Mühlhäuser sucht nach Beweis für verschollene Synagoge

Mit einem Festakt wurde unlängst an die Ersterwähnung des Mühlhäuser Rathauses 1310 erinnert. Doch wurden der Gebäudekomplex oder Teile von ihm schon immer als Rathaus genutzt? Jedenfalls deutete der Leiter des Stadtarchivs, Dr. Helge Wittmann, auf besagter 700-Jahrfeier an, dass noch vieles im Dunkeln liegt.

Blick entlang der Ratsstraße auf das heutige Rathaus, wie es in die historische Altstadt eingezwängt ist. Der Hobbyforscher Roland Lange, der auch mehrere Jahre als Antikhändler arbeitete, wurde durch eine Fernsehsendung über den Pogrom 1096 und 1349/50 in Erfurt angeregt, nach dem Standort der alten Synagoge in Mühlhausen zu suchen, denn in jener Zeit bestand eine große jüdische Gemeinde in der Stadt. Fotos: Daniel Volkmann

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Mühlhausen. Diese Ansicht teilt auch der Mühlhäuser Hobby-Historiker Roland Lange, der im Ergebnis einer fast zweijährigen akribischen Recherche zu der Erkenntnis gelangt: Die Gemäuer gehören zu einer der besterhaltendsten Synagogen Europas.

Ist es nur eine Anreihung von hypothetischen Feststellungen, aus denen der Mühlhäuser seinen spektakulären Schluss zieht? Oder könnte die eine oder andere Auffälligkeit in dem historischen Gemäuer doch ein Indiz dafür sein, dass lange Zeit vor der 1840 erbauten und heute noch bestehenden Synagoge in der Jüdenstraße ein weiteres, viel größeres jüdisches Gotteshaus mit Judenschule bestand? Jedenfalls dokumentierte das Mühlhäuser Rechtsbuch, einer der ältesten Gesetzestexte in deutscher Sprache, Juden schon um 1220 in der Stadt. Schriftlich erwähnt wird auch eine Synagoge um 1380. Wo befand sie sich? War tatsächlich das Rathaus einstmals eine Synagoge?

Was Roland Lange noch fehlt und wonach er sucht, ist ein eindeutiger Beweis dafür. Vielleicht unter der Bemalung am Tonnengewölbe der Rathaushalle? Reste einer hebräischen Schrift etwa? Die wurde zwar gefunden, als junge Leute der Jugendbauhütte im März des Jahres Buntglasfragmente aus der Zeit um 1340 fanden und der Öffentlichkeit präsentierten. Auch Dokumente aus dem 15. und 16. Jahrhundert, darunter besagte hebräische Handschrift, die aber nicht zeitlich zugeordnet werden kann.

Was spricht für die These von Roland Lange? Etwa die Lage an der Schwemmnotte, die ihr Wasser durch einen Teil des Rathauses führt. Wenn man Fundamente eines Gebäudes direkt an einen Bach legt, dann ist man entweder Müller oder Gerber, meint Lange. Aber: Für das rituelle Bad der Juden (Mikwe) brauchte es fließendes Wasser.

Dann der Standort des Rathauses: Statt, wie üblich, an einem repräsentativen öffentlichen Platz steht es in einer engen Gasse. Gut vorstellbar wäre dafür, so der Mühlhäuser, der Obermarkt, wo 1446 die Brotlaube erbaut wurde. Hier sind auch die bekannten Voraussetzungen gegeben: Richt- und Marktplatz, breite Straßen, die größte Kirche (St. Marien) im Hintergrund. Viel Platz für ein repräsentatives Rathaus mit großem Eingangsportal und vielen Fenstern, was am jetzigen Standort fehlt. Im Handbuch deutscher Kunstdenkmäler von 1905 findet sich zum Mühlhäuser Rathaus Folgendes: Planloses Aggregat verschie- denartiger Räume ohne ausgeprägten Stilcharakter. Ein Indiz dafür, dass oft angebaut wurde.

Schließlich die Bemalung des Tonnengewölbes in der Rathaushalle mit Tierfabeln, blauem Himmel und goldenen Sternen. Die sieben Gurtbögen sym- bolisieren nach Auffassung von Lange den 7-armigen Leuchter des Judentums. Nach erstem Durchblättern von zugesandten Fotos und Dossiers zeigte sich die Judaistik-Lehrbeauftragte an der Uni Freiburg, Dr. Jutta Schumacher, "höchst überrascht". Die Malereien an den Gurtbögen würden jüdische Motive aufweisen. Sollten die Malereien tatsächlich aus der Zeit um 1330 stammen, sollte man sie tiefgründig untersuchen.

Dagegen spricht der Autor des Buches "Mittelalterliche Synagogen" und Dozent an der TU Braunschweig, Dr. Simon Paulus, von einem Tuch- oder Kaufhaus, für das der ursprüngliche Bau genutzt worden sein könnte. Dafür - statt für eine Synagoge - sprächen bauliche Argumente. Außerdem: Mühlhausen sei zu klein, zu unbedeutend gewesen für ein solch mächtiges jüdisches Gotteshaus. Doch Lange widerspricht: Mühlhausen war im 12. Jahrhundert eine der größten deutschen Städte. Laut Einwohnerbuch von 1418 zählte sie 9375 Bürger. Damit war sie so groß wie Lübeck, Frankfurt/Main oder Basel und doppelt so groß wie Leipzig. Bei einem Besuch in Mühlhausen kam Dr. Paulus zu der Erkenntnis, dass es sich bei dem Kern- und Erweiterungsbau wohl doch nicht um ein Rathaus gehandelt haben könnte. Er regte eine neue Bauforschung an. Für Roland Lange liegt der Beweis im Keller. Wahrscheinlich würde man bei Ausgrabungen des sogenannten Teufelsbades die Mikwe und Überreste einer zweiten, älteren Mikwe finden.

Fazit: Dass es sich beim heutigen Rathaus beziehungsweise bei Teilen des Gebäudes vielleicht doch um eine große Synagoge gehandelt haben könnte, wird von den Experten zumindest nicht ausgeschlossen. Sollte der Beweis dafür gefunden werden, wäre das für die Stadt und ihre Geschichtsschreibung von unschätzbarer Bedeutung - sie müsste neu geschrieben werden. Frau Dr. Schumacher von der Uni Freiburg spricht in ihrem Brief an Lange gar von einer Sensation.

Im Klartext hieße das dann, dass sich in Mühlhausen in der Zeit, als die Stadt noch zu den größten Städten Deutschlands zählte, eine der größten europäischen Synagogen befand.

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