Traumberuf im zweiten Anlauf

Landkreis.  Tanja Kempen aus Menteroda hat mit 32 Jahren noch einmal ein Studium angefangen und will nun anderen Mut machen, zu studieren.

Tanja Kempen aus Menteroda ist Forstwissenschaftlerin und will andere ermutigen, zu studieren.

Tanja Kempen aus Menteroda ist Forstwissenschaftlerin und will andere ermutigen, zu studieren.

Foto: Alexander Volkmann

Tanja Kempen hat ihren Traumberuf gefunden. Dafür brauchte es aber einen zweiten Anlauf. An der Universität Göttingen studiert die 36-Jährige nun Forstwissenschaften, Schwerpunkt Waldnaturschutz. Beinahe hätte sie sich ihren Berufswunsch aber nicht erfüllt. Zu groß waren die Bedenken, nach dem Abitur ein teures Studium zu beginnen und dabei nicht zu wissen, wie die Zukunftsperspektiven aussehen.

Experten in Forstwissenschaften angesichts Klimawandel gefragt

Nun will sie anderen die Angst vor einem Studium nehmen und engagiert sich als Mentorin bei ArbeiterKind.de, einer gemeinnützigen Organisation für alle, die als Erste in ihrer Familie studieren möchten.

„Ich wollte eigentlich schon immer etwas Grünes machen“, sagt Tanja Kempen, die in Lengefeld aufgewachsen ist und nun mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Menteroda lebt. Ihren Bachelor hat sie in der Regelstudienzeit geschafft, nun beginnt das Masterstudium. Ihr Ziel: Der Doktortitel und dann in der Forschung arbeiten.

Wie sich der Wald in den nächsten Jahrzehnten unter Einfluss des Klimawandels entwickelt, ist dabei gerade einer der aktuellen Aspekte. Hier herrscht Forschungsbedarf, Experten sind gefragt.

Ausbildung für Job in der Privatwirtschaft erschien als sicherste Variante

Vor gut 18 Jahren war das nicht abzusehen. „Damals haben viele gesagt, im Forst werde schlecht bezahlt und es gebe keine Jobs. Deshalb bin ich in die Privatwirtschaft gegangen. Ich habe mich einfach nicht getraut“, sagt Tanja Kempen. Dass ihre Eltern das Studium mitfinanziert hätten, ist für die 36-Jährige klar. Doch sie wollte unabhängig sein, ihr eigenes Geld verdienen.

Keine Einnahmen, dazu noch laufende Kosten – das war keine Option. Hätte sie damals jemanden gehabt, der ihr die vielen Finanzierungsmöglichkeiten für ein Studium aufzeigt, wäre ihr Berufsweg wohl ein anderer geworden.

Zehn Jahre lang ist sie im Vertrieb und im Produktmanagement tätig, lebt und arbeitet in Ludwigshafen und München. Die Zweifel bleiben. Und offenbar auch viele andere hadern mit ihrer Entscheidung: Etwa die Hälfte der Menschen, mit denen Tanja Kempen die Ausbildung begonnen hatte, machen jetzt etwas anderes, erklärt sie.

Herkunft spielt bei Entscheidung für ein Studium oft eine Rolle

In München lernt sie die Ehrenamtlichen von ArbeiterKind.de kennen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Schüler aus Familien ohne Hochschulerfahrung über ein Studium und dessen Finanzierung zu informieren und sie dazu zu ermutigen. Für Tanja Kempen war auch das ein Auslöser, an der Universität noch einmal ganz von vorne anzufangen und mit 32 Jahren aus einem gut bezahlten Job in den Hörsaal zu wechseln – neben der Heirat und der Geburt der beiden Kinder einer der glücklichen Umstände in ihrem Leben.

Nun will auch Tanja Kempen anderen Menschen Mut machen, zu studieren, und engagiert sich deshalb selbst als Mentorin bei ArbeiterKind.de. „Sicher geht es nicht darum, dass jeder Jugendliche nach der Schule studiert“, macht sie deutlich, „aber wir wollen denen helfen, die es könnten, sich aber nicht trauen.“

Dabei spielt, laut einer Studie, oft auch die Herkunft eine Rolle. Nach einer Untersuchung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung beginnen von 100 Kindern aus Akademikerfamilien 79 ein Hochschulstudium, während sich von 100 Kindern aus Familien ohne Hochschulerfahrung nur 27 für ein Studium entscheiden. Dieses Verhältnis sei in den vergangenen Jahren konstant geblieben. „Es gibt einfach Informationsdefizite, wenn niemand aus der Familie studiert hat“, sagt Tanja Kempen.

Angebote für Stipendien sind oft nicht bekannt

Auch in Erfurt, Jena und Göttingen gibt es Gruppen – insgesamt 80 in ganz Deutschland mit etwa 6000 Ehrenamtlichen. Sie erzählen ihre persönliche Bildungsgeschichte, informieren über Studienmöglichkeiten und geben Tipps zur Finanzierung.

Dabei ist ein Stipendium eine Möglichkeit und gar nicht so rar, wie man denkt, weiß Tanja Kempen. „Es gibt zahlreiche kleine Anbieter, die viel zu wenig bekannt sind.“ Das sei nicht nur etwas für geistige Überflieger, oft zähle auch das persönliche Engagement, weshalb die Bewerbung um ein Stipendium wichtig sei. Auch dabei könne ArbeiterKind.de helfen.

Die Gruppen agieren dabei vor allem in Hochschul- oder Universitätsstädten. Doch gerne würde Tanja Kempen auch im Unstrut-Hainich-Kreis Schüler und Schülerinnen informieren. Denn Hochschule und Universität seien immer noch die „große Unbekannte“. Nach der Schule eine Ausbildung zu machen, sei vermeintlich sicherer, sagt sie. Doch eines hat Tanja Kempen gelernt: „Wenn man sich rein hängt und seinen Traumberuf mit Spaß macht, bekommt man auch einen Job.“

Weitere Informationen gibt es im Internet unter arbeiterkind.de/thueringen.