Prekäres Pomeranzen-Paradies in Weimar

Wolfgang Hirsch
| Lesedauer: 3 Minuten
Stolz präsentiert Gärtnermeister Andreas Petzold in der Orangerie auf Schloss Belvedere eine Agave. Bei 35 Grad Hitze fühlt sich die Pflanze erst richtig wohl, versichert er.

Stolz präsentiert Gärtnermeister Andreas Petzold in der Orangerie auf Schloss Belvedere eine Agave. Bei 35 Grad Hitze fühlt sich die Pflanze erst richtig wohl, versichert er.

Foto: Wolfgang Hirsch

Weimar.  Sogar der mediterran durchwirkte Schlosspark Belvedere leidet arg unter der Dürre. Ein Ortsbesuch.

Trügerisch kommen goldene Verse dem Besucher des Schlossparks Belvedere in den Sinn; die Idylle vom „Land, wo die Zitronen blühn“ scheint dem Laien vollkommen intakt. Fachleute wissen es besser: „Die Lage ist dramatisch“, sagt Andreas Pahl trocken. Vier Dürrejahre haben den Böden im mediterran anmutenden Landschaftspark tiefgründig zugesetzt; den Pflanzen ergeht es kaum anders.

Der erfahrene Gartendenkmalpfleger der Klassik-Stiftung versteht die Menetekel der Natur zu deuten. Pahl weist auf die Wipfeldürre im Ahorn hin, erkennt die einsetzende Kronenvernichtung im stolzen Geäst der Blutbuche und prophezeit: „Wir müssen uns davon verabschieden, dass wir hier 200 Jahre alte Bäume haben.“ Wo Goethe in Muße den „Tasso“ vollendete, herrscht Untergangsstimmung.

Ohnehin dräut jetzt dem Baumbestand im historisch gewachsenen Gartenkunstwerk ein unvermeidlicher Generationswechsel, doch unter inzwischen vorherrschenden Klimabedingungen rechnet Pahl mit bloß noch 50 Jahren Lebensdauer für etablierte Arten. Sie durch Exoten wie Ginkgo, Schnurbaum oder Douglasie zu ersetzen, wäre in seinen Augen eine zweischneidige Alternative: „Dann ist es auch nicht mehr mehr das Gartendenkmal und nicht mehr das alte Welterbe“, mahnt er.

Gewächse des Südens hegt man seit 300 Jahren in der Orangerie

Gut 500 Zitrus-, Granatapfel-, Oleander-, Zypressen- und Lorbeerbäumchen säumen in Kästen und Kübeln die Wege und sind mit Bedacht auf dem Gelände verteilt – ganz wie zur Goethezeit. Das System ist seit Jahrhunderten ausbalanciert; ab September schafft das kleine, 20-köpfige Gärtnergeschwader mit vereinten Kräften die Pflanzen in die beheizbaren Orangerie-Pavillons, denn winterlichen Temperaturen unter 3-4 Grad Celsius würden sie nie widerstehen, erklärt nun Gärtnermeister Andreas Petzold.

Und die Sommerhitze? Stolz präsentiert Petzold eine Agave, die in sechs, sieben Metern Höhe eine seltene Blüte ausgetrieben hat, und lacht: „Die stammt aus Mittelamerika, bei 35, 40 Grad im Schatten freut die es nur!“ Trotzdem müssen er und seine Mannschaft die Kübelgewächse regelmäßig mit dem Schlauch gießen; man nutzt Quellwasser und, so lange es geht, das Reservoir einer Regenzisterne.

„Nichts gedeiht ohne Pflege“, lautet eine alte Gärtnerweisheit

Nicht zuletzt wegen beschränkter Entfaltungsspielräume im Kübel würden sie höchstens vier Wochen unbewässert aushalten. „Nichts gedeiht ohne Pflege“, mahnt Petzold und verführt prompt zu den „goldenen Äpfeln der Hesperiden“: Orangen und Pomeranzen in erdenklicher Vielfalt; schon Carl Augusts Hofkoch François Le Goullon kreierte dafür Rezepte. Wir durchwandern die Gärtnerei, schnuppern an Pflanzen und Kräutern.

Noch ein Tipp für zuhause: Bedeckte Böden sind enorm wichtig! Pflanzenwuchs oder zumindest Mulch mildern die arge Verdunstung. Während versiegelte Flächen – tote Steingärten gar – nur die fatale Hitze speichern.

Hell lacht die Mittagssonne am azurblauen Firmament. Zum Donnerwetter! Ein Regenguss in diesem sizilianisch verwöhnenden Parkparadies wär’ jetzt viel schöner…

Weitere Informationen unter www.klassik-stiftung.de