Betender Soldat in Gehofen und Langenroda stellt Frage an Kirche

Wiehe.  Eine Ausstellung in der Kirche St. Bartholomäus zu Wiehe beleuchtet den Umgang mit Kriegerdenkmälern im Wandel der Zeiten.

Pfarrer Helfried Maas (33) in der Ausstellung "Kriegstod und Friedensvision", die in der St. Bartholomäus-Kirche in Wiehe über Kriegerdenkmäler im Wandel der Zeit informiert.

Pfarrer Helfried Maas (33) in der Ausstellung "Kriegstod und Friedensvision", die in der St. Bartholomäus-Kirche in Wiehe über Kriegerdenkmäler im Wandel der Zeit informiert.

Foto: Michael Voß

Die Worte „Heldentod auf dem Feld der Ehre“ oder „voller Elan in den Krieg gezogen“ jagen Helfried Maas Schauer über den Rücken. „Unangenehme!", sagt der Pfarrer im Kirchspiel Wiehe. Den 33-Jährigen bewegt der Umgang mit Kriegerdenkmälern, auf denen so etwas zu lesen ist. Auch und gerade rund um den Volkstrauertag. Dieser fiel in Wiehe bescheiden aus: Der Gottesdienst – der erste zentrale für das gesamte Kirchspiel sollte es werden – fiel coronabedingt aus. Kranzniederlegungen fanden in kleinem Rahmen statt, auf Abstand.

Doch Maas und seine Mitstreiter beherzigten den Leitspruch des heiligen Hieronymus: „Aus der Not eine Tugend machen." Sie holten als Leihgabe eine Ausstellung in die St.-Bartholomäus-Kirche. Titel: „Kriegstod und Friedensvision – Kriegerdenkmäler im Wandel der Zeit“. Täglich steht die Kirche offen.

Auch auf Veränderungen seit 1990 wird eingegangen

Auf 13 Rollup-Bannern können beim Rundgang, mit Maske und Abstand, Geschichte und Gestaltung von Kriegerdenkmälern in 16 Orten Nordthüringens, leider nicht aus dem Kyffhäuserkreis, nachvollzogen werden – mit Veränderungen oder Ergänzungen, die nach 1990 vorgenommen wurden. Klar, die Werke seien im historischen Kontext zu sehen.

„Wenn es im Denkmal aber wie zum Beispiel in Buttstädt zu heroisch, pathetisch und propagandistisch zugeht, ist eine zusätzliche, erklärende Info-Tafel notwendig", so Maas. Die Fragen 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges seien doch: „Wie gedenke ich der Opfer? Ist es ein Besinnen, Mahnen, Warnen vor dem Gräuel? Oder soll es ein Heldengedenken sein, das Rechte für ihre Ideologie nutzen?“ Jedenfalls ziehen die Denkmäler auch solche Kräfte an. Siehe Apolda, wo am Volkstrauertag sogar ein Pfarrer attackiert worden war.

Als „relativ unverfänglich“ stuft Maas die Denkmäler seines Kirchenspiels ein. Aber der betende Soldat, dargestellt in Gehofen und Langenroda, sei heute eine klare Frage an die Kirche: „Welche Rolle spielte und spielt sie in Kriegen?“ Und er denkt anlässlich der Friedensdekade weiter: „Wozu brauchen wir heute Armeen?“ Allerdings lebe man eben nicht im Paradies, sondern in Zeiten mit vielen Konflikten. Verteidigung sei deshalb, immer noch, sinnvoll.

Maas findet vor allem jenen ergänzenden Alternativspruch passend, als Aufforderung: „Gedenket der Toten und lebt für den Frieden!“ Und grübelt über das große Wort: „Alle wollen ihn, aber viele können ihn nicht.“ Frieden beginne heutzutage im konfliktarmen Zusammenleben mit Nachbarn und damit, dass man Hasstiraden in sozialen Netzwerken nicht noch befeuert, sondern ihnen entgegentritt. Einer ganz anderen Zeit entstammt der Wälzer, den Manfred Reinhardt passend dazu zeigt: Der Vorsitzende des Gemeindekirchenrats blättert im Jahrgangsband der Zeitung „Goldene Aue und Finne“ von 1914. Aufbewahrt und dann dem Kirchspiel-Archiv übereignet hatte ihn vor kurzem die Seniorin Hildegard Bublick.

Gedenktafel mit 81 Gefallenendes Ersten Weltkrieges

„Es ist verblüffend und irritierend, mit welchem Enthusiasmus die Männer damals in den Weltkrieg zogen", so der 64-Jährige. „Und erschreckend, wie viele junge Menschen in den ersten Monaten starben.“ Viele der Familiennamen leben bis heute in Wiehe weiter. Auch die Todesanzeige von Fritz Pressler, einem der ersten Opfer der Region, ist zu finden.

Auf dem alten Friedhof steht heute noch sein Grabmal. Nicht einmal acht Jahre nach Kriegsausbruch standen die Namen von 81 Kriegsopfern aus Wiehe auf der Gedenktafel, die 1922 geweiht wurde...

Noch bis zum Totensonntag am 22. November – der Gottesdienst beginnt um 10.15 Uhr – kann die Ausstellung in St. Bartholomäus von 10 bis 16 Uhrbesichtigt werden.