Fachmann führt zu Kranichen am Helme-Stausee

Kelbra.  Glücksvögel bieten beim abendlichen Einflug Naturspektakel. 10.000 Tiere sind schon da, es werden täglich mehr.

Kraniche auf den Feldern in der Umgebung des Stausees. Dort gibt es teilweise Ablenkfütterungen.

Kraniche auf den Feldern in der Umgebung des Stausees. Dort gibt es teilweise Ablenkfütterungen.

Foto: Dirk Bernkopf / Archiv

Die Tour beginnt, und der Himmel öffnet die Schleusen. Was soll’s, Naturfreunde sind wetterfest. „Bei schlechtem Wetter rufen die Kraniche sogar mehr als bei Sonnenschein“, stimmt Kranich-Ranger Norman Helbing am Samstagnachmittag gut gelaunt auf die vom Naturpark Kyffhäuser organisierte Führung ein. Ihm folgen rund 30 Interessierte, mehr sind nicht möglich in Coronazeiten. Am Südufer des Helme-Stausee wandert man dem abendlichen Einflug der Glücksvögel entgegen.

Es ist die erste Führung des ehrenamtlichen Rangers in diesem Herbst. Weitere werden folgen. Der Vogelzug nimmt gerade Fahrt auf. Der lange Weg von den Brutgebieten in Skandinavien und dem Baltikum in die spanische Extremadura kostet Energie. Der Rastplatz am Stausee kommt den eleganten Vögeln da gerade recht. Beim etwa zweiwöchigen Zwischenstopp tanken sie Kraft. „Bis zu 46.000 Kraniche sind dann am Abend versammelt. Nordhäuser Ornithologen erfassen die Zahlen jeden Tag“, berichtet Helbing. Ende Oktober erwartet er den Höhepunkt.

Derzeit rasten um die 10.000 Kraniche. Schon das ist ein beeindruckendes Naturschauspiel. „Vorausgesetzt, die Vögel halten sich ans Protokoll und fliegen zur richtigen Zeit ein“, scherzt er. Als hätten sie es gehört, nähern sich zwei V-Formationen und veranstalten ein lautstarkes Spektakel. Ihr Trompetenruf schallt durch die Luft. Helbing hat nicht zu viel versprochen. „Die hohen, etwas piepsigen Töne stammen von den Jungvögeln“, kommentiert er.

Die Kraniche landen auf der anderen Seeseite. Mit bloßem Auge ist wenig zu erkennen. Darum werden drei Spektive aufgebaut. Plötzlich sind die die Vögel optisch ganz nah. „Noch stehen sie im Schlick“, sagt Helbing. „Erst bei Einbruch der Dunkelheit schreiten sie ins knietiefe Wasser, um vor Bodenfeinden wie Wildschwein und Fuchs geschützt zu sein.“ Zum Schlafen stecken sie ihren Kopf ins Gefieder. „Dann stehen sie nicht – wie oft fälschlicherweise angenommen – auf einem, sondern auf beiden Beinen“, klärt er auf.

Schon kommen die nächsten Formationen. Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Zur Freude von Kevin Luhn aus Leipzig. „Seit vier Jahren bin ich mit meiner Freundin jeden Herbst einmal hier. Dieser Einflug und die Geräuschkulisse sind unglaublich beeindruckend“, schwärmt er. Uta Röhricht und ihr Mann aus Drei Gleichen empfinden das genauso: „Die Kraniche in dieser Masse zu erleben, das hat was.“ Auch der elfjährige Luis Kirchner aus Liebenrode schaut und horcht gebannt. „Ich finde die Kraniche schön“, sagt er.

Dass man die äußerst scheuen Vögel aus großer Distanz beobachtet, dient ihrem Schutz. Mindestens 300 bis 400 Meter Abstand müssen sein, sonst flüchten sie. „Jedes Auffliegen bedeutet Stress und Energieverlust“, betont Helbing. Deshalb darf das Rastgebiet auf der anderen Seeseite in dieser Zeit nicht betreten werden. Während er erzählt, lässt der Regen nach. Aber den haben alle vor lauter Kranich-Euphorie ohnehin schon fast vergessen.

Hinweis: Bis zum 15. November bietet die Naturparkverwaltung Kyffhäuser jeden Samstag und Sonntag ab 15 Uhr Kranichführungen an. Anmeldung unter Telefon: 0361/57 39 16 40.