft vom Eigentümer plötzlich aufgegeben wurde. Bekannt sind auch Fälle, in denen Mühlhäuser mit dem Verweis auf ihre Parteizugehörigkeit einfach in Wohnungen von Juden einziehen wollten. Im Januar 1945, kurz vor dem Ende der Diktatur, hieß es in einer SS-Zeitung, dass die Deutschen nicht die Unschuldslämmer geben sollten. Sehr wohl hätten sie sich gefreut, als Juden enteignet wurden, zitierte Monika Gibas.

Die Ausstellung in der Synagoge in der Jüdenstraße 24 ist bis 30. Juni dienstags bis freitags und sonntags von 14 bis 17 Uhr zu sehen. Für vormittags können sich Schulklassen und andere Gruppen über das Mühlhäuser Stadtarchiv anmelden.

Zu den Kommentaren