City spielt in Bottendorf

Bottendorf  30 Jahre Mauerfall: Rockband City gibt an diesem Samstag ein Konzert in Bottendorf und entscheidet sich damit bewusst gegen einen Auftritt als Quoten-Ossis.

Die Rockband City spielt an diesem Sonnabend, dem Tag des 30-jährigen Jubiläums des Mauerfalls, ein Konzert in der Mehrzweckhalle in Bottendorf.

Die Rockband City spielt an diesem Sonnabend, dem Tag des 30-jährigen Jubiläums des Mauerfalls, ein Konzert in der Mehrzweckhalle in Bottendorf.

Foto: City

Die Musiker von City sagten einmal, dass sie drei Deutschlands erlebt haben. Die DDR als Heimat, die alte Bundesrepublik als Gastspielland, das wiedervereinte Deutschland der Gegenwart. Am Tag des 30-jährigen Jubiläums des Mauerfalls steht die Rockband City in der Mehrzweckhalle in Bottendorf auf der Bühne im Rahmen ihrer Tour anlässlich der 40-jährigen Veröffentlichung ihres berühmtesten Liedes „Am Fenster“. Wir sprachen zuvor mit Gitarrist und Bandmitbegründer Fritz Puppel darüber, was ihm die Wende bedeutete und wie er die Entwicklung dreißig Jahre danach einschätzt.

Was bedeutete die Wende 1989/1990 für die Band City und für Sie persönlich?

Schon zu DDR-Zeiten war es so, dass wir als Band unsere Geschicke immer am liebsten in unsere eigenen Hände genommen haben. Ich als Fabrikantensohn und Toni, der drei Monate im Knast saß, waren eigentlich keine Vorzeigebürger. Da wir aber Geld ins Land brachten, wurden wir als Band geduldet. Wir waren im Osten von einer Plattenfirma und einer Agentur abhängig. Deshalb haben Toni Krahl und ich gleich nach der Wende die Chance genutzt und die Plattenfirma K & P Music, die erste unabhängige Plattenfirma der DDR, gegründet. So waren wir unabhängig und frei in unseren Entscheidungen.

Sie sind in der DDR aufgewachsen. Vermissen Sie etwas aus dieser Zeit?

Über uns DDR-Bürgern lag ja gewissermaßen eine Glocke. Dadurch war der Gemeinschaftssinn auch größer. Unsere Band war Sprecher für die Einforderung von politischen Freiheiten. Wir haben oft das aussprechen können, was sich andere nur dachten. Als wir anfingen, war Rockmusik noch ein Mittel, um politische Missstände anzuprangern. Das ist nun vorbei, da die Musiker heute Teil der Gesamtgesellschaft sind.

Wo und wie haben Sie den Mauerfall erlebt?

Na, das war ja ganz kurios. Bei unseren Tourneen im Westen haben hier jemanden kennengelernt, der früher ein Kulturfunktionär bei der Bundeswehr war. Dieser hat uns gefragt, ob wir nicht auch Auftritte in Bundeswehrkasernen geben könnten. Unter der Maßgabe, dass das vor der DDR-Führung geheim bleiben musste, haben wir dem zugestimmt. Am Abend des 9. November waren wir also für einen Auftritt in einer Kaserne nahe Kassel, als plötzlich Unruhe im Saal einzog und jemand rief, dass die Grenze offen sei. Wir waren selbst völlig fassungslos, haben noch schnell „Am Fenster“ gespielt, dann war das Konzert auch vorbei. Für mich war die Mondlandung ein Klacks gegen das, was ich an diesem Abend in den Medien und später auch selbst gesehen und gehört habe. Wir sind dann nachts gleich zurückgefahren. Auf den Straßen waren wir die Einzigen, die in den Osten gefahren sind. In Richtung Westen waren die Straßen überfüllt mit Autos.

Wie sind Sie persönlich, und wie ist die Band im wiedervereinten Deutschland angekommen?

Wir haben als Band auch nach der Wende an uns geglaubt. Wir wussten, dass sich die Leute, sobald die Nachholperiode, in der die Menschen unbedingt Musik aus dem Westen konsumieren wollten, vorbei ist, auch an uns wieder erinnern werden. Wir haben nie aufgehört zu spielen und nach der Durststrecke unsere Strahlkraft, die wir schon zu Ostzeiten hatten, wiedererlangt.

Wie schätzen Sie die Entwicklung Ostdeutschlands nach der Wiedervereinigung ein?

