Spitzmäuse auf dem Rückzug

Kyffhäuserkreis.  Die Bestände der Spitzmaus nehmen im Kyffhäuserkreis ab. Mit der Schabracken-Spitzmaus wird in der Region eine seltene Spezies vermutet.

Die seltene Schabrackenspitzmaus wird im Kyffhäuserkreis vermutet.

Die seltene Schabrackenspitzmaus wird im Kyffhäuserkreis vermutet.

Foto: Richard Kraft / Arbeitsgruppe Artenschutz Thüringen

Sie ist eines der unscheinbarsten Säugetiere. Sie lebt im Verborgenen. Die meisten Leute bekommen sie höchstens mal zu sehen, wenn die Hauskatze eine erbeutete anschleppt. Überdies hat die Spitzmaus einen irreführenden Namen. „Sie zählt zu den Insektenfressern – sie ist also eher verwandt mit Igel und Maulwurf als mit Haus- oder Wühlmäusen“, erklärt Martin Görner.

Letztere, so weiß auch der Leiter der „Arbeitsgruppe Artenschutz Thüringen“, haben sich in den letzten beiden Jahren in Thüringen massiv vermehrt. Die Landwirte versuchen mit Gifteinsatz gegenzusteuern. „Alle neun in Deutschland vorkommenden Spitzmausarten sind indessen gesetzlich geschützt und bedürfen der Erhaltung ihrer Lebensräume“, betont Görner.

Im Kyffhäuserkreis sind bisher Wald-, Zwerg-, Wasser-, Feld- und Hausspitzmaus nachweisbar – was von einer beträchtlichen Vielfalt zeugt. Doch der Kreis könnte, auch was Spitzmäuse anbelangt, noch etwas Besonderes bieten: „Möglicherweise ist auch die Schabrackenspitzmaus hier zu Hause“, sagt Görner. Letztere Art müsste aber nach ersten Beobachtungen und Vermutungen noch durch exakte Untersuchung nachzuweisen sein. Hierzu könnten Gewöll-Analysen von Eulen hilfreich sein. Besonders die Schleiereule, die Spitzmäuse frisst, ist ein wichtiger Helfer der Säugetierkundler. Die Vögel speien die unverdaulichen Reste nach der Mahlzeit wieder aus.

In der Regel, so weiß Görner, sind Spitzmäuse schwer zu unterscheiden. Die sicherste Methode ist die Bestimmung der Zähne und Schädel. Hierzu werden Spezialisten benötigt. Das Gebiss wird nach roten und weißen Zähnen unterschieden, so dass Forscher Rotzahn- (Wald-, Zwerg- und Wasserspitzmaus) und Weißzahnspitzmäuse (Feld- und Hausspitzmaus) erkennen können.

Knifflig wird es jedoch bei der häufigen Wald- und der seltenen Schabrackenspitzmaus. Beide besiedeln Wälder, Hecken, extensiv genutzte Wiesen und Ränder von Feuchtgebieten. Die „Schabracke“, die von Westeuropa her immer wieder mal in deutsche Gefilde vordringt, bevorzugt eher die kühleren und lichtärmeren Bereiche, ist meist etwas kleiner.

Possierlich wirkt die Spitzmaus beim näheren Betrachten: Charakteristisch sind die sehr spitze, rüsselartige Schnauze und die kleine Augen. Die winzigen Ohrmuscheln heben sich nur wenig aus dem dichten Fell hervor. Spitzmäuse halten übrigens keinen Winterschlaf. Die immer ein wenig nervös wirkenden Tierchen (Herzfrequenz pro Minute: 500 bis 1000) müssen ihren Stoffwechsel auch in der kalten Jahreszeit auf Hochtouren halten, um einem Erfrieren vorzubeugen, bemerkt Görner. Das erklärt den vergleichsweise gewaltigen Appetit der doch so kleinen Tiere.

Eine Spitzmaus vertilgt an nur einem Tag oft mehr als ihr eigenes Körpergewicht an Nahrung: Käfer, Larven, Grashüpfer, Fliegen, Spinnen, Regenwürmer und Schnecken. Auch vor Aas und jungen Feldmäusen schrecken sie nicht zurück, was dem Tier in der aktuellen Plagen-Lage den Status „nützlich“ einbringen könnte.

Die vornehmlich nachtaktiven Spitzmäuse werden nicht alt. Sie sterben meistens im zweiten Lebensjahr. Weibchen können pro Jahr zwei bis vier Würfe mit zwei bis zehn Jungen aufziehen. Ihre Nester legen die Tiere in alten Mäusegängen, unter Stein-, Reisig- sowie Komposthaufen oder in Uferböschungen und Gebäuden an. „Es zeichnet sich deutlich ab, dass alle Spitzmausarten in ihren Beständen abnehmen“, hat Görner mit der Arbeitsgruppe Artenschutz ermittelt.

Die Gründe seien im Detail nicht bekannt. „Ausgeräumte“, veränderte Landschaftsstrukturen, Spritzmittel in der Landwirtschaft und Auswirkungen des Insektensterbens sind mögliche Ursachen. Eine andere, ebenfalls wahrscheinliche: „Katzen töten oftmals Spitzmäuse, fressen sie aber wegen ihres Moschusgeruchs nicht“, so Görner. Tragisch wäre, wenn dem ausgerechnet die „Schabracke“ zum Opfer fällt. Allerdings könnte, selbst wenn es makaber klingt, dadurch auch der endgültige Nachweis der Rarität im Kyffhäuserkreis erbracht werden.

Wer zur Schabrackenspitzmaus oder anderen seltenen Arten Hinweise hat, sollte dies am besten mit Foto und Ortsangabe an das Naturkundemuseum Erfurt melden: matthias-hartmann@erfurt.de.

Am Rande: Drohung an Wissenschaftler

Die Deutsche Gesellschaft für Säugetierkunde beschloss 1942 die Umbenennung der Spitz“maus“ in die zoologisch sinnvollere, ältere Bezeichnung „Spitzer“. Adolf Hitler las darüber und gab seinem Parteikanzlei-Chef Martin Bormann wütend die Anweisung, die Namensänderung rückgängig zu machen, so recherchierte die Gesellschaft für Säugetrierkunde. Bormann schrieb an die Forscher: „Wenn die Mitglieder der Gesellschaft für Säugetierkunde nichts Kriegswichtigeres und Klügeres zu tun haben, dann kann man sie vielleicht einmal längere Zeit in Baubataillonen an der russischen Front verwenden... Keinesfalls sollte man Bezeichnungen, die sich im Laufe vieler Jahre eingebürgert hätten, in dieser Weise abändern.“ Die Gesellschaft knickte vor der Drohung ein.