Klinikseelsorgerin in Weimar: „Mein großes Gut ist die Zeit“

Im Gespräch mit Pfarrerin Dorothea Knetsch über Herausforderungen der Pandemie

Dorothea Knetsch ist Klinikseelsorgerin in Weimar. 

Dorothea Knetsch ist Klinikseelsorgerin in Weimar. 

Foto: mgt

Weimar. Pfarrerin Dorothea Knetsch ist Klinikseelsorgerin in Weimar. Wie hat sich ihr Berufsalltag mit der Corona-Pandemie verändert? Wir sprachen mit der Pfarrerin, die im Januar und Februar auch die Vakanz-Vertretung in der Kreuzkirche übernimmt, bevor nach der Verabschiedung von Pfarrer Frieder Krannich die neue Pastorin ihren Dienst antritt.

Pfarrerin Knetsch, sind Sie als Klinikseelsorgerin in der Pandemie und während des Lockdowns stärker gefordert als zuvor?

Es ist spürbar, dass die Menschen verunsichert sind und somit auch dankbar für ein Gespräch, in dem ihre Nöte angesprochen werden können. Allerdings ist es so, dass das Weimarer Klinikum es möglich macht, dass pro Patient ein Angehöriger nach Testung Zugang zum Klinikum hat, und somit Besuche, anders als beim ersten Lockdown, weiter möglich sind. Außerdem dürfen die Grünen Damen und Herren weiter Besuche im Klinikum machen. Daher fühlte ich die stärkere Forderung im Frühjahr fast mehr. Dennoch: die Einsamkeit mancher Menschen zeigt sich in dieser Zeit noch deutlicher. Da hoffe ich, ein bisschen entlasten zu können.

Wer wendet sich an Sie?

Das lässt sich gar nicht so genau sagen: Ich habe tatsächlich alte und junge Patienten, alle Altersgruppen sind dabei. Aber in der älteren Generation gibt es natürlich mehr Menschen, für die Kirche und Pfarrer selbstverständlich dazu gehören. Ich führen auch Gespräche mit Mitarbeitenden und Angehörigen. Mir scheint, Frauen fällt es auch leichter, diese Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Was bedrückt die Patienten, die sich an Sie wenden am meisten?

Es gibt die, die einsam sind und das jetzt verstärkt spüren, da Angehörige aus Vorsicht keinen Besuch machen. Wer generell ängstlich ist, der reagiert vielleicht in dieser Situation ängstlicher und möchte auch darüber reden. Ein Patient von der Covid-Station freut sich einfach, dass eine Pfarrerin zu ihm kommt, mit ihm betet.

Wie können Sie ihnen helfen?

Vielen hilft es, wenn ich einfach zuhöre, wenn sie von ihren Problemen erzählen. Mein großes Gut ist die Zeit, die ich ihnen schenken kann, weil ich nicht an feste Vorgaben gebunden bin. Wenn jemand anderthalb Stunden sprechen möchte, ist dies möglich. Wenn jemand eine Viertelstunde schweigen möchte, auch das. Mit einer Patientin singe ich Gesangbuchlieder – mit Maske und Abstand, Fenster offen – natürlich – aber ihr hilft es. Und mir macht es Freude. Mit vielen Patienten bete ich. Manchmal vermittele ich ein Telefongespräch mit Angehörigen oder ich gehe mit den Patienten spazieren. Die Hilfe kann ganz unterschiedlich aussehen.

Welche Veränderungen beobachten Sie?

Ich merke, dass die Verunsicherung größer geworden ist, nicht nur bei den Patienten. Monatelang viele Menschen nur mit Maske zu sehen, das macht was mit den Menschen. Das merke ich auch bei mir. Gleichzeitig stelle ich aber fest, dass die Mehrheit sich darüber nicht beschwert, sondern deren Notwendigkeit einsieht. Mich hat meine Arbeit hier im Klinikum dankbarer werden lassen für das, was da täglich geleistet wird.

Neben Ihren doch sehr umfangreichen Aufgaben als Klinikseelsorgerin sind Sie interimsmäßig Pfarrerin an der Kreuzkirche. Wie bewältigen Sie das, zumal Ihre vier Kinder ja auch Zuwendung benötigen?

Die Kreuzkirche ist eine sehr gut organisierte Gemeinde mit vielen engagierten Ehrenamtlichen, die gerade sehr viel übernehmen und unterstützen. Aber auch sonst gibt es im Weimarer Team viele Haupt- und Ehrenamtliche, die helfen. Ohne diese würde ich das sicherlich nicht schaffen, da ich natürlich auf keinen Fall meine Aufgaben in der Klinik vernachlässigen möchte. Nicht in dieser Zeit, aber auch „ohne Corona“ nicht. Das mit den vier Kindern ist tatsächlich gerade eine Herausforderung. Aber eher, weil meine vier Kinder alle zu Hause lernen müssen. Das klappt über weite Strecken inzwischen selbstständig, drei von vieren sind schon größer, aber: In dieser Zeit lerne ich zu schätzen, wie gut es ist, wenn meine Kinder von ausgebildeten Pädagogen unterrichtet werden können. Wie ich den Spagat meistere? Es sind zweifellos mein Glaube und meine Kinder, die mir Kraft geben für mein tägliches Tun. Beides ist ein Geschenk, das weiß ich.