Mit Glockengeläut in Wanfried begrüßt

Katharinenberg.  Die Ereignisse vom November 1989 scheinen aus heutiger Sicht weiterhin unglaublich, einzigartig.

Gäste aus Eschwege treffen sich am ehemaligen Grenzübergang bei Katharinenberg, der am 12. November 1989 geöffnet wurde. Im Bild von links: Jürgen Zick (SPD, ehemaliger BGM Eschwege), Johannes Bruns (SPD, Bürgermeister Mühlhausen), Alexander Heppe (CDU, Bürgermeister Eschwege).

Gäste aus Eschwege treffen sich am ehemaligen Grenzübergang bei Katharinenberg, der am 12. November 1989 geöffnet wurde. Im Bild von links: Jürgen Zick (SPD, ehemaliger BGM Eschwege), Johannes Bruns (SPD, Bürgermeister Mühlhausen), Alexander Heppe (CDU, Bürgermeister Eschwege).

Foto: Alexander Volkmann

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Die drei sternförmig auf das bis dahin abgeschottete Katharinenberg gerichteten Straßen waren binnen weniger Stunden mit Autos zugestopft, nachdem der Hessische Rundfunk am Vormittag des 12. November 1989 auch die Öffnung eines Grenzübergangs zwischen Katharinenberg und Wanfried angekündigt hatte. Gegen 11.30 Uhr fielen sich die ersten Menschen aus Ost und West in die Arme. Aus Faulungen, Lengenfeld/Stein, Struth, Mühlhausen, Diedorf, Heyerode und Wendehausen war der Besucherstrom gen Westen an diesem Sonntag nicht mehr aufzuhalten. Aus der Gegenrichtung kam zunächst nur Trupp von Pioniersoldaten vom Grenztruppenregiment in Mühlhausen mit einem tschechischen Tatra-Autokran, Lastwagen und Trabant-Kübel, die seit den frühen Morgenstunden den Zaun eingerissen hatten. Damit wurde der Verkehr auf der zuvor bedeutungslosen damaligen Fernverkehrsstraße 249 zwischen Wanfried und Katharinenberg nach 28 Jahren deutscher Teilung wieder ins Rollen gebracht. Ergreifende Szenen spielten sich in dem etwas dunklen Waldtal ab, als sich die Menschen aus Ost und West vor überschwänglicher Freude und weinend in den Armen lagen und Musikkapellen spielten. „Wir sind mit einem ganzen Trüppchen von Heyerode aus losgelaufen und als wir zu Fuß in Wanfried angekommen sind, haben die Glocken geläutet“, erinnerte sich Karin Marx. Das sonntägliche Hochamt um 10 Uhr in „St. Cyriakus“ in Heyerode hatte der damalige Pfarrer Norbert Iffland nach nur gut einer Viertelstunde beendet, weil ohnehin nur wenige Leute in der Kirche waren und sich alle diese in Richtung Grenze aufmachen wollten. Dass der friedliche Mauerfall mehr als ein Wunder war, ist vor allem den einstigen Grenzsoldaten sehr bewusst. Schon etwa vier Wochen vor den sensationellen Ereignissen wurde für die Grenzer Ausgangs- und Urlaubssperre verhängt. Von angeblicher Konterrevolution sei den Soldaten damals erzählt worden, berichtet Thomas Schmidt, der in der Nachrichtenkompanie des Grenzregiments 1 in der Mühlhäuser Rosenhof-Kaserne Dienst tat. Am Abend des 11. November 1989 hieß es dann, die Munition abzugeben und am folgenden Morgen ging es hinaus zur Grenze ins Eichsfeld. Am späteren Grenzübergang im Bereich der B 249 wurden Zaun und Pfähle abgebaut und die frühere Straßenverbindung provisorisch hergestellt. Für den damals 20-jährigen Grenzsoldaten aus Heyerode hieß es dann, zurück nach Mühlhausen. Im Vorbeifahren rief ihm sein Vater plötzlich zu: „Komm doch mit!“, als dieser mit hunderten Menschen ins bisherige Sperrgebiet zog. Anfang Februar 1990 wurde Thomas Schmidt dann vorzeitig von seinem Armeedienst entlassen und beschreibt so die damalige Situation: „So etwas kommt nicht wieder.“ Zwischen Wendehausen und dem hessischen Heldra gibt es seit dem 11. März 1990, 13 Uhr, eine weitere ganz normale Ost-West-Verbindung. Nach dem ersten Wochenende der Grenzöffnung hieß es aus Eschwege, dass etwa 58.000 Bürger aus dem anderen Teil Deutschlands zum Besuch der Werra-Meißner-Region genutzt hätten. Das bedeutete wiederum, dass rund 5,8 Millionen D-Mark an Begrüßungsgeldern gezahlt wurden. Stadt- und Gemeindeverwaltungen, Sozialämter, Banken und Post hatten Schwerstarbeit zu verrichten, um dem Ansturm der Massen gerecht zu werden. Die meisten DDR-Bürger wollten nur einmal die neu gewonnene Freiheit genießen, nur ein kleiner Prozentsatz blieb im Westen.

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