Vom Polarkreis nach Deutschland und ein besonderes Abitur

Mühlhausen  Besondere Geschichten unsere Leser im Corona-Jahr 2020

Katja und Sebastian Richardt aus Eigenrieden reisten Mitte 2020 mit ihren fünf Kindern per Fahrrad von Skandinavien aus zurück nach Deutschland.

Katja und Sebastian Richardt aus Eigenrieden reisten Mitte 2020 mit ihren fünf Kindern per Fahrrad von Skandinavien aus zurück nach Deutschland.

Foto: Sebastian Richardt

Was war das für ein Jahr. Wer hätte im März 2020 geglaubt, Corona könnte uns dermaßen das Jahr vermiesen? Und sie ist noch nicht vorbei, die Pandemie, die nicht nur für Unannehmlichkeiten im Privaten, durch abgesagte Familienfeiern, oder Stress durch Homeoffice und zeitgleiche Kinderbetreuung sorgt. Corona ist vor allem Auslöser von Existenzängsten bei Unternehmern, wie Einzelhändlern und Solo-Selbstständigen. Aber in der Pandemie sind auch viele neue Ideen entstanden, Betriebe haben neue Produkte und Konzepte entwickelt. Und es gab auch viele positive Nachrichten. Drei Beispiele aus dem Unstrut-Hainich-Kreis zeigen, wie Menschen im Jahr 2020 durch die Corona-Krise gekommen sind.

Großfamilie reist mit dem Fahrrad vom Polarkreis nach Deutschland: Im Februar brachen Katja (41) und Sebastian Richardt (42) aus Eigenrieden mit ihren fünf Kindern ohne Auto und ohne Flugzeug zum Urlaub auf. Zwei Jahre lang hatten sie dieses „Sabbatical“ – eine Auszeit vom Job über einen längeren Zeitraum – vorbereitet. „Ziel unserer Reise war und ist es, zu zeigen, dass ein nachhaltiger Urlaub machbar ist.“

Geplant gewesen sei im ersten Teil ein Winter in Skandinavien, auf Bauernhöfen in Schweden, Norwegen und Finnland. Herberge gegen Arbeitsleistung, so die Devise. Ursprünglich sollte es nach drei Monaten zurück nach Deutschland gehen, wo eine lange Radtour geplant war. Doch die Pandemie führte zu einer Verlängerung des Aufenthaltes in Nordeuropa. Die Transportmöglichkeiten für eine Rückreise schränkten sich immer stärker ein. Ein Flug sei allerdings schon wegen des Nachhaltigkeitsgedanken der Reise nicht in Frage gekommen. Bis Mai lebte die Familie auf einer Farm in Norwegen. Die Idee: Mit dem Fahrrad nach Deutschland zurückfahren. Die Räder und die Ausrüstung wurden gekauft. Dann ging es los, vom Polarkreis in die Mitte Deutschlands.


Zweieinhalb Monate war Familie Richardt dafür unterwegs, erlebte Höhen und Tiefen, und kam an die körperlichen und psychischen Grenzen. „Die Reise an sich war schon schwierig, Corona und die sich ständig ändernden Bestimmungen haben es nicht einfacher gemacht. Wir trafen aber viele hilfsbereite Menschen.“

Diese Herausforderung hat die Großfamilie gemeinsam gemeistert. Ihre Ambition, anderen Menschen Alternativen zum Massentourismus aufzuzeigen, bleibt – trotz oder gerade wegen Corona. Einen Eindruck von ihrer unvergesslichen Reise vermitteln Katja, Sebastian und die Kinder Erik, Annabelle, die Zwillinge Evelin und Amelie sowie Björn auf ihrer Internetseite famtour.de

Eine ganz besondere Zeugnisübergabe: Es gab, bei aller Belastung, auch schöne Momente. Wie die feierliche Zeugnisausgabe an die Abiturienten des Salza-Gymnasiums in Bad Langensalza. Corona brachte den diesjährigen Abiturjahrgang ganz schön in Bedrängnis, erklärt Lehrer Dieter Hessler. Der Shutdown und dann die nur gruppenweise Vorbereitung auf die Abiturprüfungen bereiteten Schülern und Lehrern manches Kopfzerbrechen. Die Stadt Bad Langensalza stellte das Kultur- und Kongresszentrum für die Prüfungen zur Verfügung, damit alle Hygieneauflagen erfüllt werden konnten.


