Wie eine Straßenecke nahe Mühlhausen zum Film-Drehort wird

Claudia Bachmann
| Lesedauer: 4 Minuten
Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges war dieses Foto des amerikanischen Frontberichterstatters Charles Eugene Sumners (1923 bis 2004) in Oberdorla aufgenommen worden und ging um die Welt.

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges war dieses Foto des amerikanischen Frontberichterstatters Charles Eugene Sumners (1923 bis 2004) in Oberdorla aufgenommen worden und ging um die Welt.

Foto: Charles Eugene Sumners

Oberdorla.  Seit 2019 wurde im Unstrut-Hainich-Kreis mit Zeitzeugen aufgearbeitet, wie ein toter Soldat Menschen über Generationen und Ländergrenzen hinweg bewegt. Nächste Woche kommt der Film ins Fernsehen.

Das Foto des toten amerikanischen Weltkriegssoldaten, der am 4. April 1945 mitten in Oberdorla liegt, es lässt Regisseurin Christa Pfafferott nicht mehr los. Seit 2019 drehte sie ihren Film „Die Ecke“. Am Wochenende wurde er in Oberdorla gezeigt.

Marie Kleinschmidt, zum Kriegsende gerade fünf Jahre alt, und Leni Weißenborn, damals 20, erzählen, wie sie sich an das Geschehen erinnern. „Was für ein Geschenk, dass wir sie getroffen haben“, sagt Pfafferott.

Das Foto, das die Regisseurin zur Recherche animierte, stammt vom Fotograf Charles Eugene Sumners (1923 - 2004). Er hielt fest, wie in der Heyeröder Straße, an der Ecke zum Sperlingsberg, der Soldat Robert V. Wynne aus Texas (damals 19) starb.

Das Foto ging um die Welt und wurde nach Veröffentlichungen in amerikanischen Zeitungen als eines der hundert besten Kriegsfotos gekürt: Eine Person rennt über die Straße, auf der ein Panzer zu sehen ist. Hinter einer Ecke lauern zwei Soldaten, Gewehre in den Händen, Helme auf dem Kopf. Halb verdeckt von den Rädern eines Pferdefuhrwerks liegt ein anderer Soldat. Er wurde erschossen.

Aus Richtung Wald waren die Amerikaner in Oberdorla eingerückt. Der Volkssturm, das letzte Aufgebot der Wehrmacht, war in diesem Moment bereits aus dem Dorf geflohen, so erzählt es im Film Chronist Eckhard Naumann.

Über die Heyeröder Straße zogen die Soldaten in Richtung Anger. Unter ihnen Robert V. Wynne. Er wurde an der Ecke zum Sperlingsberg erschossen.

Pfafferott, Autorin und Regisseurin aus Hamburg, rekonstruierte die Ereignisse rund um den Tod des Soldaten. Der eineinhalb Stunden lange Dokumentarstreifen behandelt aber auch die Frage: Wie gehen wir mit Erinnerung um? „Ein Foto hat uns gezeigt, dass ein einzelner Tod im Krieg so viele Menschen über Generationen, Jahre und Ländergrenzen hinweg berührt. Die Dreharbeiten haben gezeigt, wie tief ein Krieg wirkt, wie sehr er in den Köpfen und Herzen der Menschen bleibt.“

Persönliche Erinnerungen stehen im Vordergrund

Pfafferott entschloss sich 2019, mit einer befreundeten Kamerafrau Oberdorla zu besuchen. Beim Gang durchs Dorf mit Naumann traf sie auf Marie Kleinschmidt. Sie sollte im Film zu einer wesentlichen Protagonistin werden. Ihre Mutter habe 1945 mitgeholfen, den Soldaten von der Straße zu ziehen. 361 Tage vor Robert V. Wynne sei auch Marie Kleinschmidts Vater gefallen. Eine Parallele, die eine tiefe emotionale Verbindung zwischen ihr, ihrer Mutter und dem toten amerikanischen Soldaten entstehen ließ. Sie erinnert sich: Wynne habe eine Schusswunde im Kopf gehabt, direkt zwischen den Augenbrauen. Naumann dagegen spricht von einem Schuss in den Rücken. Christa Pfafferott lässt beide Aussagen nebeneinanderstehen, wertet nicht, klassifiziert die Erinnerungen nicht in wahr oder falsch. Vielmehr stellt sie die persönlichen Erinnerungen in den Mittelpunkt.

Den Schuss soll ein Wehrmachtssoldat abgegeben haben. So zumindest sagen es einige Berichte. Ausfindig gemacht wurde der Schütze nie. Und nicht jeder in Oberdorla ist überzeugt, dass es ein deutscher Soldat war.

Genährt werden die Zweifel auch durch das Foto selbst. Denn die beiden Soldaten, die hinter der Ecke lauern, stehen mit dem Rücken zu der Richtung, aus der – nach übereinstimmenden Berichten von Zeitzeugen – der Schuss kam.

Film als Zeugnis gegen das Vergessen

Dirk Labudde, Professor für Forensik an der Hochschule in Mittweida in Sachsen, stellt den Tatort dreidimensional nach. Er meint, die Szene könnte auch im Nachhinein noch einmal gestellt worden sein.

Für den Film braucht es diese Gewissheit nicht. Er will nicht erklären, er ist ein Zeugnis gegen das Vergessen.

Der Film gewinnt in jenen Szenen an Tiefe, in denen Robert Culverhouse nach dem Geschehenen fragt, seine Gefühle einbringt. Er ist der Großneffe des erschossenen Wynne, für den es in der Heyeröder Straße einen Gedenkstein gibt. In den Niederlanden pflegt eine Frau sein Grab, in Texas gibt es einen Gedenkstein. „Es scheint“, sagt Christa Pfafferott, „als sei unser toter Soldat in der Welt aufgeteilt.“

Den Filmabend, ein Pre-View für die Ausstrahlung des Films am Montag, 21. November, 23.40 Uhr bei Arte, hatte der MDR organisiert. Das Interesse der Vogteier war groß. Mehr als 200 Menschen waren gekommen.