Viele Westdeutsche begreifen nicht, dass hier im Osten quasi über Nacht alles weggebrochen ist. Die Biographien und das Seelenheil der Menschen erlitten teilweise einen Knacks für immer. Ja, vielerorts im Osten haben wir blühende Landschaften bekommen, allerdings haben viele Westbetriebe auch ein kolonialistisches Gebaren nach dem Mauerfall gehabt, das viele im Osten erschreckt hat. Ich finde aber, dass die Ostdeutschen auch auf das stolz sein können, was sie unter dem Dogma der sozialistischen Regierung auf die Beine gestellt haben. Dafür aber fehlt die Wertschätzung von außen, das höre ich überall. Und genau damit gehen die politischen Rattenfänger nun los und sammeln Stimmen gerade im Osten ein. Die Ostdeutschen hatten sich gerade erst im neuen System eingelebt, und nun prasseln schon wieder ständig neue Herausforderungen auf sie ein.

City hat mit „Mein Land“ ein neues Lied herausgebracht. Was wollen Sie damit sagen?

Einige Radiosender weigern sich noch immer, das Lied zu spielen, was wir nicht nachvollziehen können. Schließlich würdigen wir darin die ehemaligen DDR-Bürger, die sich nicht dafür entschuldigen müssen, nicht offen gegen das System aufbegehrt zu haben.

Also sollen sich darin die „normalen“ ehemaligen DDR-Bürger wiederfinden?

Richtig, ich finde es nicht verwerflich, dass sich viele Leute mit dem System arrangiert haben und sich auf ein erfülltes Privatleben konzentriert haben.

Sie spielen heute ein Konzert bei uns. Wie kam es dazu?

Wir hatten mehrere Angebote für Auftritte an diesem Tag vorliegen. Es war uns als Band aber wichtig, an diesem Tag ein Konzert auf Augenhöhe zu geben. Wir wollten einfach nicht bei irgendeiner Veranstaltung als Quoten-Ossis für ein paar Minuten gebucht werden. Das haben wir zum Beispiel schon bei diversen Gedenkveranstaltungen zum 3. Oktober erlebt. Ich denke, die Leute werden das verstehen.

Wie ist es für Sie an einem solch historischen Tag ein Konzert zu geben?

Mit dem 9. November verbinden wir noch ein besonderes Erlebnis abseits des Mauerfalls. Am 9. November 1990 haben wir nämlich unser Album „Keine Angst“ herausgebracht – das erste Album auf eigene Kosten. Das haben wir im Studio in Berlin-Treptow damals groß gefeiert.

Haben Sie schon zuvor einmal in der Region gespielt?

Ganz bestimmt. Aber da wir seit 47 Jahren auf Tour sind, habe ich mir nicht alle Orte merken können, an denen wir jemals aufgetreten sind. Wir sind eben Volkseigentum – im besten Sinne.

Werden Sie schon vor dem Konzert in der Region sein?

Dieses Mal wird es so sein, dass wir direkt aus Berlin anreisen und auch danach direkt wieder fahren. Manchmal haben wir aber auch Auftritte, bei denen wir ein paar Tage in einer Region bleiben. Da suche ich mir dann gern neue Strecken zum Joggen heraus.

Das Konzert findet auch anlässlich 40 Jahre „Am Fenster“ statt. Welche Bedeutung hat dieses Lied für Sie?

Es war für City die Eintrittskarte für alles, was danach kam. Dieses Lied ist ein Geschenk. Wir bilden uns aber auch nicht zu viel darauf ein, weil keiner wissen konnte, welche Wirkung davon ausgeht. Wir mussten wirklich lange Klinken putzen, bis jemand das Lied spielen wollte.

Die Entstehung des Demos war ja auch kurios, oder?

Absolut. Wir hatten eigentlich ein anderes Lied im Amiga-Studio aufgenommen. Während einer Pause haben wir „Am Fenster“ einfach auf einer zweiten Spur aufgenommen. Irgendwie kam das Band dann zu einem Redakteur, der es im Westradio nachts gesendet hat. Das hörte ein westdeutscher Musikmanager und war begeistert. Er wollte dann von Amiga unbedingt „Das Lied mit der Geige“. Die wussten aber gar nicht, dass das existiert. Nachdem das Lied dann im Radio gespielt wurde, überschlugen sich die Ereignisse. An diesem Lied ist eben wirklich nichts Normales, es hat bis heute irgendwas Magisches und wirkt auf jeden Hörer anders.

Worauf dürfen sich die Konzertbesucher heute freuen?

Wir werden ein Programm mit unseren größten Hits spielen. Natürlich wird auch „Am Fenster“ dabei sein. Allerdings werden wir auch Lieder spielen, die nicht so oft im Radio laufen.

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