„Wir wollten keine Experimente“

Oberdorla.  Der inzwischen 79-jährige Oberdorlaer Martin Melzer sieht beim Blick zurück auf den Wendeherbst die Bürgerbewegung zu wenig wertgeschätzt

Martin Melzer – hier mit dem  Ehrenbrief des Freistaats, den er  von der damaligen  Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht – erhielt, ist einer der Wendeaktivisten der Region.

Martin Melzer – hier mit dem Ehrenbrief des Freistaats, den er von der damaligen Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht – erhielt, ist einer der Wendeaktivisten der Region.

Foto: Daniel Volkmann

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Martin Melzer (79) aus Oberdorla ist ein politischer Mensch, war einer der Aktivposten in der Region im Wendeherbst und in den Tagen der Vorbereitung der Wahl zur ersten freigewählten Volkskammer. Sein Blick zurück fällt kritisch aus.

Melzer gehörte dem Demokratischen Aufbruch (DA) an. „Beim Blick zurück wird die Rolle des DA, die Rolle der Bürgerbewegung viel zu wenig wertgeschätzt“, sagt er. Sowohl die Wahl im März 1990 als auch die weitere Entwicklung brachten für ihn bittere Enttäuschungen. Alle drei Parteien – CDU, DA und die Deutsche Soziale Union (DSU) -- führten den Wahlkampf gemeinsam, aber traten mit eigenen Listenplätzen an. Mit 48 Prozent der Stimmen bei 93 Prozent Wahlbeteiligung erreichte das Bündnis DDR-weit das mit Abstand beste Ergebnis. Dennoch war und ist der Oberdorlaer enttäuscht, denn kreisweit erreichte die CDU innerhalb der Allianz rund 60, aber der DA nur etwa 2 Prozent. „Wir wollten damals keine Experimente, keinen besseren Sozialismus, keine bessere DDR: Wir wollten die Wiedervereinigung, wollten die Marktwirtschaft mit einem hohen sozialen und ökologischen Anspruch.“

Dass der DA-Vorsitzende Wolfgang Schur kurz vor der Wahl als Stasi-Spitzel enttarnt wurde, für Melzer noch immer ein Aspekt für die Wahlniederlage. Ein anderer: Es gab im Westen keine Schwesterpartei, die im Wahlkampf hätte helfen können. Am 4. August 1990 schließlich verschmolz der DA mit der CDU – die beiden Ortsverbände in Oberdorla und in Mühlhausen gingen damit in den beiden CDU-Ortsverbänden auf.

Anfreunden konnte er sich damit schwer. Die CDU war aus seiner Sicht keine konsequente Oppositionspartei. Viele der Wende-Errungenschaften seien inzwischen „in der Versenkung verschwunden“. Vor allem die offene Form des Dialogs. Was ihn derzeit stört? „Wer etwas Kritisches sagt, wird viel zu schnelle in die rechte Ecke abgeschoben.“ Er vermisse die „offene, ehrliche Sacharbeit“ auf Bundesebene ebenso wie im Landkreis. Und: Die Ministerien sollten, so wie vor 30 Jahren, mit Fachleuten aus der Praxis besetzt werden.

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