Funkenburg ist älter als gedacht: Geschichte muss neu geschrieben werden

Westgreußen  Die ehemalige germanische Siedlung bei Westgreußen ist nach neuesten Erkenntnissen doppelt so alt wie bislang vermutet.

Die Schaukämpfe der alten Germanen waren wie immer spektakulär anzusehen – es hat sie auf der Funkenburg aber wohl nie gegeben. Die Siedlung soll nach neuesten Erkenntnissen ein friedliches Dorf gewesen sein.

Die Schaukämpfe der alten Germanen waren wie immer spektakulär anzusehen – es hat sie auf der Funkenburg aber wohl nie gegeben. Die Siedlung soll nach neuesten Erkenntnissen ein friedliches Dorf gewesen sein.

Foto: Dirk Bernkopf

Im archäologischen Freiluftmuseum Funkenburg am Ortsrand von Westgreußen lassen Darsteller mehrmals im Jahr den Alltag einer germanischen Wehrsiedlung wieder aufleben – inklusive erbitterter Kämpfe mit Speer, Schwert, Schild und Axt. So auch am vergangenen Samstag beim 26. Funkenburgfest.

Die zahlreichen Besucher konnten erleben, wie die Germanen vor rund 2000 Jahren lebten. Dabei muss demnächst wohl die Choreographie der Feste leicht umgeschrieben werden, denn die Siedlung auf dem Bergsporn über dem Helbetal könnte rund doppelt so alt sein wie bislang angenommen.

Bereits im Juni 2017 hatte der junge Archäologe Robert Knechtel mit seinem Vortrag auf der Funkenburg die interessierten Zuschauer mit seinen Thesen einer früheren Besiedlungszeit verwirrt. Hieß es doch bislang, die Funkenburg sei etwa zwischen 200 Jahren vor und 100 Jahren nach unserer Zeitrechnung bewohnt gewesen. Mitarbeiter des Weimarer Museums für Ur- und Frühgeschichte waren bei ihren Ausgrabungsarbeiten zwischen 1974 und 1980 zu diesen Erkenntnissen gekommen. Robert Knechtel bewertete die Ausgrabungsstücke neu und kam zu der Erkenntnis, dass die Funkenburg schon zwischen 3000 und 4000 Jahren vor unserer Zeitrechnung bewohnt gewesen war.

Eberhard Junge, Vorsitzender des Funkenburg-Vereins, nimmt den Zeitensprung gelassen. „Wir haben kürzlich Unterlagen über die neuen Forschungsergebnisse aus Weimar bekommen, die müssen wir jetzt selber erst einmal gründlich studieren. Die Besiedlungszeit, die wir bisher annahmen, war wohl schon die dritte in der Geschichte der Funkenburg“, erklärt Junge. „Ansonsten kann unser Museum durch die neuen Erkenntnisse doch nur noch bekannter werden.“

Am Wochenende wurden stündlich Führungen über die Anlage angeboten. Führerin Christa Pennewitz informierte ihre Gäste über Knechtels Forschungsergebnisse. Demnach war wohl die Funkenburg niemals Schauplatz von Kämpfen, sondern nur eine ganz normale Siedlung. Es gab keinerlei Funde von Waffen.

„Man hatte von diesem Bergsporn einfach einen guten Ausblick auf die Furten in den umgebenden Feuchtgebieten“, sagte Pennewitz. Die Nachweise von 50 bis 60 Gebäudefunden geben auch nur eingeschränkt ein Bild der ehemaligen Siedlung wieder. Die Häuser wurden nicht zur selben Zeit errichtet.

Die ältesten Funde deuten momentan auf eine Besiedlung des Ortes in der Jungsteinzeit, 3000 bis 4000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, hin. Eine zweite Besiedlung soll es 1000 Jahre vor Christus gegeben haben, eine dritte ungefähr um den Beginn der Zeitrechnung. Dazwischen war das Gebiet immer wieder unbesiedelt und wurde als Bestattungsplatz genutzt.

„Wir müssen unsere Informationsmaterialien jetzt aktualisieren, das geht nicht von heute auf morgen“, sagt Eberhard Junge. Es sei auch ein Kraftakt, die Anlage zu erhalten, schließlich wohne nur rund ein Dutzend der 90 Vereinsmitglieder im Ort.

Christa Pennewitz findet, dass die Funkenburg dennoch ein guter Ort sei, um Geschichte anschaulich zu vermitteln. Das fanden auch die zahlreichen Darsteller am Wochenende, die aus ganz verschiedenen Epochen kamen.

So ließ beispielsweise Sabrina Hellwig aus Schkölen das Handwerk der Weberin in ihrem Zelt aufleben. Sie bot handgefertigte Tücher und Schuhe an. Familie Stock aus Erfurt zelebrierte mit ihren vier Kindern das einfache Leben einer Familie in der Merowinger Zeit, dem 5. Jahrhundert.

Vor einem Grubenhaus präsentierten sich die zwei Cherusker Sven und Florian aus Goslar und putzten ihre Waffen, während sie auf einer Wiese ein paar Meter weiter spektakulär geschwungen wurden.

Die Zuschauer waren wie immer von den Schaukämpfen fasziniert – egal ob es an dieser Stelle wirklich einmal welche gab oder eben auch nicht.

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