Persönlicher Rückblick nach 30 Jahren

Kyffhäuserkreis  Menschen aus dem Kyffhäuserkreis erinnern sich an den Mauerfall und die Wiedervereinigung.

Nachdem die Menschen, wie hier in Sondershausen, auf die Straße gingen, wurde am 9. November 1989 die Grenze geöffnet. (Archivfoto)

Nachdem die Menschen, wie hier in Sondershausen, auf die Straße gingen, wurde am 9. November 1989 die Grenze geöffnet. (Archivfoto)

Foto: Michael Glaser

Jeder, der ­be­reits alt genug war, um diese Stunden bewusst mitzuerleben, weiß heute noch ganz genau, wo er am Abend des 9. November 1989 war und was er damals getan hat. Jeder hat seine ganz eigenen Ost-West-Geschichten erlebt.

Viele haben herbe persönliche Verluste hinnehmen müssen nach dem Zusammenbruch der DDR. Viele sind bald nach der Wende in die alten Bundesländer übergesiedelt. Eben dorthin, wo es Arbeit und einen ordentlichen Lohn gab. Viele sind dort für immer sesshaft geworden. Einige aber kommen seit einiger Zeit auch wieder zurück. Auch gibt es viele Westdeutsche, die sich im Osten eine neue Existenz aufgebaut haben, sei es als Helfer in Verwaltungen oder in Betrieben oder als Kinder dieser Menschen. Es sind aber auch viele Ostdeutsche in der alten Heimat geblieben, haben nicht aufgesteckt und auch im neuen kapitalistischen System Karriere gemacht und sich eine neue Existenz aufgebaut.

Die Verbindungen zwischen den alten und neuen Bundesländern basieren vor allem auf persönlichen Geschichten. „Nur mal gucken“ wollten ganz viele, die 1989/1990 über die Grenze gen Westen gegangen sind. Nur mal gucken wollen auch heute noch viele, die sich als Ostdeutsche wunderschöne Städte wie Hamburg, München oder Speyer im Westen anschauen oder diejenigen Westdeutschen, die von Besuchen in Dresden, Erfurt oder Leipzig nicht genug bekommen. Es ist der gegenseitige Austausch, der das Zusammenwachsen fördert, fernab von wirtschaftlichen und rein monetären Unterschieden, die es auch heute noch gibt. Totalverweigerer, die selbst nach 30 Jahren noch nicht im „anderen Teil Deutschlands“ waren, gibt es natürlich auch. Aber auch die sind Teil der Gesellschaft im vereinten Deutschland.

Letztlich sind die meisten in den alten und neuen Bundesländern froh, dass sie sich in einer freien Gesellschaft ganz nach ihrem Gusto entfalten können. Dem einen ist dieses Privileg mehr, dem anderen weniger bewusst.

Die Lokalredaktion wollte anlässlich des heutigen Jahrestages wissen, was die Menschen im Kyffhäuserkreis mit dem Mauerfall und der politischen Wende verbinden und wie sie das ganze 30 Jahre danach einordnen.

Gerhard Elm (67), Ruheständler aus Sondershausen:

An den Fall der Mauer am 9. November kann ich mich noch ganz gut erinnern. Meine Frau lag zu der Zeit bereits im Bett, als ich von der Grenzöffnung aus dem Fernsehen erfuhr.

Ich eilte sofort zu meiner Frau, und sie wollte mir das Wunder nicht glauben, bis sie sich selbst davon in der Flimmerkiste überzeugte.

Nach zwei Tagen stiegen wir mit den beiden Kindern in unseren Trabi, um uns in Duderstadt das Begrüßungsgeld abzuholen.

Vorher mussten wir noch bei der Volkspolizei einen Stempel abholen, da standen wir auch vier Stunden. Kaum im Westen angekommen, gönnten wir uns erst einmal einen „Hamburger“.

Marina Eckold (58), Bundespolizistin aus Weimar

Als die Mauer fiel, lebte ich mit drei kleinen Kindern in Rudolstadt. Ich war Verkäuferin – mein Traumberuf – und Leiterin einer HO-Verkaufsstelle. Unsere erste Fahrt ging mit dem Trabi nach Coburg. Die Kinder waren von der Spielzeugvielfalt begeistert.

Nach der Wende ergriff ich dann meinen zweiten Traumberuf und wurde Polizistin. Kurioserweise beim Bundesgrenzschutz.

In der DDR wollte ich keine Polizistin sein. Meine Liebe zum Beruf befähigt mich heute bei den Berufsinfotagen in Sondershausen dazu, als Einstellungsberaterin Jugendliche für eine Tätigkeit bei der Polizei zu begeistern.

Anja Daniel (48), Industriekauffrau aus Ebeleben

Ich hatte damals gerade im Kali-Werk ausgelernt und begann, als Industriekauffrau im Sponeta-Zweigbetrieb in Ebeleben zu arbeiten. Hier wurden Tarnnetze hergestellt. Als 18-Jährige machte ich den Verkauf durch die Treuhand mit und durfte bleiben, während viele Kollegen den Betrieb verlassen mussten. Ab 1992 wurden in unserer Firma dann Kunststoffteile hergestellt.

