Mühlhausen: 600 Jahre alter Müll ist ein Schatz für Archäologen

Mühlhausen.  Die Grabungen der Archäologen an der Ecke Lindenbühl/Felchtaer Straße geben Einblick in die Mühlhäuser Stadtgeschichte.

Archäologe Holger Grönwald an der Grabungsstelle am früheren Felchtaer Tor.

Archäologe Holger Grönwald an der Grabungsstelle am früheren Felchtaer Tor.

Foto: Alexander Volkmann

Wie aufschlussreich Jahrhunderte alter Müll und Überreste aus Kloaken für Archäologen sind, zeigen in diesen Tagen die Grabungen am Mühlhäuser Lindenbühl, Ecke Felchtaer Straße. Dort, wo im Februar 2018 ein Mehrfamilienhaus bei einem Großbrand zerstört wurde, haben die Experten des Thüringer Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA) nun zahlreiche Funde gemacht. Dazu gehören Scherben und Münzen aus dem Mittelalter.

Seit drei Wochen ist Grabungsleiter Holger Grönwald hier mit seinem Team zugange. „Wir sind etwas unter Zeitdruck“, sagt der Archäologe. Denn die Baufirmen wollen hier bald loslegen. Investor ist die Familie von Unternehmer Günther Oßwald aus Treffurt. Das Mehrfamilienhaus, das hier entstehen soll, wird 16 Wohnungen und eine Arztpraxis beherbergen, darunter entstehen Keller und Tiefgarage. Erst in der Planungsphase habe sich gezeigt, dass der Baugrund nicht so tragfähig ist, wie erhofft. So müsse der Neubau auf tiefen Pfählen gegründet werden. Oßwald spricht von Zusatzkosten von rund 400.000 Euro.

Doch gerade der schwierige Boden an dieser Stelle ist wohl auch der Grund dafür, dass die Archäologen hier so viele Scherben mehrerer Epochen entdeckt haben. Mehrfach wurde das Areal seit dem Mittelalter überbaut, erklärt Christian Tannhäuser, der für die großen Städte zuständige Gebietsreferent beim TLDA. Einige Keller wurden aufgrund mangelnder Standsicherheit aufgegeben und verfüllt – unter anderem mit haufenweise Keramik und an einer Stelle sogar mit nahezu einem kompletten Kachelofen.

Erste Gebäude wurden im 15. Jahrhundert errichtet

Hunderte Scherben wurden bereits geborgen, doch immer noch steckt vieles im Boden. „Vielleicht das Überbleibsel aus einer nahen Gastwirtschaft im Bereich des Felchtaer Tores“, wie Grönwald vermutet. Ziemlich genau auf der Kante des früheren Stadtgrabens wurden im 15. Jahrhundert die ersten Gebäude an dieser Stelle errichtet – als die Stadtmauer als Befestigung aufgegeben und die Stadt erweitert wurde.

Rund 600 Jahre durchgehende Stadtgeschichte konnten die Archäologen nachweisen. Dazu gehört auch ein Brunnen der 1810 verschlossen wurde, wie eine Münze aus der Zeit belegt. Die Drei-Cent-Münze war von den Besitzern wohl eigens als Hinweis für spätere Generationen am Verschluss des Brunnens hinterlassen worden.

In den nächsten Tagen beginnen die ersten Arbeiten für die Sicherung des Fundaments des bestehenden Nachbarhauses. Danach erfolgt die Gründung der ersten Pfähle. Mit den Überresten der Kloake wollen sich die Archäologen zeitgleich an einer anderen Stelle der Baugrube befassen. Hier sind weitere aufschlussreiche Funde zu erwarten, so Tannhäuser. Die Stadtarchäologen sprechen bei solchen Setzgruben sogar von Schatzkammern. Rund 80 Prozent aller Quellen sei auf diese „Müll-Archäologie“ zurückzuführen, so Tannhäuser. Denn bis zur Einführung der Müllabfuhr im 19. Jahrhundert wurde in der Stadt alles auf dem eigenen Grundstück entsorgt und nur vereinzelt auf umliegenden Felder gebracht.

Im Januar 2021 sollen die Grabungen abgeschlossen sein, dann gehen die Tiefbauarbeiten in die heiße Phase. Die Keller werden nun kartiert; die Funde sollen gereinigt und beim Landesamt registriert und eingelagert werden.