Utopien des Bauhauses neu interpretiert

Weimar.  Der Projektraum A im Untergeschoss des Bauhausmuseums, bislang schlichter Durchgangsraum, wird durch eine interaktive Projektion aufgewertet.

Die Klassik Stiftung eröffnete im Untergeschoss des Bauhausmuseum die  interaktive Projektion „Chaordic“ von Simon Weckert und Jin Lee. (M.), gemeinsam mit Bauhaus-Agent Johannes Siebler (l.) und Erfurter Schülern entwickelt.

Die Klassik Stiftung eröffnete im Untergeschoss des Bauhausmuseum die interaktive Projektion „Chaordic“ von Simon Weckert und Jin Lee. (M.), gemeinsam mit Bauhaus-Agent Johannes Siebler (l.) und Erfurter Schülern entwickelt.

Foto: Maik Schuck

Bauhaus interaktiv: Seit Freitag ist im Bauhaus-Museum eine interaktive Projektion der Medienkünstler Jin Lee (36) und Simon Weckert vom Kollektiv Denkigami nicht nur passiv erlebbar. Jeder Museumsgast kann die Projektion auch selbst beeinflussen. Damit öffnet der bislang triste Projektraum A neben dem Museums-Café im Untergeschoss neue Perspektiven auf einen Bauhauskünstler. Andor Weininger (1899-1986) studierte von 1921 und bis zur Auflösung des Bauhauses in Weimar unter der künstlerischen Leitung von Wassily Kandinsky in der Wandmalerei-Werkstatt des Bauhaus-Theaters. Ab 1922 gehörte Weininger dann zum De Stijl-Kreis, dessen Leitfigur der niederländische Konstruktivist Theo van Doesburg war. Weininger wirkte im Bauhaus als Musiker, Bühnenbildner, Texter und Alleinunterhalter bei Bauhaus-Tanzabenden. Auch die Gründung der Bauhauskapelle im Frühjahr 1924 geht mit auf seine Initiative zurück.

Es ist bereits das zweite gemeinsame Projekt von Jin Lee und Simon Weckert, Absolventen der Universität der Künste Berlin, Studiengang Medienkunst. „Gemeinsam mit den Besuchern und Besucherinnen wollen wir ausprobieren, wie experimentelle Entwürfe und Utopien des Bauhauses mit zeitgenössischen Medien funktionieren“, erklärt Simon Weckert. Ihre Interaktive Videoinstallation „Chaordic“ (Chaos und Ordnung) sei speziell für den Raum im Untergeschoss des Bauhaus Museums konzipiert und beziehe sich auf ein Regelsystem, „das Eigenschaften von Chaos und Ordnung miteinander verbindet. Dabei kommt es zu einer Vermischung von beidem, welche als eine fruchtbare Koexistenz beider Elemente gesehen werden kann“. Ihr Projekt entwickelten sie in Zusammenarbeit mit den Bauhaus-Agenten und der Walter-Gropius-Schule Erfurt. „Zehn bis fünfzehn Schülerinnen und Schüler nahmen daran in ihrer Projektwoche teil“, informiert Bauhaus-Agent Johannes Siebler, der sich am Freitag vor Ort ebenfalls vom Ergebnis überzeugte. Gemeinsam untersuchten sie Bühnenentwürfe und grafische Kompositionen von Andor Weininger und übersetzten seine Gestaltungsprinzipien in Programmiersprache.

Ausgangpunkt sei eine chaotische Struktur an Linien und Farben als dynamische Projektion auf der Wand, erläutern die Künstler. Der Beobachter könne diese Struktur durch seine Bewegung im Raum beeinflussen und „die ungeordnete Struktur in ein metrisches Netzwerk von planimetrischer Beziehung“ setzen. Ausgehend von Punkten und Geraden als Grundobjekten der Planimetrie werden ihre Lagebeziehungen untersucht und weitere geometrische Objekte wie Strecken, Strahlen, Winkel und Farben definiert. Dieser Prozess beziehe sich auf Linien, die den menschlichen Körper mit dem abstrakten Raum um ihn herum in Beziehung setzt und gleichzeitig den Körper in eine abstrakte Figur verwandelt, die den Raum durch Geometrie und Bewegung beschreibt. Alle fünf Minuten gibt es ein Reset-Moment, dann formieren sich die Strukturen und Farben neu.

Die Premiere am Freitag gelang überzeugend. Bis nachts um 4 Uhr hatten die beiden Künstler am Computer noch an ihrem Projekt gefeilt. Wer nun glaubt, das Kunstprojekt ließe sich 1:1 auf andere Orte und Museen übertragen, liegt falsch. „Das ist ein raumbezogenes Projekt“, erklärt Simon Weckert. Die Technologie sei auf den Raum abgestimmt. Ursprünglich hatten sie mit Infrarot-Sensoren arbeiten wollen. Das ließ sich jedoch nicht umsetzen, weil durch die hohe Fensterfront des Museums-Cafés zuviel Sonnenlicht auch in den hinteren Raum fiel.