Woche des sehens im Sondershäuser Bildungszentrum

Sondershausen  Seminarteilnehmer beteiligen sich mit eigenen Aktionen in Zusammenarbeit mit dem Blinden- und Sehbehindertenverband.

Zum Abschluss des Aktionstages im Bildungszentrum berichtete der schwer sehbehinderte Gerhard Prüfer aus seinem Alltag. Blindenführhund Snowy ist dem aktiven Sondershäuser dabei stets ein treuer Begleiter.

Zum Abschluss des Aktionstages im Bildungszentrum berichtete der schwer sehbehinderte Gerhard Prüfer aus seinem Alltag. Blindenführhund Snowy ist dem aktiven Sondershäuser dabei stets ein treuer Begleiter.

Foto: Dirk Bernkopf

Mit einem „Tag des Sehens“ beteiligten sich am Donnerstag Seminarteilnehmer des Sondershäuser Bildungszentrums und die Kyffhäuserkreisgruppe des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Thüringen (BSVT) an der bundesweiten Informationskampagne „Woche des Sehens“. In verschiedenen Gruppen setzten sich rund 80 Bundesfreiwillige mit den Alltagsherausforderungen Sehbehinderter auseinander. Am Nachmittag kam es zu einem Austausch mit Vertretern des Kreisverbandes.

An fünf Stationen versuchten sich die Jugendlichen, in die Situationen von Blinden zu versetzen, indem sie sich einfach die Augen verbanden oder – wie beim Fußballspiel in der Cafeteria – eine Brille trugen, die eine nur zehnprozentige Sehkraft eines am Grauen Star erkrankten Menschen simulierte.

Die Bundesfreiwilligen kommen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und absolvieren derzeit eine einwöchige Seminarzeit am Bildungszen­trum des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben in Sondershausen. Bis zu fünf Seminarwochen bestreiten die Jugendlichen in ihrem meist einjährigen Engagement für das Allgemeinwohl.

An einer SMS-Nachricht scheitern die meisten

Ein Fenster im Zimmer zu öffnen oder einen Wasserbecher im Badezimmer zu füllen, meisterten die meisten in der vorübergehenden Dunkelheit noch mit Bravour. Beim Schreiben einer Kurznachricht auf dem Telefon mussten fast alle passen.

Beim Gang durch das Gebäude war von der jugendlichen Frische ebenfalls nicht mehr viel zu sehen. „Wir konnten uns zwar dank unserer Erinnerungen an das Haus orientieren, die Wände wurden dennoch zum besten Freund“, bekannte etwa Gilbert.

Niklas erlebte mit verbundenen Augen seine Umwelt eindrücklicher: „Die Nase wird intensiver, ich habe sogar die Seife im Badezimmer gerochen.“

Alles Erfahrungen, die Gerhard Prüfer bestätigen konnte. Der Sondershäuser lebt seit seiner Kindheit mit einer Krankheit, die ihm die Sehkraft eines Auges schon komplett geraubt hat. Auf dem zweiten muss er sich mit einem unscharfen Röhrenblick begnügen. Den Fußweg zum Bildungszentrum an der Panzerstraße meisterte er von der Innenstadt kommend mit seinem Blindenführhund Snowy problemlos. Im Gebäude sträubte sich jedoch erst Snowy beim Gang über den glatten Bodenbelag, dann stoppte Prüfer seinen ansonsten flotten Gang an den einfarbig blauen Stufen. „Wenigstens die Kanten der ersten und letzten Stufe sollten bei Treppen in öffentlichen Gebäuden mit hellen Streifen markiert sein“, erklärte Prüfer, der auch im Landesverband des BSVT ­aktiv ist. Oftmals seien es Kleinigkeiten, die das Leben von Sehbehinderten erschweren. Positiv angemerkt wurde von den Gästen, dass bei Baumaßnahmen wie am Sondershäuser Bahnhof Leitlinien in Wegen verlegt werden. Diese ermöglichen die Orientierung mit dem Langstock.

Wie barrierefrei das Bildungszentrum ist, das untersuchte auch eine Gruppe der Bundesfreiwilligen am

gestrigen Tag. So lobten sie eine Rampe am Hauseingang, kritisierten aber, dass sich ausgerechnet vor der Schräge einige Stufen befinden. Mit Hilfe des Fahrstuhls können Rollstuhlfahrer das Gebäude jedoch von der Rückseite aus erreichen. „Wenn der noch sprechen könnte, wäre er auch für Blinde geeignet“, merkte Gerhard Prüfer an. Konstantin von Freytag, Leiter des Bildungszentrums und Mitinitiator des Aktionstages, versprach, die Anregungen weiterzugeben.

Eine Aufgabe für die Gruppen bestand darin, einige Worte in Brailleschrift, einer auf sechs Punkten beruhenden Schrift, zu schreiben. „Das ist wie eine Geheimschrift, man muss erst den Schlüssel finden“, vermutete Tim. Gerhard Prüfer beherrscht den Umgang mit der vor knapp 200 Jahren entwickelten Schrift und hatte eine kompakte Stenomaschine mitgebracht, mit der sich Prägebänder beschriften lassen. „Die Brailleschrift kann man in einem Jahr leicht erlernen“, so der trockene Kommentar von Prüfer. Die Jugendlichen konnten es kaum glauben.

Kerstine Unger engagiert sich als Sehende seit vielen Jahren im Kreisverband des BSVT und ist von der Arbeit mit den Sehbehinderten fasziniert. Sie berichtete gestern davon und gab den Jugendlichen zum Abschluss folgenden Rat mit auf ihren Weg: „Man muss immer Freude am Leben haben, damit lassen sich die größten Probleme meistern.“

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