Später stand vor der Schulleitung das Problem, wie man einen solchen Abiturjahrgang verabschiedet und dabei die Traditionen fortführt. Der von den Abiturienten gespendete Baum an die Stadt wurde lediglich von den Kurssprechern symbolisch an der Kreuzung Erfurter/Gothaer Straße gepflanzt. Mit Unterstützung von Stadt und Schülern wurde die Zeugnisausgabe mit Abstand unter den 200 Personen vorbereitet. Dabei konnten die Teilnehmer des Festaktes auf den Park des Friederikenschlössschens ausweichen.

„Dadurch entwickelte sich eine stimmungsvolle Zeugnisausgabe mit einem wunderschönen Ambiente“, wie Hessler sagt. Die Abiturienten verließen die Veranstaltung dann durch das Schlösschen und wurden am Ausgang doch noch traditionsgemäß mit den Eichenlaubkränzen gekrönt, die von den 11. Klassen angefertigt worden waren. Der anschließende Eintrag in das goldene Buch der Stadt Bad Langensalza beendete eine ganz besonders eindrucksvolle Veranstaltung.

Zwischen Elternzeit und Haareschneiden: Loyalität und Familienzeit prägten das Jahr von Julia Hössel. Es sei ein turbulentes Jahr gewesen für die Inhaberin der Friseur- und Kosmetiksalons Haarfein in Mühlhausen und Großengottern. Kurz nach ihrer Rückkehr aus der Elternzeit musste Julia Hössel Anfang des Jahres eine Kollegin entlassen. Dann kam Corona. „Ich dachte, jetzt geht es wieder bergauf“, aber dann kam der erste Lockdown und es ging erstmal bergab.“


Dabei hätte in diesem Jahr ein kleines Jubiläum auf dem Plan gestanden: Das Haarfein wurde fünf Jahre alt. Statt einer Feier musste die Inhaberin und dreifache Mutter ihre Salons für sieben Wochen coronabedingt schließen. In dieser Zeit hätte sich die Loyalität ihrer Mitarbeiter und Kunden sehr deutlich gezeigt.


Als Julia Hössel im Juli eine neue Kollegin einstellte, war das Team wieder komplett. „Wir sind mittlerweile ein gutes Dreiergespann. Die Arbeit macht wieder richtig Spaß.“ Deswegen besinnt sich die Friseurin rückblickend auf die positiven Momente des Jahres 2020 – trotz des neuerlichen Lockdowns seit Mitte Dezember: „Das letzte Jahr hat mir deutlich gezeigt, dass meine Kolleginnen immer hinter mir stehen und bereit sind, alles zu geben. So wie kurz vorm zweiten Lockdown, als sie Tag und Nacht mit mir im Laden standen und Kundentermine aus drei Wochen in zwei Tagen abgearbeitet haben“, so Julia Hössel. „Für mein Familienleben ist positiv, dass ich jetzt wieder viel Zeit mit meinen Kindern verbringen kann, ohne Angst haben zu müssen, Kundschaft zu verlieren.“

Führungswechsel im Versicherungsteam: Auch für Klaus-Uwe Melle und Silja Meyer ist 2020 eine Zeit des Umbruchs gewesen. Von 1995 bis 2020 leitete Melle die LVM-Versicherungsagentur in Mühlhausen. Im November gab er seinen Chefposten an seine langjährige Mitarbeiterin Silja Meyer ab. „In der heutigen Zeit ist die Unternehmensnachfolge ein brisantes Thema. Deshalb bin ich froh, dass es bei uns so reibungslos über die Bühne gegangen ist“, sagt Melle.


Denn das Corona-Jahr bedeutete auch für die Versicherungsfachleute eine Herausforderung. Durch die eingeschränkten persönlichen Kontakte musste man auch am Untermarkt 29 neue digitale Wege gehen und vermehrt auf die Beratung per Telefon oder Internet setzen.
„Der entscheidende Moment 2020 ist aber nicht Corona, sondern der Wechsel in unserer Führung“, sagt Klaus-Uwe Melle. Die Versicherungsfachfrau Silja Mayer begann 2009 ihre Ausbildung im Unternehmen in Mühlhausen. Auch für sie war die Übernahme der Position ein besonderer Moment, weil man plötzlich von der Mitarbeiterin zur Chefin wurde. Nun leitet sie das dreiköpfige Team der LVM in Mühlhausen.
Klaus-Uwe Melle bleibe der Agentur aber weiterhin erhalten – nun allerdings als Mitarbeiter. Er will sich nach eigenen Angaben weiterhin seinen beiden Fachgebieten widmen: der Schadensbearbeitung und der Kundenbetreuung.