Goethes unbekannte Verwandte in der Kyffhäuserregion

Sondershausen.  Barbara Heuchel füllt Lücken in des Dichters Ahnenreihe. Allein in Berka lebten mehr als 150 Goethes.

Sechs Meter lang ist die Ahnentafel Goethes, die Barbara Heuchel, Vorsitzende der Sondershäuser Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaft Weimar (rechts), am Computer erstellt hat. Gästeführerin Edith Baars hat zur Recherche beigetragen.

Sechs Meter lang ist die Ahnentafel Goethes, die Barbara Heuchel, Vorsitzende der Sondershäuser Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaft Weimar (rechts), am Computer erstellt hat. Gästeführerin Edith Baars hat zur Recherche beigetragen.

Foto: Sibylle Klepzig

Unglaublich: Goethe selbst legte wenig Wert auf seine Abstammung väterlicherseits. Dabei führen die Spuren seiner Vorfahren unweigerlich in den heutigen Kyffhäuserkreis. Das stachelte Barbara Heuchels Ehrgeiz an. Akribisch recherchierte die Vorsitzende der Sondershäuser Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaft Weimar, um leere Stellen in des Dichters Ahnenreihe zu füllen.

Das Ergebnis präsentiert sie auf einem sechs Meter langen Papier. Behutsam rollt sie es auseinander. Zum Vorschein kommt nicht etwa der klassische Stammbaum mit Wurzeln und Ästen. Vielmehr reihen sich unzählige Kästchen aneinander, Linien markieren genealogische Verbindungen. Am Computer hat sie eine Übersicht über die Gesamtverwandtschaft Johann Wolfgang Goethes (1749 bis 1832) erstellt. Das heißt, sie hat neben den direkten Vorfahren auch Ehepartner und Geschwister berücksichtigt. „Gerade in den Seitenlinien gibt es die Verbindungen zu unserer Gegend“, erklärt sie.

Viele bis dato unbekannte Vorfahren und Verwandte aufgespürt

Ausgehend von bereits vorliegenden Daten anderer Genealogen spürte sie viele bis dato unbekannte Vorfahren und Verwandte auf, vergrößerte die Übersicht von anfangs 1200 auf 1650 Personen. Mit Gästeführerin Edith Baars hat sie dafür in Archiven gestöbert. Vor allem die Berkaer Kirchenbücher, die seit 1642 Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen verzeichnen, waren eine Fundgrube.

Heuchel fügte die Puzzleteile zusammen. Von Goethes Großvater Friedrich Georg Göthé über Hans Göthe aus Berka und den Hufschmied Hans Christian Göthe in Artern bis zu den Göthes im 20. Jahrhundert. Ihr Fazit lässt aufhorchen: Die meisten Verwandten des Dichters väterlicherseits lebten im heutigen Kyffhäuserkreis und angrenzenden Regionen. In Badra, Borxleben, Voigtstedt, Artern, Wiehe, Sondershausen und einigen Orten mehr hat sie Goethes oder Göthes ausgemacht. Die meisten Personen mit dem Namen, mehr als 150, lebten in Berka. Das dortige Goethe-Stammhaus wurde 2019 abgerissen.

Genau zum Solo war er zur Stelle und blies vortrefflich

Es war wohl Hans Göthe der Jüngere, der es um 1650 erbaut hatte. Über ihn erfuhr Barbara Heuchel noch etwas anderes: Weil er ein Eheversprechen gebrochen haben soll, landete er 1627 vor dem Sondershäuser Kirchengericht. Aus Mangel an Beweisen aber sprach man ihn frei.

Seine Haarfarbe ist nicht überliefert, wohl aber die von Heinrich Ferdinand Goethe, 1817 in Berka geboren. „Sein Rotschopf hatte dem Trompeter der Hofkapelle den Spitznamen Fuchs eingebracht“, weiß Edith Baars aus einer alten Zeitung. Als der Musikus einmal nicht zur Probe erschien, schickte der Fürst zwei Gardisten, um ihn zu holen. Goethe sah die Bärenmützen kommen, schnappte sein Instrument, sprang aus dem Fenster zum Hinterhof und eilte zum Saal. Genau zum Solo war er zur Stelle und blies vortrefflich. Als der Fürst ihn nach den Gardisten fragte, soll er geantwortet haben: „Oh, die suchen mich wohl noch? Zwei Bären fangen eben immer noch keinen Fuchs, Durchlaucht.“

Als Schneidermeister und Gastwirt ein reicher Mann geworden

Edith Baars liebt solche Geschichten. Besonders hat es ihr die Erfolgsstory von Goethes Großvater Friedrich Georg Göthé angetan. Angeregt vom Buch „Monsieur Göthé“ hat sie sich mit dessen Werdegang beschäftigt: Der Sohn eines Hufschmieds aus Artern, geboren in Kannawurf, ging als Schneidergeselle nach Frankreich, wurde Seidenschneider in Lyon und kam 1686 nach Frankfurt am Main. Dort wurde er als Schneidermeister und Gastwirt ein reicher Mann.

Doch zurück in den Kyffhäuserkreis: Die Berkaer Linie der Göthes endete mit Otto Göthe, der 1976 ohne Nachkommen in Holzengel verstarb. Barbara Heuchel liefert den Nachweis für dessen Verwandtschaft mit dem Dichterfürsten: „Beide haben den gleichen Vorfahren: Hans Göthe den Jüngeren, Goethes Ururgroßvater. Bei Otto Göthe müsste man jedoch sieben Mal das Ur vor den Großvater zu setzen.“

Die Forschungsergebnisse finden auch bei der Goethe-Gesellschaft in Weimar große Anerkennung. Im November werden Barbara Heuchel und Edith Baars in Sondershausen zu dem Thema referieren.

Termin: 18. November, 18 Uhr im Carl-Schroeder-Saal in Sondershausen