Pandemie verstärkt psychische Erkrankungen

Pfafferode.  Die Nachfrage nach Behandlungsplätzen am Ökumenischen Hainich-Klinikum in Pfafferode ist hoch.

Dass Menschen mit Suchtproblemen Gefahr laufen, tiefer in ihre Erkrankung zu rutschen, bemerkt man derzeit auch am Klinikum in Pfafferode

Dass Menschen mit Suchtproblemen Gefahr laufen, tiefer in ihre Erkrankung zu rutschen, bemerkt man derzeit auch am Klinikum in Pfafferode

Foto: Andrea Fricke / TA

„Vor allem Existenzängste und die fehlenden sozialen Kontakte machen vielen Menschen zu schaffen“, sagt Synan Al-Hashimy. Er ist der Chefarzt für Psychosomatik und Psychotherapie im Ökumenischen Hainich-Klinikum (ÖHK) in Pfafferode. Für diejenigen, die unter psychischen Erkrankungen leiden, stelle die Pandemie eine besondere Herausforderung dar. Viele Dinge, die den Betroffenen im Alltag Halt gegeben haben, fallen durch die Coronamaßnahmen weg. Seelische Erkrankungen, wie Depressionen, Angst- oder Zwangsstörungen, können sich durch die derzeitigen Umstände verschlechtern. Alle aktuellen Infos im kostenfreien Corona-Liveblog

Patienten, die beispielsweise unter einem Waschzwang litten, hätten das Gefühl, durch exzessives Händewaschen und Desinfizieren ihre Welt kontrollieren zu können, sagt Al-Hashimy. Auch psychosomatische Beschwerden, wie Kopfschmerzen oder Schmerzen in der Brust, würden vermehrt auftreten. Diese entstünden meist durch Stress und körperliche Anspannung und verursachten Schmerzen, die rein medizinisch nicht erklärt werden könnten. „Das Schlimme für die Betroffenen ist, dass man das Virus nicht mit den Sinnen wahrnehmen kann. Es ist ein unsichtbarer und unbekannter Gegner“, so Al-Hashimy.

Schutzmasken verhindern Verständigung mit den Patienten

Die Ausnahmesituation, die das Virus schafft, ist für Demenzkranke kaum nachzuvollziehen. Sie seien verunsichert, wenn das Betreuungspersonal einen Mund- und Nasenschutz trage. „Viele Menschen sind auf die Mimik des Gegenübers angewiesen. Durch die Maske verstehen uns die Patienten schlechter und können auch Emotionen schwerer einschätzen“, sagt Peggy Begrich. Sie ist die leitende Oberärztin in der Gerontopsychiatrie. Manche bekämen Angst, würden unruhig oder aggressiv oder zögen sich immer mehr zurück.

Dass Menschen mit Suchtproblemen Gefahr laufen, tiefer in ihre Erkrankung zu rutschen, bemerkt man auch in der Abteilung für Suchtmedizin, in der Katharina Schoett als Chefärztin arbeitet. Für sie sei es ein „Akt der Menschlichkeit“, Suchtkranken zu helfen, denen derzeit die Anlaufstellen fehlten. Denn viele Hilfseinrichtungen arbeiten aufgrund der Quarantäne-Maßnahmen eingeschränkt. Hinzu komme, dass einige Krankenhäuser wie das ÖHK ihre Betten für Suchtkranke zu Infektionsbetten umfunktioniert hätten. „So bleibt vielen oft nur eine Verschlimmerung der Erkrankung oder ein Nachsuchen nach professioneller, auch stationärer, Hilfe bei uns“, sagt Schoett. Die Betten im ÖHK wären über Wochen maximal belegt, da die Nachfrage nach Behandlungsplätzen entsprechend hoch sei.

Wichtig wäre jetzt, dass die Betroffenen nicht hinten runter fallen, denn Behandlungsangebote seien für viele existenziell, sagt Thomas Zarnitz. Er ist der leitende Arzt der psychiatrischen Institutsambulanz. Viele Menschen seien sehr froh, dass dort der Betrieb weiterlaufe und der Kontakt zu Pflegepersonal und Ärzten unter den gängigen Hygienevorschriften weiter möglich ist.

Um in der jetzigen Situation das Behandlungsangebot auszubauen, hat das ÖHK Anfang April einen ambulanten Bereich in der neuen Tagesklinik in Bad Langensalza eröffnet. Eine weitere ambulante Zweigstelle ist für Arnstadt geplant.