Kyffhäuserkreis: Nach dem Tod des Kindes mit Trauer im Herzen weiterleben

Kyffhäuserkreis.  Verwaiste Eltern können Schmerz kaum ertragen. Selbsthilfegruppen im Kyffhäuserkreis bieten Hilfe an.

er Regenbogen verbindet Himmel und Erde. Er ist das Symbol der verwaisten Eltern und Geschwister.

er Regenbogen verbindet Himmel und Erde. Er ist das Symbol der verwaisten Eltern und Geschwister.

Foto: Sascha Fromm

Das Leben mit Marlon ist Vergangenheit. Kristin L. lebt von der Erinnerung an seine Fröhlichkeit, seine Energie. Eine gemeinsame Zukunft gibt es nicht. Ihr Sohn verunglückte im März dieses Jahres tödlich. Mit 13 Jahren. Er saß als Beifahrer auf dem Moped eines älteren Freundes, als das Zweirad mit einem Auto zusammenprallte.

Den Moment, als Polizei und Notfallseelsorger erschienen, wird sie nie vergessen. Die schreckliche Nachricht hörte sie wie in Trance. „Ich war unfähig, die Situation wirklich zu begreifen“, erzählt die zweifache Mutter. Dann kam der seelische Schmerz. Er wird immer schlimmer.

Durch eine Bekannte fand sie zur Selbsthilfegruppe „Verwaiste Eltern“ in Sondershausen, die zum Netzwerk des Bundesverbandes „Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister“ in Deutschland (VEID) gehört. Einmal im Monat trifft sie sich hier mit Menschen, die ähnliche Schicksalsschläge erlebten.

Die Treffen können Trauer nicht abnehmen, aber lindern. Und sie bieten einen geschützten Raum, um Verzweiflung und Hilflosigkeit zuzulassen. Auch in Artern gibt es eine solche Selbsthilfegruppe. „Es kann jeder kommen, der sein Kind verloren hat, ganz gleich, wodurch und wann das geschehen ist“, sagt Elke Heinrich, die beide Gruppen betreut. Die ausgebildete Trauerbegleiterin weiß aus eigenem Erleben, wie wichtig es ist, über die unendlich erscheinende Trauer zu reden.

Betroffene Mutter engagiertsich für andere

Elke Heinrichs Sohn war sieben, als ihn auf dem Schulweg ein Lastkraftwagen erfasste und tödlich verletzte. Das war 1986. An die Bilder von der Intensivstation konnte sie sich jahrelang nicht erinnern. „Die Psyche macht dicht, man gerät in einen Schockzustand.“ Das ist es, was sie heute auch bei den anderen Betroffenen erlebt. Damals gab es kein Hilfsangebot. Sie versuchte, weiter zu „funktionieren“, vor allem für ihre Tochter.

Viele Jahre später, als die Tochter zum Studium ging, kam der Zusammenbruch. Der führte Elke Heinrich 2006 zur Notfallseelsorge. Sie begann, sich für andere Trauernde zu engagieren. Sie gründete in Nordhausen eine Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern, die sie elf Jahre leitete. Seit einem Jahr unterbreitet sie das Gesprächsangebot nun im Kyffhäuserkreis. In Sondershausen trifft sich die Gruppe im großen Raum des Familienzentrums Düne. Dort ist Platz genug, um den pandemiebedingten Abstand zu wahren.

Am großen Tisch reden die Eltern über das Unfassbare, weinen, erinnern sich. Unter Gleichbetroffenen fühlen sie sich verstanden. Im Bekannten- und Kollegenkreis ist das leider oft anders. „Die Leute erwarten, dass du schnell wieder der Alte bist. Aber du wirst nie mehr der sein, der du mal warst“, sagt Peter K. mit brüchiger Stimme. Er trauert um seinen Sohn Jonas, der vor zwei Jahren Suizid beging, mit 25.

„Jonas ist mir immer nah, von früh bis abends. Ich gehe oft auf den Friedhof, setze mich auf eine Bank und rede mit ihm“, erzählt er. Seiner Frau Mendy hilft es dagegen, Bücher über Trauer und Suizid zu lesen. Auf manchen Seiten findet sie ihre Gedanken wieder.

„Jeder trauert anders. Und jeder muss seinen eigenen Weg finden, wie er mit dem Schmerz leben kann, ohne psychisch krank zu werden“, erklärt Trauerbegleiterin Heinrich. In der Gemeinschaft Gefühle, Ängste und Erfahrungen auszusprechen, ist ein erster Schritt.

Trauer braucht Zeit. Und sie braucht einen Ort. Für Andreas L. ist es die Unglücksstelle, an dem sein Sohn Robin mit 17 Jahren durch einen Motorradunfall starb. Wenn er am kleinen Holzkreuz hinter der Leitplanke eine Kerze anzündet, fühlt er sich Robin besonders verbunden. Knapp drei Jahre ist der Unfall her und er vermisst ihn so sehr. Es ist nicht wahr, dass die Zeit alle Wunden heilt.

Heike S. ist neu in der Gruppe. Sie erzählt von ihrer Tochter Melly, die im vergangenen Dezember die Augen für immer schloss. Nach zweieinhalb Jahren Kampf gegen den Krebs. Melly wurde 27 Jahre alt. Die Mutter hat sie begleitet, als das Leben immer weniger wurde. Bis zum letzten Atemzug.

„Melly hat wunderbare Gedichte geschrieben und Bilder für krebskranke Kinder gemalt“, berichtet sie lächelnd mit Tränen in den Augen. Die möchte Heike S. drucken lassen und posthum veröffentlichen. Eine kostbare Erinnerung mehr.

Es tut gut, so offen zu reden. Die Mütter und Väter spüren, die anderen haben die gleiche Trauer, die gleichen Fragen. Sie sind nicht allein. Der Austausch hilft, mit dem Unfassbaren leben zu lernen.

Elke Heinrich berät darüber hinaus betroffene Eltern in Einzelgesprächen und ist auch am Telefon ein guter Zuhörer.

Wer den Kontakt zur Selbsthilfegruppe in Sondershausen oder Artern sucht, erreicht Elke Heinrich unter Telefon: 0152/01 70 24 65. Mehr Informationen gibt es im Internet unter www.veid.de.