Unstrut-Hainich-Kreis: Immer weniger Menschen lassen sich vom Pfarrer bestatten

Unstrut-Hainich-Kreis.  In den Städten geht der Beerdigungstrend zum weltlichen Trauerredner. Auf dem Dorf ist die Kirche weiter die erste Anlaufstelle.

Zum Totensonntag ist auf den Friedhöfen viel los. Die Bestattungskultur hat sich im Laufe der Jahre verändert.

Zum Totensonntag ist auf den Friedhöfen viel los. Die Bestattungskultur hat sich im Laufe der Jahre verändert.

Foto: Jürgen Theobald / FUNKE Foto Services

Die Bestattungskultur ist im Wandel. In den Städten mehr noch als auf den Dörfern der Region.

Teja Begrich, Marc Pokoj und Tobias Krüger sind die Pfarrer der evangelischen Gemeinde der Kreisstadt und dabei nicht nur in Mühlhausen unterwegs.

Pokoj sagt von sich: Er beerdige gern. „Da ist man nah bei den Menschen.“ Genauso wie bei der Taufe. „Es gibt nichts Natürlicheres als Geburt und Tod.“ Die erfüllendste Beerdigung sei dabei die mit einer Aussegnung, „dann bekommt das Leben einen guten Abschluss“. Doch sei das inzwischen eine absolute Seltenheit. Bis Ende Oktober waren es drei Beerdigungen, zu denen Pokoj gerufen wurde. So wenige wie noch nie in seiner Mühlhausen-Zeit.

Dabei: Es liegt nicht daran, dass die Zahl der Christen unter den Toten derart gesunken ist. „Da sind viele gute Kirchenmenschen darunter, über deren Beerdigung ich erst später erfahren habe“, sagt Begrich. „Da war ich immer zu Gast zu Geburtstagen.“

Immer mehr sind es die Bestattungsinstitute, die die Gestaltung einer Trauerfeier übernehmen, immer mehr auch freie Trauerredner. Sie sind in der Ausgestaltung einer Beerdigung flexibler. „Wir haben unseren starren Rahmen, der aber kann auch Halt geben“, sagt Begrich.

Es sei kein Mühlhäuser Problem, sondern eines der Städte, meint Tobias Krüger. Wenn es um den Tod geht, will kaum einer mehr was mit der Kirche zu tun haben. Im Gegensatz zu freudigen Festen wie Taufe, Konfirmation und Trauung.

Kulturverfall begann mit Rosenblättern

Und wenn dann tatsächlich kirchlich bestattet wird, dann geschieht auch das anders als vor Jahren. „Geht es nach manchen Angehörigen, müsste ich nicht mal im Talar kommen, und von Gott bräuchte ich auch nicht zu erzählen, aber das Vaterunser beten, weil es der Verstorbene so gern getan hat“, sagt Pokoj.

Begrich findet drastische Worte: „Der Kulturverfall begann damit, dass Rosenblätter auf die Särge und Urnen geschaufelt wurden. Man beerdigt nicht mit Rosenblättern; man beerdigt mit Erde.“

Schleifen an Särgen, Schlager und kleine Giveaways – für die drei Mühlhäuser Pfarrer gehört das nicht zu einer Beerdigung. Ebenso wenig Elektrokerzen oder das an die Wand gebeamte Bild des Verstorbenen zu Trauerfeier. „Es ist ein Verfall der Kultur, ein Verlust“, sagt Begrich. Beerdigungen seien vielfach unnatürlich geworden, „obwohl es das Natürlichste ist. Ich spüre, dass keiner weiß, was er machen soll. Niemand traut sich ans Grab, es wirkt vieles sehr verkrampft.“

Ein rein Mühlhäuser Problem macht Begrich dann doch aus: Die „unverschämt hohen Kosten“ für das Nutzen der Trauerhalle führen dazu, dass immer öfter nur am Grab beerdigt wird. „Einer Stadt muss es etwas wert sein, dass ihre Menschen auch würdevoll bestattet werden.“ Die Frage nach dem Geld werde immer virulenter, meint Krüger.

Der katholische Pfarrer Andreas Anhalt aus Mühlhausen sieht in seiner Gemeinde in diesem Zusammenhang noch eine Veränderung: Immer öfter werden die Trauerfeiern in der Kirche abgehalten. Die Beerdigung oder die Urnenbeisetzung erfolgt danach oder einige Tage später.

Dörfer setzen auch bei Beerdigung auf Tradition

Auch in der katholischen Kirche werden immer weniger Mitglieder im kirchlichen Rahmen bestattet. Im vergangenen Jahr wurde Anhalt zu lediglich 60 Prozent aller Beerdigungen gerufen, bei denen Gemeindemitglieder beigesetzt wurden. „Ein deutlicher Rückgang“, sagt er. Das könnte daran liegen, dass Menschen zunehmend die Bindung zur Kirche verloren haben. Aber selbst wenn die Gestorbenen treue Kirchengänger gewesen sind, liege die Organisation in den Händen der Angehörigen, die oftmals nichts mit den Institutionen zu tun haben wollen.

Den Trend hin zur weltlichen Bestattung sieht der evangelische Pfarrer Klemens Müller aus Großvargula auf dem Dorf nicht. „Wer Mitglied der Kirchengemeinde ist, wird auch vom Pfarrer beerdigt.“ Einen Wandel aber konnte er trotzdem feststellen. „Im Großen und Ganzen setzen unsere Mitglieder auf Tradition. Zu einer Beerdigung gehören Orgel und christliche Choräle“, sagt Müller. Allerdings werden inzwischen auch immer mehr persönliche Dinge eingebaut – Lieblingslieder, Gedichte und persönliche Worte von Freunden. „Das finde ich aber in Ordnung“, sagt Müller. Die Art der Bestattung gehe aber auch auf dem Dorf immer mehr Richtung Gemeinschaftsgrabanlage, so der Pfarrer.

Annemarie Sommer aus Kirchheilingen kann keinen kirchlichen Beerdigungsschwund in ihren ländlich geprägten Gemeinden feststellen. „Auf dem Dorf ist die Beziehung zum Pfarrer eng. Man kennt sich“, sagt sie. Aus ihrer Zeit in Erfurt wisse sie, dass es in den Städten oft anonymer läuft. Auch die Trauerfeiern seien in der Stadt weniger traditionell. „Bei uns gehört ein Gottesdienst mit Gebet und Liedern dazu. In der Stadt wird viel nur noch vom Player abgespielt.“ Außenstehende könnten heutzutage kaum noch zwischen einer weltlichen und einer kirchlichen Trauerfeier unterscheiden.