Ich bin bis heute geblieben und arbeite als stellvertretende Betriebsleiterin der Firma TR Plast noch immer im selben Gebäude wie zu Beginn meiner Tätigkeit.

Die neue Zeit hat mir viel gegeben, ich war aber auch nie arbeitslos.

Radu Stanciu (59), Diplom- Musiker aus Sondershausen

Für mich war das ein historischer Moment, denn zeitgleich wurde die Diktatur in Rumänien zu Fall gebracht. Bereits seit 1988 stand ich als Musiker beim Loh- Orchester unter Vertrag, es war meine zweite Spielzeit.

Für mich und meine Familie war die Grenzöffnung und der Niedergang der Diktaturen eines der größten Wunder überhaupt, denn jetzt konnte ich meine Familie aus Rumänien nach Deutschland holen und in Freiheit leben.

Meine Kinder genossen eine hervorragende Ausbildung und stehen erfolgreich mitten im Leben, darauf sind meine Frau und ich sehr stolz und glücklich.

Annett Hübner (45), Hauswirtschaftshelferin aus Bad Frankenhausen

Ich war damals 15 und Schülerin. Als die Mauer fiel, sind meine Eltern mit uns im Skoda gleich in den Westen rübergefahren zu meinen Tanten, die wohnten in Nordrhein-Westfalen. Wir waren drei Geschwister, und die Euphorie war natürlich groß.

Man konnte zunächst das alles noch gar nicht so richtig glauben. Später folgte dann die Ernüchterung.

Ich habe dann in der Jugendherberge in Bad Frankenhausen meine Berufsausbildung absolviert und im Laufe meines Berufslebens auch Arbeitslosigkeit kennengelernt. Das und noch einige Dinge mehr waren die weniger schönen Seiten des Mauerfalls.

Irmgard Rohse (75), Rentnerin aus Bad Frankenhausen

Wir wurden von der Stasi gedengelt: Ich stamme aus Ostpreußen, wir wurden vertrieben, Geschwister von mir lebten im Westen. Meine Mutter, damals schon 80, konnte nie verstehen, wieso ihre Töchter sie nicht besuchen dürfen.

Wir hatten doch nichts verbrochen. Hinzu kam, dass meine Schwägerin einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Das haben wir zu spüren bekommen. – Wir haben uns über den Mauerfall sehr gefreut.

Persönlich hat die Wende für mich viele Umschulungen bedeutet. Mit 60 bin ich dann in Rente gegangen. Aber es gab auch vieles, was früher gut war. Heute nimmt keiner mehr auf den anderen Rücksicht.

Silvio Kunze (45), Bau-Ingenieur aus Oberheldrungen

Der Mauerfall ist mit meinem Geburtstag fest verbunden, am 7. November wurde ich 15 Jahre alt. Ich erinnere mich noch genau. Hätte es die Wende nicht gegeben, wäre ich wohl Koch im Hotel Elefant in Weimar geworden – die Lehrstelle hatte ich schon.

So wechselte ich aber ein halbes Jahr nach dem Mauerfall die Schule, besuchte eine Leistungsklasse in Artern, machte in Bad Frankenhausen mein Abitur und studierte in Weimar am ehemaligen Bauhaus.

Meine Eltern gründeten eine Baufirma, die ich später übernahm. Ich habe meine Entscheidungen nie bereut. Und in meiner Freizeit koche ich heute noch gern.

Hans-Jürgen Feierabend (59), Leiter der Polizeiinspektion Kyffhäuser, aus Sondershausen

Ich erinnere mich an sehr ungewisse und unruhige Zeiten. Im Gegensatz dazu aber auch an den wohltuenden und friedlichen Protest, den ich damals als Polizist miterlebt habe. Für mich war damit ein Hoffen und Bangen verbunden, dass die Regierung diese Friedlichkeit nicht gewaltsam beendet.

Man hat persönliche Entscheidungen treffen müssen, und für mich stand fest, dass ich keine Gewalt gegen das friedlich demonstrierende Volk anwenden werde – mit allen Konsequenzen.

Wenn ich die Uniform nicht angehabt hätte, wäre ich in den Reihen der Demonstranten gewesen.

Silvio Linke, Archivar im Arterner Rathaus

Ich habe am 9. November abends die Schabowski-Pressekonferenz im Fernsehen gesehen, aber nicht so interpretiert, dass damit die Mauer offen ist.

Dann habe ich irgendwann in der Nacht noch mal Radio gehört und gehört, dass die Grenze offen ist, was mich sehr gefreut hat. Am nächsten Tag bin ich dann aber erst einmal ganz normal zur Arbeit nach Kölleda gefahren. Eine Woche nach dem Mauerfall bin ich dann über den Grenzübergang in Ellrich weiter nach Bad Sachsa und auch nach Northeim gereist.

Ich habe es genossen, mir die Städte im Westen mal anzusehen. Allerdings hatte ich nie die Intention, dort zu bleiben.

