Viele Flächen sind im Kyffhäuserkreis für Atommüll-Endlager geeignet

Kyffhäuserkreis.  Eine Online-Sprechstunde zur Suche nach einem eventuellen Atommüll-Lager bringt für den Kreis kaum Erkenntnisse.

Atommüllfässer stehen im Endlager für schwach und mittelradioaktiven Atommüll in Morsleben in Sachsen-Anhalt.

Atommüllfässer stehen im Endlager für schwach und mittelradioaktiven Atommüll in Morsleben in Sachsen-Anhalt.

Foto: Jens Wolf / dpa

„Es war relativ unergiebig, etwas enttäuschend“, sagt Heidi Schell. Die Nordhäuser Kreischefin des BUND meint damit die Online-Sprechstunde der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE). Die wollte erklären, warum große Teile des Thüringer Beckens und Nordthüringens infrage kommen als unterirdisches Endlager für radioaktiven Müll. Ein Zwischenbericht hatte vor kurzem ein Gesamtgebiet halb so groß wie Deutschland als geeignet eingestuft.

Bürger konnten nun erstmals Fragen stellen. Schell vom Umweltverband tat dies: Inwieweit werden durch Bergbau bedingte Senkungen wie rund um Sondershausen bei der Bewertung berücksichtigt?, lautete eine. Bergwerke mit mehr als 300 Metern Tiefe seien sowieso ein Ausschlusskriterium, kämen also nicht in Frage, antworteten die Mitarbeiterinnen des Bereichs für Standortsuche. Was also auch für Roßleben gilt. Diese Flächen waren auf einer immer wieder eingeblendeten Karte ausgespart. Genau das trifft auch auf die sogenannte Finne-Störungszone und die Kyffhäuser-Crimmitschauer Störungszone zu, die als tektonische Risikogebiete eingestuft sind. Als zwei Streifen ziehen sie sich von Nordwest nach Südost durch das Kreisgebiet.

Aber sowohl um Bergwerke als auch Störungszonen wird jeweils nur ein Sicherheitsabstand von 1000 Metern gezogen. „Es bleiben also drumherum viele hellblaue Flächen, die in Frage kommen“, betont Schell. Inwieweit Zonen künftig geplanter oder potenzieller Bergwerke eine Rolle spielen, war die nächste Frage. Antwort: Bei gleicher Eignung werde die Region mit weniger Rohstoffvorkommen als geeigneter eingestuft. Zielt auch auf Roßleben, wo qualitativ hochwertiges Steinsalz lagert.

Geeignete Gesteinsformationen ab 1000 Metern Tiefe

Schell spielte auch auf eine brisante Studie der Universität Duisburg-Essen an. Die bescheinigte dem Thüringer Becken 2015, auch anhand von Bergbau-Daten aus Sondershausen und Roßleben, günstige geologische Voraussetzungen: Dort gebe es geeignete Gesteinsformationen ab 1000 Metern Tiefe. Die Steinsalzlagerstätten würden durch große Tonvorkommen isoliert. Das Hessische und Fränkische Becken weisen laut Schell ähnliche Verhältnisse auf. „Wird auch das in Gutachten untersucht?“ Dazu gab die BGE ein vages Versprechen ab. „Aber meist drifteten die Antworten ins Pauschale ab, wurde auf die nächsten Etappen verwiesen“, bemängelt Schell. Und sie befürchtet eine „Black Box – dass bei dem Findungsprozess kaum jemand von außen wirklich beteiligt wird“.

Der nächste Schritt werde sein: Durch mehr Daten, ober- und dann unterirdische Erkundungen, bis zum Jahr 2023 die Zahl der geeigneten Standorte von 96 auf sechs bis acht zu dezimieren, erklärten die Mitarbeiterinnen. 2031 soll ein Standort gefunden sein. Ab 2050 werden die im Inneren bis zu 1000 Grad heißen Behälter mit strahlendem Abfall unterirdisch eingelagert. Der Atommüll soll dann für eine Million Jahre in der Tiefe lagern.

Eine Erkenntnis fiel im Halbsatz einer Mitarbeiterin: Im Vergleich zu anderen Regionen sei das Deckgebirge im Thüringer Becken nur „bedingt geeignet“ – vielleicht ein Hinweis, dass die Bundesgesellschaft davon Abstand nimmt?

Mehr als ein Drittel des Kreises Natur- oder Landschaftsschutzgebiet

Michael Fruth sieht zuerst das Positive: „Transparenz schaffen, die Öffentlichkeit beteiligen – das ist gut“, sagt der Leiter des Amtes für Umwelt, Natur und Wasserwirtschaft im Kyffhäuserkreis. Doch grundlegend neue Erkenntnisse habe die Sprechstunde auch ihm nicht gebracht. Liegt auch daran: Fruth brachte sich im Oktober in Kassel bei einer Fachkonferenz ein. Im Februar, April und Juni werden weitere folgen. Bergbau, Störungszonen, viele Bohrungen; dazu seien mehr als ein Drittel des Kreises Natur- oder Landschaftsschutzgebiet – das seien alles wichtige Faktoren. Fruth: „Ich kann es mir deshalb nur schwer vorstellen, dass wir lange auf der Liste verbleiben werden.“ Gut 20 Leute verfolgten auf Youtube die Sprechstunde für Thüringen. „Bei anderen Regionen im Westen waren es mindestens 60“, vergleicht Heidi Schell. „Dort ist man mehr sensibilisiert für das Thema, leider.“

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