Stehenden Ovationen für Tanztheater „Face me“ am DNT

Weimar  Ester Ambrosino und ihr Tanztheater Erfurt werden am Nationaltheater Weimar für ihren Doppelabend „Face me – Le sacre“ gefeiert.

Tabea Wittulsky tanzt mit ihrem und gegen ihren überlebensgroßen Avatar: zum und im Videomapping von Dirk Rauscher in dem Stück „Face me“.

Tabea Wittulsky tanzt mit ihrem und gegen ihren überlebensgroßen Avatar: zum und im Videomapping von Dirk Rauscher in dem Stück „Face me“.

Foto: Candy Welz

Ein Lichtpunkt im Dunkeln, aus dem eine Linie fließt: Sie beschreibt ein Rechteck auf dem Boden. Ein Areal wird abgesteckt, in dem ein Menschlein verloren hockt.

Das geht in aller Ruhe vonstatten, derweil im Orchestergraben Streicher energisch ins Stück regelrecht einreiten, die Bläser darüber Angriff signalisieren: Vorwärts, vorwärts!

So wird ein heller Raum erobert, mit Bodenplatte und Wand, die Ausstatter Philip Rubner wie leere weiße Blätter entworfen hat, die einen aufgeklappten Laptop markieren. Die Bühne wird zur Benutzeroberfläche, auf der wir mit der Tänzerin in unendliche virtuelle Tiefe vordringen.

Cyberräume entstehen, im Theater! Ein Spiel mit Bits und Bytes, das die Staatskapelle in Beats übersetzt.

„Face me“ heißt das phänomenale Stück aus Tanzsolo, Videomapping sowie analoger und elektronischer Musik. Zu deutsch: Schau mich an!

Und wir haben die Tänzerin Tabea Wittulsky angeschaut, die mal sehr langes braunes Haar hatte und nun einen rasierten Kopf trägt. Wir haben sie angeschaut, ihr zugeschaut, wie sie sich vierzig Minuten lang umschaut in virtuellen Welten, die sie tanzend erschafft, um sich darin immer wieder neu zu begegnen, die aber auch sie neu erschaffen. Sie ist Schöpferin und Geschöpf zugleich.

„Face me“ ist der erste Teil eines Doppelabends, dessen Premiere am Nationaltheater Weimar am Ende mit stehenden Ovationen bedachten Triumph wurde. Es ist vornehmlich der des kleinen freien Tanztheaters Erfurt mit seiner Choreographin Ester Ambrosino, die beim Schlussapplaus nicht von ungefähr die Arme in die Höhe streckte und Freudensprünge vollführte. Es ist der Triumph einer lange Zeit viel zu wenig beachteten Arbeit, die hier über sich hinauswächst, da ihr die notwendige Infrastruktur zuteil wird.

Diese Infrastruktur hielten die großen Theater Weimars und Erfurts andernfalls völlig umsonst vor, da sie ihre Tanzensembles ja längst einbüßten. Mit Projektmitteln des Bundes wie des Landes gelang inzwischen eine auf drei Jahre angelegte Zusammenarbeit, die aktuell, zur Halbzeit, grandiose Früchte trägt. So darf dies auch als Triumph künstlerischer Vernetzung kultureller Institutionen gelten, geboren aus dem Selbstbewusstsein ihrer aller Eigenständigkeit.

Wie man (digitaler) Vernetzung ins Netz zu gehen droht, gehört indes zu Ambrosinos „Face me“-Erzählung. Sie koppelt die Uraufführung mit der Neuinterpretation des heidnischen Frühlingsopfers Strawinskys: „Le sacre du printemps“. Das beschreibt gleichsam den allzeit möglichen Zivilisationsbruch am Beispiel vorzivilisatorischer Zeit. Während uns die virtuelle Realität zur zweiten (dritten) Natur wird („Face me“), brodelt die erste unter schöner Oberfläche recht munter weiter. Man kann so oder so durchs Netz fallen.

Tabea Wittulsky (in anderen Vorstellungen tanzt Javier Ferrer Machin das Solo) begibt sich in „Face me“ in einen Datenstrudel und verliert sich darin. Sie opfert sich einer neuen Wirklichkeit. Sie schafft Räume und wischt sie beiseite. Sie sucht nach Greifbarem, wo mit Händen nichts zu greifen ist. Sie ist die Spielmacherin, die zur Spielfigur wird: in einer Jump’n’Run-Szene. Sie lädt ihren überlebensgroßen Avatar mit Körperkraft hoch, der ihr zum Partner wird, zur Bedrohung, zur platzenden Illusion von Zweisamkeit.

Das geschieht in größter Präzision. Wittulsky folgt punktgenau den Projektionen Dirk Rauschers, und diese der Tänzerin. Ein angstbesetzter und zugleich neugieriger Körper wird zur Datenmenge; er löst sich gleichsam auf, setzt sich wieder zusammen.

Die an Minimal Music und filmischem Stil orientierte, tonale Komposition Michael Krauses, von Olaf Storbeck und Staatskapelle vorzüglich aufgeführt, wirkt wohl absichtsvoll weniger modern als Strawinsky, der auch Filmmusik komponierte: umgekehrte Vorzeichen sozusagen.

„Le sacre“ ist weniger Kontrast- als Komplementärprogramm: auf und vor bemoostem Felsen, dem heiligen Hügel. Hier vereinen und entzweien sich 16 pulsierende Tänzerkörper zu und in Ritualen der Ekstase. Ein Wahn, ein Hetzen, eine Hitze greifen um sich, eine selbstzerstörerische Kraft im Kontrollverlust: Wehe, wenn sie losgelassen! Jeder kann hier, kollektivem Triebe folgend, ein Opfer werden, ob Mann oder Frau.

Es trifft dann doch eine Frau: Maya Gomez tanzt es, ganz und gar nackt, atem- und sprachlos. Sie dominierte einen Mann, nun dominiert die Gruppe sie. Sie hat sich, ähnlich wie Tabea Wittulsky, ein Netz geknüpft und fällt doch ins Bodenlose.

Im DNT Weimarwieder am 24. 10., 17. 11., 14. 12. und 17. 1., Premiere am Theater Erfurt: 25. 4. 2020.

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