Silke Kastner (46), Geschäftsfrau aus Bad Frankenhausen

Ich kann sagen, ich war in der glücklichen Lage, in der DDR eine wunderschöne Kindheit zu verbringen und dann in die große Freiheit entlassen zu werden.

Ich bin von Beruf Kindergärtnerin und gehörte nach der Wende zum ersten Jahrgang mit dem Abschluss als staatlich anerkannter Erzieher. Bis zu meiner Selbstständigkeit vor zehn Jahren habe ich auch als Erzieherin gearbeitet, darunter fünf Jahre in Frankfurt am Main. Das war eine gute Schule.

Dann bin ich wieder zurück in die Heimat gekommen. Zuletzt habe ich im Kindergarten in Oberheldrungen gearbeitet. Ich finde es gut, dass die Wende kam.

Andreas Raab (35), Industriemeister, mit Sohn Niklas (5) aus Badra

Ursprünglich komme ich aus dem Westen aus der Nähe von Wiesbaden, dem kleinen Ort Naurod. Ich war gerade einmal fünf Jahre alt, als die Grenze geöffnet wurde, darum kann ich mich nicht mehr genau daran erinnern.

Mein Vater ging dann mit seiner Baufirma nach Sondershausen, um den Straßenbau mit voranzubringen. Später baute mein Vater ein Haus in Badra, wo ich auch meine spätere Freundin kennenlernte und mit ihr eine Familie gründete.

Jetzt haben wir zwei Kinder und sind glücklich und das alles dank des Falls der Mauer vor 30 Jahren.

Wolfgang Koenen, Ortschaftsbürgermeister von Artern

Ich war 1989 bereits politisch aktiv im Rat des Kreises und erinnere mich noch genau an den Abend des 9. November.

Wir hatten eine Versammlung im Saal in Oldisleben, und ganz plötzlich ruft jemand im Saal, dass die Grenze offen ist. Wir waren völlig perplex und konnten das erst gar nicht glauben. Als wir dann aber die Bilder im Fernsehen gesehen haben, war uns klar, dass das tatsächlich passiert.

Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass Deutschland im Anschluss wiedervereint werden konnte, auch wenn es für uns im Osten nicht leicht war.

Jutta Hieke (71), Rentnerin aus Kölleda

Der 9. November war ein ganz großer Moment. Wir sind gleich am 11. zu einem Onkel nach Frauenaurach gefahren. Der war schon über 80 und hat uns bereits erwartet.

Alle haben sich riesig gefreut, viele Tränen sind geflossen. Später kam dann nicht nur Gutes – beruflich musste ich mich umorientieren und 30 Kilometer zur Arbeit fahren. Die Kinder wurden ebenfalls arbeitslos, mussten umschulen, zogen weg.

Heute leben sie woanders, vom Enkel haben wir nichts, und eigentlich sollte auch mal jemand unser Haus übernehmen. Das haben wir uns früher nicht so vorgestellt.

Ingrid Volkmann (74), Rentnerin aus Bad Frankenhausen

Die Ereignisse 1989 habe ich regelrecht verschlafen. Wir hatten eine Landwirtschaft, ich lag zeitig im Bett, und am nächsten Tag lief es in den Nachrichten. Ich habe das erst gar nicht so begriffen.

Ich arbeitete damals noch in der Knopffabrik. Wir haben gut gelebt, uns selbst versorgt. Auch das Soziale in der DDR war gut, der Versicherungsausweis etwa, wo alles eingetragen war. Nach der Wende musste ich mir eine neue Arbeit suchen.

Für große Reisen habe ich heute kein Geld. Aber ich bin zufrieden mit dem, was ich habe. Als gelernter DDR-Bürger ist man genügsam.

Dieter Strödter (78), Rentner aus Sondershausen

Dass wir konkret mithelfen konnten, Gewalt zu verhindern, war für mich ein Glücksfall. Kein Volk darf geteilt sein.

Die Konzentration nur auf das Problem Staatssicherheit verhinderte eine differenzierte Aufarbeitung und auch die Würdigung der Leistung, die normale Menschen in der DDR vollbracht hatten. Dass heute die braune Sauce wieder hochkommt, ist gefährlich, geschichtsvergessen und erschreckt mich.

Den meisten geht es gut in unserem reichen Deutschland – denkt aber immer auch an die Abgehängten, sie sind wichtig.

Jörg Schramm (50), Stadtwerke-Mitarbeiter aus Udersleben

1989 war ich noch bei der NVA, die Armeezeit wurde dann auf ein Jahr verkürzt. Das Leben in der DDR war eigentlich vorgezeichnet: Man hatte zeitig Familie und eine Wohnung.

Ich hatte Betriebsmess-, Steuerungs- und Regelungstechnik gelernt, also eine Art Elektriker. 1991 wurde ich Vater. Ich habe mehrmals die Arbeitsstelle gewechselt, darunter auch 15 Jahre als Garten- und Landschaftsbauer in Bayern gearbeitet.

Der Mauerfall ist sicher ein denkwürdiges Ereignis. Aber das andere Leben in der DDR hat mich auch nicht gestört. Ich habe nichts vermisst.

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