Das kurze Leben des Pflegekindes Erika Haase

Weimar.  Verein Lernort Weimar spürte dem Leben und Sterben des Mädchens nach, das in der Nazizeit als uneheliches Kind einer Jüdin keine Chance hatte

Das Haus in der Weimarer Karlstraße 7, in dem Erika Haase wohnte, existiert nicht mehr. Dort entstand ein Neubau. 

Das Haus in der Weimarer Karlstraße 7, in dem Erika Haase wohnte, existiert nicht mehr. Dort entstand ein Neubau. 

Foto: Susanne Seide

Erika Haase schwebte seit ihrer Geburt in großer Gefahr. Im Januar 1936 kam sie in Weimar auf die Welt, und als uneheliches Kind einer Jüdin hatte sie kaum Chancen, die Nazizeit zu überleben.

Erikas Mutter gab das Mädchen in eine Pflegefamilie und kehrte bald in ihre Heimatstadt Berlin zurück. Damals standen unehelich geborene Kinder unter amtlicher Vormundschaft. Die „rassehygienische Ausrichtung“ des öffentlichen Wohlfahrtswesens – wie Karl Astel, Leiter des in der Marienstraße ansässigen „Landesamts für Rassewesen“ es 1937 formulierte – führte dazu, dass sie am Ideal des „deutschen Volksgenossen“ gemessen und, sollten sie in irgendeiner Hinsicht auffallen, gemeldet und „rassehygienisch betreut“ wurden.

Das betraf nicht nur uneheliche Kinder, sondern alle, die zum Beispiel wegen Armut, Krankheit oder einer Behinderung auf die öffentliche Wohlfahrtsunterstützung angewiesen waren. Diese Hilfebedürftigkeit konnte für eine Meldung schon ausreichen: Als „asozial“ oder „minderwertig“ galten unter anderem psychisch Kranke, Menschen mit Behinderungen, „Querulanten“, „Nichtsnutze“, Alkoholiker, Epileptiker, Menschen mit einer Hasenscharte und Sitzenbleiber. Dabei wurden die soziale Bedingtheit von Armut, Kriminalität und Sucht negiert und die Gene der Betroffenen als alleinige Ursache angesehen. Zur Meldung verpflichtet waren etwa Ärzte, Hebammen, auch Lehrer waren angehalten, Kinder zu denunzieren.

Die „rassehygienische Betreuung“ konnte für die Betroffenen bedeuten, dass ein „Erbgesundheitsgericht“ ihre Unfruchtbarmachung beschloss, damit sie nicht die „Zucht der arischen Rasse“ vereiteln. Die Operationen führten Ärzte des Städtischen Krankenhauses am Kirschberg durch. Bis 1943 betraf das mehr als 700 Weimarer und Hunderte Häftlinge des KZ Buchenwald. Thüringenweit wurden bis 1945 etwa 16000 Sterilisationen vorgenommen.

Einer Meldung konnte auch die Einweisung in eine Heil- und Pflegeanstalt folgen. Wie bei Erika Haase. Bis 1944 war die kleine Dreizimmerwohnung der Familie Schölzel in der Karlstraße 7 ihr Zuhause. Erika hatte zwei ältere Pflegeschwestern und eine liebevolle Pflegemutter; ihr Pflegevater Gerhard Schölzel, ein Zimmermann, wurde bald zum Kriegsdienst eingezogen. Ab 1940 musste sich Charlotte Schölzel als Reinigungskraft verdingen. 1942 wurde Erika in die Fritz-Wächtler-Schule (heute: Jenaplanschule) eingeschult, die erste Klasse sollte sie wiederholen.

Anfang März 1944 musste sie ihre Pflegefamilie verlassen und in die Landesheilanstalt Hadamar ziehen. Offiziell kam sie in ein „Erziehungsheim“. Da das 1944 aber nur noch auf dem Papier bestand, kam das Mädchen bei den regulären Patientinnen unter. Reichsweit sollten die Behörden ab 1943 „Mischlingskinder“, auf die der Staat Zugriff durch das Fürsorgewesen hatte, in das Hadamarer „Erziehungsheim“ schicken. Neben der Ausgrenzung und Ermordung der Juden sollte nun auch gegen die „Mischlinge“ vorgegangen werden.

Auf Erikas Patientenakte ist mit „geisteskrank“ eine Standarddiagnose vermerkt. So wurde vorgetäuscht, dass die Kinder aus gesundheitlichen Gründen eingewiesen wurden. Im Schicksal Erika Haases verschränken sich der Holocaust und die Krankenmorde – da das Kind nicht einfach deportiert werden konnte, wurde es als „geisteskrank“ erklärt und in eine Anstalt eingewiesen. 27 Tage nach ihrer Ankunft, am Morgen des 27. März 1944, wurde Erika Haase mit einer Medikamentenüberdosis ermordet.

2021 soll zu ihrem Gedenken ein Stolperstein vor der Weimarer Karlstraße 7 gesetzt werden.

Der Verein Lernort Weimar hat im Rahmen des vom LAP Weimar geförderten Projekts „Der Ruf nach ,Volksgemeinschaft’ und die Opfer nationalsozialistischer ,Euthanasie’“ ein Online-Podium zu den Euthanasie-Morden in Thüringen und dem heutigen Umgang mit „Normalität“ veranstaltet. Sie läuft am 22. Dezember ab 19.30 Uhr auf Radio Lotte und ist danach auf der Vereins-Webseite abrufbar. Mehr Informationen über Erika Haase und die nationalsozialistische „Rassenhygiene“ in Weimar gibt es auf der Webseite unter stolpersteine/erika-haase/volksgemeinschaft. Dort steht zudem ab Ende des Jahres ein Audiorundgang durch Weimar bereit – zum Anhören zu Hause oder zum Ablaufen in der Stadt.

www.lernort-weimar.de