Nach neuem Corona-Fall in Roßleben noch keine Aussicht auf Normalität

Roßleben.  Spezialmasken, immer wieder Tests, Extra-Gruß aus der Küche - wie das Seniorenheim Roßleben mit der Lage umgeht.

Eine Außenansicht des Haupteingangs zum AWO-Seniorenheim in Roßleben im November 2020. 

Eine Außenansicht des Haupteingangs zum AWO-Seniorenheim in Roßleben im November 2020. 

Foto: Patrick Weisheit

Gabriele Becker kann sich gut an den Moment erinnern, als der erste positive Corona-Befund im Awo-Seniorenheim Roßleben feststand. „Klar, wir waren erschrocken“, sagt die Leiterin. „Um so mehr, weil wir seit März alle sehr sensibel damit umgegangen waren“, so die 58-Jährige. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog

Doch die zu gleichen Teilen freundlich und resolut wirkende Frau sammelte sich und ihre Mitarbeiter. An jenem 20. Oktober sei in einer Besprechung mehrfach der berühmte Satz „Wir schaffen das!“ als Mutmacher gefallen. Aber Becker ahnte damals auch: Der Virus ist tückisch, der Weg wird lang und mit Einschränkungen verbunden sein. Die Chefin, die die Einrichtung 2003 personell aufgebaut hatte, spricht von „der größten Herausforderung in all den Jahren“.

Fünf Bewohner und fünf Mitarbeiter infizierten sich in diesen Wochen insgesamt. Drei positiv getestete Senioren (92, 84 und 82 Jahre) starben, obwohl bei ihnen laut Becker nicht einmal leichte Erkältungs-Anzeichen zu bemerken waren. „Natürlich waren wir traurig, zumal es sich bei allen um langjährige Bewohner handelte. Aber der Tod ist in einem Pflegeheim nie ganz auszublenden“, sagt sie.

Der Kelch geht nicht vorüber: Zwei positive Ergebnisse

Resignation habe Becker jedenfalls nie gespürt. Im Gegenteil: Die Situation habe die 76 Mitarbeiter – Betreuer, Pflegeschüler, Küche, Reinigung, Hausmeister – „eher noch zusammengeschweißt. Niemand hat sich krankschreiben lassen oder zurückgezogen“.

Natürlich bis auf jene, die in Quarantäne mussten. Als verantwortungsvoll und vorbildlich stuft die Chefin ein, dass sämtliche Mitarbeiter ihre dieses Jahr geplanten Auslandsreisen und Fahrten in deutsche Risikogebiete verschoben haben. Und das auch schon seit März, als man ahnte: Pflegeheime könnten Hotspots werden.

Damals ging es los mit verschärfter Hygiene, täglichem Fiebermessen. Und die Roßlebener hofften laut Becker, dass der Kelch vorübergehen möge. Doch am 20. Oktober trat der Ernstfall ein: Eine 87-jährige Bewohnerin kam mit negativem Test aus der Reha zur stationären Pflege zurück. Der nächste Test: positiv! Es hatte sich zudem eine Mitarbeiterin, die sich sofort in Quarantäne begeben habe, angesteckt. Sämtliche anderen Befunde: negativ. „Der Virus hat sich nicht aus dem Haus heraus verbreitet“, betont Becker. Niemand habe Symptome gezeigt, die Bewohnerin sei streng isoliert untergebracht worden. Dennoch: Die zweite Massentestung am 26. Oktober ergab, leider auch noch verspätet, ein Positiv-Ergebnis eines weiteren Bewohners. Dann folgten die nächsten Mitarbeiter...

Die Senioren von Wohnbereich eins – 29 der 84 Bewohner – wurden nun separat auf ihren Zimmern versorgt, um das Risiko zu minimieren. „Sie haben verständnisvoll reagiert“, so Becker. Die Tagesstruktur für die Senioren, Wasch-, Essens und Freizeiten, habe man beibehalten. Auch die tägliche Zeitungsschau und andere Betreuungsangebote. Die Küche sendete täglich einen kleinen Extra-Gruß, mal eine Praline, ein Gläschen Eierlikör. Und ein Spaziergang draußen im Garten, allein, sei auch möglich gewesen.

Für die Mitarbeiter hieß dies: Acht Stunden lang FFP2-Maske tragen, spezielle Schutzkleidung im Risiko-Bereich. Becker: „Das ist schon hart.“ Mit anderen Heimen in Nordthüringen stand sie täglich telefonisch im Austausch. Eine interne Whatsapp-Gruppe hielt die Roßlebener Mitarbeiter auf dem gleichen Informationsstand. Die Chefin dankt der Firma „Mephisto“, einer Awo-Tochter, deren Küchen- und Reinigungspersonal toll mit dem Team zusammengearbeitet habe.

Fünfte Prüfung zerschlägt Hoffnung auf baldige Lockerungen

Nun, einen Monat nach Beginn des Ernstfalles, hatte Gabriele Becker vorsichtig darauf gehofft, dass ein Stück Normalität zurückkehrt. Nach den Todesfällen gab es keine positiven Fälle im Heim. Die 87-Jährige, mit der die Kette begonnen hatte, erfreut sich guter Gesundheit, ist negativ. Einer der zuvor positiv getesteten Mitarbeiter befindet sich noch in Quarantäne. Mittwoch fand der fünfte Massentest statt. Am Freitag der Befund: Eine weitere Seniorin aus Wohnbereich eins ist positiv.

Die Stufe „Gelb“ und erhoffte Lockerungen: verschoben! Damit auch die Aussicht auf Besuche von Angehörigen, von Friseur und Fußpflege. Darauf, dass die Senioren wieder in Gruppen gemeinsam essen und Freizeit verbringen können. Trotz aller Einschränkungen seien die Rückmeldungen der meisten Angehörigen bislang verständnisvoll gewesen. „Das gibt Mut, auch Rückhalt“, so Becker.

Und nein: Draußen, im Roßlebener Alltag, sei niemand stigmatisiert oder beschimpft worden. „Wir sind offen mit der Lage umgegangen, haben unsere Arbeit realistisch geschildert, nichts dramatisiert.“ Es habe vielmehr aufmunternde Worte gegeben: „Haltet durch“ und „Kopf hoch“, immer wieder. Und der örtliche Rewe-Markt ließ diese Woche den Senioren zwei gut gefüllte Präsentkörbe zukommen.

Für manche, spürte Becker, sei diese Geste auch schon ein kleiner Vorgeschmack auf die vorweihnachtliche Zeit gewesen. Die alle im Heim gern in mehr Ruhe, Gemeinschaft und auch mit Angehörigen genießen möchten. Diese Hoffnung hat Gabriele Becker nicht aufgegeben. Allerdings weiß die Chefin auch: Der Virus bleibt tückisch.