Streit um die Zukunft des Hauses Hababusch in Weimar geht weiter

Marvin Reinhart
| Lesedauer: 9 Minuten
Auf der Baustelle im Hinterhof des Haus Hababusch herrscht aus Sicht der Bewohnerinnen und Bewohner Chaos.

Auf der Baustelle im Hinterhof des Haus Hababusch herrscht aus Sicht der Bewohnerinnen und Bewohner Chaos.

Foto: Amadeus Krämer

Weimar.  Der Zwist zwischen Wohngemeinschaft und Eigentümer des Hauses in der Weimarer Geleitstraße spitzt sich weiter zu. Eine umfangreiche Recherche.

Der Streit um die Zukunft des Hauses Hababusch in der Weimarer Geleitstraße geht weiter und eine außergerichtliche Einigung zwischen Hauseigentümer Eberhard Kemmann und der vorwiegend jungen Wohngemeinschaft scheint in absehbarer Zeit in weite Ferne gerückt zu sein.

Hauptstreitpunkt ist die Baustelle im Hinterhof des Gebäudes. Dort wolle der Hauseigentümer einen Anbau errichten. Regie auf der Baustelle führt der Sohn des Hauseigentümers Kai Kemmann, dem die Wohngemeinschaft mangelnden Professionalität vorwirft. Zudem würden die Bauarbeiten ohne Vorankündigung stattfinden, kritisiert die Wohngemeinschaft.

Unrühmlicher Höhepunkt waren die Abrissarbeiten eines an die Baustelle angrenzenden und zu diesem Zeitpunkt noch bewohnten Zimmers im ersten Stockwerk im Herbst vergangenen Jahres. Ohne Vorwarnung sei dort eine Wand eingerissen worden, so die Wohngemeinschaft. Weswegen es bereits im Oktober zu einer ersten Gerichtsverhandlung kam, die mit einem Vergleich endete.

Weitere bauliche Eingriffe in die Wohnräume sind nicht genehmigt

Darin geregelt sei, dass bis zur Klärung in erster Instanz im März diesen Jahres weitere bauliche Eingriffe in die Wohnräume durch den Hauseigentümer nicht genehmigt sind. Zudem sollte die Wohnungstür, die durch den Abriss des Zimmers im ersten Stockwerk de facto zur Außentür wurde, dementsprechend witterungsbedingt gesichert werden.

„Das ist nicht passiert“, ist sich die Wohngemeinschaft einig. „Wir heizen hier deutlich mehr, als wir müssten“, gibt Amadeus Krämer, Student und seit sechs Jahren Bewohner des Hababusch, zu verstehen. „Unsere Anwältin hat den Eigentümer auf die Problematik mehrfach hingewiesen“, sagt er.

Weimarer Bauaufsicht steht in Kontakt mit dem Eigentümer

Weiter seien in einem der bewohnten Räume bei Bauarbeiten an der Außenwand große Stücke aus der Wand gebrochen. Was aus Sicht der Wohngemeinschaft gegen die Auflagen des Vergleichs verstoße und einen Eingriff in die Wohnräume darstelle. „Darüber wurde nun eine Pappe geklebt“, sagt Niklas Steinert, ebenfalls Bewohner des Hababusch.

Augenscheinlich ist die Situation auf der Baustelle im Hof chaotisch. Weswegen seit geraumer Zeit auch die Weimarer Bauaufsicht im Schriftverkehr mit dem Eigentümer steht, wie unserer Zeitung aus dem Dezernat für Bauen und Stadtentwicklung bestätigt wurde.

Es werde immer wieder darauf hingewiesen, dass das, was die Bewohner fordern auch eingehalten werde, heißt es. Recherchen unserer Zeitung nach handele es sich dabei in erster Linie um die ordnungsgemäße Absperrung der Baustelle. Dies sei nach Angaben der Wohngemeinschaft noch immer nicht erfolgt. Zudem sei im Zuge der Bauarbeiten auch ein weiteres angrenzendes Gebäude in Mitleidenschaft gezogen worden, heißt es aus der Wohngemeinschaft.

Hauseigentümer: Wohngemeinschaft im Weimarer Hababusch wohnt dort ohne Rechtstitel

Nachgefragt beim Hauseigentümer Eberhard Kemmann, dementiert dieser die Vorwürfe. „In dem Vergleich steht, dass die Türöffnung gegen Witterungseinflüsse im Winter gesichert werden soll. Ich hatte meinen Arbeitnehmern Weisung erteilt, entsprechend dem Vergleich zu verfahren“, sagt Eberhard Kemmann, den geografisch viele Kilometer von der Immobilie trennen.

„Ob dies durch eine Tür, durch Mauerwerk oder durch eine Holzkonstruktion geschieht, wurde im Vergleich nicht geregelt. Ob nach dem Verschließen des Loches im Mauerwerk eine Isolierung vorgenommen werden muss, steht ebenfalls nicht im Vergleich.“ Fakt ist: Vor Ort befindet sich eine Wohnungstür, die nach draußen führt und durch deren Ritzen das Tageslicht schimmert.

Eberhard Kemmann verweist darauf, dass die Wohngemeinschaft im Hababusch generell ohne Rechtstitel dort wohne. „Die bezahlen keine Miete. Die bezahlt der Verein Jugendhotel“, sagt er. Der Verein wurde in den 90er-Jahren gegründet, als das Haus noch als alternatives Hostel betrieben wurde. Als das Projekt beendet wurde, seien dort ohne konkrete Absprache mit dem Hauseigentümer meist Studierende eingezogen, die fortan ihre Miete an den Verein entrichteten, der wiederum die Miete an Eberhard Kemmann überwies.

