Neue Präsidentin will Klassik-Stiftung Weimar nach vorne bringen

Weimar  Mehr Dynamik innerhalb und außerhalb: Auf ihrer ersten Pressekonferenz definierte die neue Präsidentin der Klassik-Stiftung Weimar die Leitlinien ihrer künftigen Arbeit.

Ulrike Lorenz, seit drei Wochen im Amt, hat sich nichts weniger vorgenommen, als die Klassik-Stiftung völlig neu zu justieren.

Ulrike Lorenz, seit drei Wochen im Amt, hat sich nichts weniger vorgenommen, als die Klassik-Stiftung völlig neu zu justieren.

Foto: Michael Reichel/dpa

Noch wenig Konkretes, doch umso mehr Grundsätzliches tat Ulrike Lorenz am Dienstag in ihrer ersten

Pressekonferenz kund. Die gebürtige Geraerin, seit drei Wochen in Weimarer Diensten, definierte Leitlinien ihrer künftigen Arbeit als Präsidentin der Klassik-Stiftung, sie will mehr Dynamik innerhalb und eine stärkere Öffnung der zweitgrößten deutschen Kulturstiftung nach außen bewirken. Kaum verhohlen ließ sie ihre Unzufriedenheit mit der Sanierung des Residenzschlosses erkennen und sagte klar, die verplanten „40 Millionen Euro reichen weder hin noch her“. Aus denselben Gründen schob sie auch die Arbeiten an Goethes Wohnhaus auf unbestimmte Zeit auf.

Jeder weiß es: Ulrike Lorenz muss sich als Erstes mit den liegen gebliebenen Haus-Aufgaben ihres Amtsvorgängers herumschlagen. Das nach zehn Jahren schleppender Bauvorbereitung im Herbst 2018 endlich eingeläutete Projekt könne bestenfalls eine „erste Phase“ der Restaurierung darstellen, so Lorenz. Sie monierte, dass ein Masterplan, der konkrete Nutzungskonzepte enthält, fehle. Nicht zuletzt deshalb brauche es „ein weiteres Nachdenken über das Schloss“. Gar nichts hält Lorenz von der haushalterischen Taktik, „Restaurierungsbedarfe heraus zu definieren“. Sie will partout das ganze Schloss fertig saniert sehen, und zwar „so rasch es geht“. Daher macht sie das Projekt zur Chefsache und will Sponsoren unter deutschen Weltunternehmen suchen.

Goethehaus muss noch länger warten

Ähnlich die Lage in Goethes Wohnhaus. Das Kronjuwel am Frauenplan, in dem der Dichterfürst sich 50 Jahre lang selbst inszenierte, ächzt heute arg unter der Last der Besucher und sollte eigentlich vom nächsten Jahr an einer hochnötigen Instandsetzung unterzogen werden. Doch Lorenz will offenbar keine halben Sachen, behutsam deutete sie an, man müsse genauer überlegen, welcher „Begriff von Authentizität“ zugrunde gelegt werde. Zu Deutsch: Aus der Überlagerung von Zeitschichten gilt es zu definieren, welches Goethe-Bild man vermitteln will.

In den Dauer-Ausstellungen der Klassik-Stiftung hält die promovierte Kunsthistorikerin einiges für „überarbeitungswürdig“; sie möchte mehr Kontraste und Reibungspunkte setzen, um bei Besuchern ein Nachdenken - nicht zuletzt über Bezüge zur heutigen Zeit - zu provozieren. Ähnliche Strategien hat Lorenz schon in Mannheim verfolgt. Während sie dort eine beeindruckende Kunsthalle neu bauen ließ, bemängelte sie die Weimarer Verhältnisse: „Uns fehlt eine angemessene zentrale Ausstellungsfläche.“ Gemeint sind Räume für Sonder-Expositionen, wie sie eigentlich ins neue Kulturquartier zwischen Bauhaus- und Neues Museum gehörten.

Spätestens anhand solcher mit größtmöglicher Diplomatie vorgetragener Details ist abzulesen, dass Lorenz ihre Aufgabe in anderen Dimensionen denkt, als ihre Vorgänger es taten. Die Klassik-Stiftung, so deren Präsidentin, sei „ein lebendiger Organismus, von dem man auch etwas erwarten können muss“. Dabei schließt sie sich selbst keineswegs aus. In der seit der Frühneuzeit „ununterbrochenen europäischen geistesgeschichtlichen Tradition“, wie die Klassik-Stiftung sie mit ihren Liegenschaften und Sammlungen repräsentiert, gelte es, Widersprüche kenntlich und dialektisch fruchtbar zu machen - nicht zuletzt den Gegensatz zwischen Humanität und Bestialität, der sich in den Schlagworten Klassik und Buchenwald kristallisiert.

Es lasse, so Lorenz, sich das eine nicht ohne das andere denken. Deshalb will sie zum Beispiel Rebecca Horns famose Installation „Konzert für Buchenwald“ aus dem Abseits des E-Werks mehr in den Fokus rücken.

Stiftung als Think Tank für die Kulturnation

Zu ihren Leitlinien zählt folglich der Perspektivwechsel, „den Blick aus der Geschichte heraus in die Gegenwart und in die Zukunft zu wenden“. Sie wolle anregen, das kulturelle Potenzial der Klassik-Stiftung neu zu codieren, damit diese „zu einem Think Tank für die Gesellschaft und Politik werden kann“. Denn als große öffentliche Einrichtung trage man Mitverantwortung für die Zukunft der Demokratie. Lorenz wörtlich: „Alles, was wir tun, ist politisch.“ Als einen Ankerpunkt dieses künftigen Wirkens der Stiftung, deren Einheit in der Vielfalt sie betonte, definiert die Präsidentin das Schloss, „unsere starke Mitte“.

Auf ihrem akuten Arbeitsprogramm stehen

  • 1. eine gezieltere Akquisition von Sponsoren; beim Fundraising soll ein neues Avisory Board helfen;
  • 2. eine Digital-Strategie, die Lorenz zur Chefsache ausruft;
  • 3. internationale Arbeits-Netzwerke mit der Klassik-Stiftung als aktivem Player; Lorenz denkt an Kooperationen mit dem Getty- und dem Smithsonian-Institute sowie dem British Museum;
  • 4. eine intelligent gemachte Wanderausstellung, die mit dem Goethe-Institut um die Welt gehen soll und für die Klassik-Stiftung als einem Aushängeschild der Kulturnation wirbt;
  • 5. die Entwicklung des Quartiers der Moderne in Weimar sowie
  • 6. der „Entwurf eines welthaltigen Identitätskonzepts, das auf Wertschätzung von Differenz fußt“; sprich: ein modernes Deutschlandbild der Toleranz, für die das kleine Weimar mit seiner großen Kulturgeschichte die schönsten und schlimmsten Beispiele parat hält.

Da hat die neue Chefin sich fraglos mehr vorgenommen, als sie in prospektiv elfjähriger Amtszeit erreichen kann. Doch gilt für ihren Lebensweg sicherlich, was ihr neuer, vorerst nur noch auf wenige Wochen mandatierter Dienstherr, der Staatskanzleiminister Benjamin-Immanuel Hoff (Linke), vollmundig als hehre Aufgabe formulierte: „Nach der Kunsthalle Mannheim bleibt nicht mehr viel. Da kann man nur noch Klassik-Stiftung machen.“

Ulrike Lorenz geht es an. Voller Elan, sprühend vor Ideen. Man darf gespannt sein.

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