Kümmerer vor Ort in Sondershausen im Zeichen der Bechsteinfledermaus

Sondershausen  Die 12. Thüringer Natura-2000-Station wurde in Sondershausen eingeweiht. Die Station soll landesweiten Biotopverbund umsetzen.

Die Natura-2000-Station Possen erhielt als Stationssymbol eine Plakette mit einer Bechsteinfledermaus. Büroleiterin Romy Tausendschön, der kommissarische Stationsleiter Nicol Pfefferlein, Forstministerin Birgit Keller und Umweltministerin Anja Siegesmund (von links) bei der Übergabe. Foto: Dirk Bernkopf

Foto: Dirk Bernkopf

Am Montagvormittag wurde im Beisein von Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne) und Forstministerin Birgit Keller (Linke) die zwölfte Thüringer Natura-2000-Station in Sondershausen eröffnet. Die im Freistaat fast flächendeckend arbeitenden Stationen bilden eine Schnittstelle zwischen dem behördlichen und ehrenamtlichen Naturschutz. Obwohl die Station den Zusatz „Possen“ trägt, befinden sich ihre Büroräume im Haus der Vereine im Ortsteil Jecha.

Vor über drei Jahren wurde die erste Natura-2000-Station in Hütscheroda am Hainich eröffnet. Siegesmund sprach gestern mit Blick auf das Netzwerk von einer Erfolgsgeschichte und verlieh zur Einweihung die Stationstafel mit dem künftigen Logo – der Bechsteinfledermaus.

„Diese Waldfledermausart ist stark an alte Wälder oder Streuobstbestände gebunden und aufgrund ihrer versteckten Lebensweise nur sehr schwer nachzuweisen“, sagte Anja Siegesmund und fand das Mausohr als Symbol überaus passend zur Waldwildnis, die sich auf rund 1000 Hektar am Possen entwickelt. Zumal die Fledermaus nach dem thüringischen Naturforscher Johann Matthäus Bechstein (1757-1822) benannt ist.

Die Umweltministerin hofft, mit der Novellierung des ­Thüringer Naturschutzgesetzes noch vor der Sommerpause die Natura-Stationen für die nächsten Jahre finanziell fest zu verankern. „Die Mitarbeiter der Natura-Stationen sind einzigartig, sie sind die Kümmerer vor Ort“, lobte Anja Siegesmund und sprach von einem Kontaktpunkt für Landwirte, Kommunen und Bürger.

„Forstwirtschaft geht nicht ohne Umweltschutz. Und Umweltschutz funktioniert nicht ohne die Forstwirtschaft“, bekräftigte Birgit Keller zur feierlichen Eröffnung der Natura-2000-Station. Rückblickend auf die Verhandlungen um die ursprünglich noch umfangreicher geplante Waldwildnis sprach sie von einem guten Kompromiss.

Aktuell blickt Keller mit Sorge auf die gebeutelten Thüringer Wälder und sprach von der größten Katastrophe seit 70 Jahren. Borkenkäfer wie Buchdrucker und Kupferstecher schädigten die Fichten, und die Buchen litten unter der Trockenheit des vergangenen Jahres. „Das grüne Herz Thüringen blutet“, befand Ministerin Keller.

Die Sondershäuser Natura-2000-Station ist eine von nur zwei Stationen, deren Aufgabengebiete sich über ganz Thüringen erstrecken. Zwar sollen die Mitarbeiter die Entstehung der Waldwildnis am Possen begleiten, in erster Linie sind sie aber für die Schaffung eines landesweiten Biotopverbundes zuständig. „Der Forst macht den Wald, die Station vernetzt den Wald“, erklärte Burkhard Vogel, Geschäftsführer des Landesverbandes vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Siegesmund sprach sinnbildlich von 20 Perlen an der Thüringer Urwaldkette.

Um die Nordthüringer Waldgebiete zu verbinden – das sogenannte „Rettungsnetz Wildkatze“ biete laut Vogel dafür eine super Vorlage –, sollen die Mitarbeiter der Station entsprechende Vorarbeiten bei der Ermittlung des Flächenbedarfs leisten, Gelder akquirieren und Ausgleichsmaßnahmen lenken.

Nach der Eröffnung in Jecha lud Nicol Pfefferlein, kommissarischer Leiter der Station, zu einer kleinen Wanderung mit Picknick an den Waldrand nah am Büchenbrunn ein.

Dort konnte Ralf Hubert als ehemaliger Revierförster dieser Region und jetziger Possen-Förster viele Fragen der Gäste beantworten. Auch er sieht den Waldzustand als dramatisch an. „Wir werden zukünftig keinen grünen Baum mehr ernten“, prognostizierte Hubert. Der Forst habe an einer Versuchsstation am Possen im 1,50 Meter tiefen Wurzelwerk einer Buche seit neun Monaten kein Wasser mehr messen können. Allein im rund 500 Hektar großen Erholungswald rund um das Possenareal machte er bei den Buchen 11.000 Festmeter Schadholz aus, das kaum verwertbar sei.

Das Geschehen in den bewirtschafteten Wäldern habe keinen Einfluss auf die festgelegten Gebiete der Waldwildnis, beteuerte BUND-Chef Vogel. Es werde ein spannender Prozess sein, die Entwicklung des Waldes ohne Eingriffe des Menschen zu verfolgen. Ein Betreten der Wildnis sei dabei erlaubt. „Jeder muss zu jeder Zeit an jeden Punkt des Waldes gehen dürfen, das ist unser Prinzip“, so Vogel. Das Betreten eines Waldes erfolge dabei auch zukünftig stets auf eigene Verantwortung hin.

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