„Die Bewohner suchten sich eigenmächtig irgendwelche Nachfolger, die sodann ohne rechtliche Befugnis im Hause wohnten. Unternommen hiergegen habe ich nichts. Zum einen hatte ich noch nicht die zur Umgestaltung notwendige Baugenehmigung. Zudem bestand keine Notwendigkeit, die Zimmer leer stehen zu lassen, solange junge Studenten hierfür eine Verwendung hatten“, so Eberhard Kemmann.

Bewohner zahlen Miete, vermietet wird an Verein Jugendhotel

Zwischenzeitlich gründete sich ein weiterer Verein, der Verein Hababusch, von dem aus die Miete zum Konto des Vereins Jugendhotel und schließlich zum Hauseigentümer floss. Die Höhe der Miete, die auf dem Konto des Vereins Hababusch landete, sei dem Eigentümer nicht bekannt gewesen.

Um in diesem Gewirr Ordnung zu schaffen, wurde zwischen Wohngemeinschaft und Eigentümer 2015 vereinbart, dass die Miete direkt vom Konto des Vereins Hababusch an Eberhard Kemmann überwiesen werden könne. „Eine Änderung des Mietverhältnisses ist damit mit Sicherheit nicht verbunden“, sagt er. In der Zeit vom November 2015 bis Oktober 2021 erfolgten die Überweisungen also vom Verein Hababusch auf das Konto des Hauseigentümers.

Dies habe sich ab November 2021 erneut geändert. Seitdem und bis heute noch überweisen zwei Bewohner die gesamte Miete unmittelbar auf das Konto des Eigentümers. „Ich vermiete aber immer noch an den Verein Jugendhotel“, betont Eberhard Kemmann.

Baustelle wird zum archäologischen Fundort

Die Baustelle sei indes nicht öffentlich zugänglich, unterstreicht der Eigentümer. „Da kann von draußen keiner rein“, sagt er. Auch wenn die Arbeiten professionell sicherlich besser gemacht werden könnten, passieren diese auf einem Privatgrundstück. Und auch die Bauaufsicht habe keinen Handlungsbedarf gesehen, betont Eberhard Kemmann.

Weiter verweist er darauf, dass die Bauarbeiten regelmäßig von Statikern und dem Amt für Archäologie beobachtete werden. Bei den Baumaßnahmen sei ein Brunnen gefunden worden, der wohl aus dem 15. Jahrhundert stamme. Erdschichten und Funde würden gar bis ins 4. oder 5. Jahrhundert zurückreichen. Da sei Fingerspitzengefühl gefragt. „In wenigen Tagen werden die Arbeiten nur noch ausschließlich vom Denkmalschutzamt durchgeführt“, sagt Eberhard Kemmann. „Zurzeit arbeiten dort noch meine Leute.“

Mit dem Eigentümer des Nachbarhauses stehe er indes in Verhandlung. Das habe aber mit der eigentlichen Situation um das Haus Hababusch nichts zu tun.

Erdgeschoss werde seit 20 Jahren „im Kreis saniert“

Die Bewohner des mit wildem Wein bewachsenen Gebäudes in der Weimarer Geleitstraße pochen indes weiterhin auf einen schriftlichen Mietvertrag mit allen Rechen und Pflichten. „Es gibt ein Mietverhältnis, das ist nicht von der Hand zu weisen“, sagt Amadeus Krämer, verweist auf die regelmäßigen Mietzahlungen der Wohngemeinschaft an den Eigentümer. Hinzu komme, dass die Bewohnerinnen und Bewohner beispielsweise Energiekosten für den Betrieb der Baustelle mitfinanziert hätten, da etwaig benötigte Gerätschaften über den Stromanschluss des Hauses betrieben worden wären.

Mehrfach sei die Wohngemeinschaft auf den Eigentümer zugegangen, es gab gar Gespräche über den Kauf der Immobilie, nach dem Modell der Weimarer Feuerwache. „Es wurde einmal 2013 und erneut 2021 der Versuch unternommen, die Immobilie zu entwickeln, um weiterhin studentisches Wohnen und den Betrieb eines Kulturortes zu ermöglichen“ sagt Amadeus Krämer. Auch die Idee, das Haus zu pachten, wurde vorgeschlagen.

Die Bewohner sind der Auffassung, dass auch ihr Auszug aus dem Hababusch nichts an dessen Sanierungsfortschritt ändern würde, verweisen auf das Erdgeschoss, dass seit 20 Jahren „im Kreis saniert werde“. Und auch auf der Baustelle im Hof gebe es wenig bis keinen Fortschritt. „Seit zwei Wochen wird dort eine Betonmischer repariert“, sagt Niklas Steinert. Gesichert sei nur wenig und es sei wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich dort jemand verletzt.

Indes sei der Bedarf an Wohnraum zum bezahlbaren Preis in Weimar groß. Dass das Haus saniert werden muss, darin sind sich beide Parteien einig. „Wir wären auch bereit, eine Sanierungsvereinbarung zu unterschreiben“, sagt Amadeus Krämer. Voraussetzung wäre allerdings ein verschriftlichtes Mietverhältnis.

Dann könnte ein gemeinsamer Plan zur Sanierung entwickelt und die Baustelle professionell geführt werden. „Wir wollen nicht verhindern, dass hier Arbeiten passieren“, unterstreicht Niklas Steinert. Im Anschluss sollte das Haus weiterhin für studentisches Wohnen genutzt werden, auch mit einer Mieterhöhung, die allerdings gemäß des Wohnraummietrechts im Rahmen bleiben sollte.

Mehr zum Thema: Räumung im Hababusch droht - Verhandlung wegen umstrittener Baumaßnahmen