Oberhof: Nach Ausfall des Weltcups fehlt Geld für den Nachwuchs

Oberhof  Die finanziellen Ausfälle des Biathlon-Weltcups im Januar 2016, der aufgrund milder Temperaturen in der Vorbereitung und akutem Schneemangel nicht in Oberhof stattfinden konnte, hallen nach.

Beim jährlichen Nachwuchs-Camp von Olympiasiegerin Kati Wilhelm in Oberhof messen sich die größten deutschen Biathlon-Talente.

Beim jährlichen Nachwuchs-Camp von Olympiasiegerin Kati Wilhelm in Oberhof messen sich die größten deutschen Biathlon-Talente.

Foto: Imago

Die finanziellen Ausfälle des Biathlon-Weltcups im Januar 2016, der aufgrund milder Temperaturen in der Vorbereitung und akutem Schneemangel nicht in Oberhof stattfinden konnte, hallen nach. Zwar konnten mit dem Gewinn des diesjährigen Weltcups einige Löcher gestopft werden. Für den Nachwuchs fiel, im Gegensatz zu den Jahren zuvor, jedoch kaum etwas ab.

„Es fehlen 20 000 Euro“, bestätigt Hartmut Gollhardt. Als Landestrainer Biathlon hat er die übergreifende Verantwortung für alle Altersklassen im Nachwuchsbereich – und einen Einblick in die Finanzen. Im Haushalt der jungen Leistungssportler entspricht der fehlende Betrag etwa den Kosten der Munition einer Saison. „Ein Nachwuchssportler gibt bis zu 10 000 Schuss im Jahr ab, wobei die Trainingsmunition billiger ist als die, die während der Wettkämpfe, im kalten Winter, eingesetzt wird“, erklärt Gollhardt.

Zusammen mit den Trainern Denny Andritzke, Jesko Fischer und Stephan Seidel sowie Azubi Alexander Wolf, dem ehemaligen Weltklasse-Biathleten, betreut er 35 Jugendliche im Alter von 16 bis 19 Jahren sowie acht Biathleten im Schülerbereich.

Gollhardt plant nicht nur das Training, sondern auch den Haushalt. „Vom Landessportbund werden wir gut bedacht. Das muss man ehrlich sagen“, betont er. Nach einem Schlüssel, der auf Grundlage der Erfolge der Nachwuchssportler erarbeitet wurde, übernimmt der LSB mehr als ein Drittel des Jahresbudgets, eine kleine siebenstellige Summe. Diese Förderung hilft, Trainingslager und Wettkampfreisen zu finanzieren.

Zwar sind die Trainingsbedingungen in Oberhof – dank eines gut ausgebauten Skiroller-Netz und der Skihalle – erstklassig. Dennoch seien Lehrgänge im Ausland, will man in der Spitze mitlaufen, auch im Nachwuchs erforderlich. Kürzlich trainierte Wolf mit sechs Biathleten der Altersklasse 17 und des D/C-Kaders im schwedischen Torsby. Gesponsert war das einwöchige Trainingslager vom Meininger Mike Semisch, der in Schweden lebt und als Reiseveranstalter unter anderem Biathlonreisen anbietet. Ohne seine Unterstützung hätte es in diesem Sommer keinen Lehrgang gegeben.

Etwa den gleichen Betrag wie der Landessportbund leisten die Eltern der jungen Sportler, vor allem für das Material ihrer Schützlinge. Der Rest des Budgets wurde bisher von Sponsoren sowie den Einnahmen des Weltcups gedeckt. „Das war guter Wille des Veranstalters und wir können nicht darauf bestehen“, sagt Gollhardt. Er könne nachvollziehen, dass mit den Einnahmen des Weltcups 2017 zunächst die Löcher gestopft werden. „Der wirtschaftliche Aspekt ist wichtig, man will schwarze Zahlen schreiben“, sagte er, „aber man darf den Nachwuchs nicht ganz vergessen.“ Ein schwieriger Spagat.

Wegen der Finanzlücke könnten die Eltern der Nachwuchssportler bald noch kräftiger zur Kasse gebeten werden. „Wenn ich die Kosten verlagern muss, wird es für sie und die Heimatvereine sprunghaft teurer“, sagt Gollhardt. Schon jetzt zahlen sie einen großen Anteil für die Beschaffung der Grundausstattung. „Im Schülerbereich kostet ein Biathlet seinen Eltern rund 1500 Euro pro Jahr, im Jugendbereich 2500 Euro“, so Gollhardt.

Carsten Menz, dessen Sohn Benjamin seit einem Jahr im Sportgymnasium Oberhof lernt, trainiert und lebt, rechnet noch genauer vor: 615 Euro für Verbandskleidung in der Kindergröße, 765 Euro ab einer Kleidergröße von 176, hinzu kommen Ski und Bindung für bis zu 400 Euro, Schuhe bis zu 300 Euro, ein Elternanteil von 50 bis 100 Euro pro Trainingslager und Wettkampf sowie 260 Euro pro Monat für die Unterbringung am Sportgymnasium in Oberhof.

Für den Beamten Menz, gleichzeitig Vereinsvorsitzender des SV Motor Tambach-Dietharz, ist die Finanzierung bisher kein Problem. „Aber ich denke beispielsweise an Alleinerziehende oder an Familien, bei denen zwei Kinder in Oberhof trainieren. Die beißen jetzt schon. Wie sollen sie noch mehr Kosten stemmen?“, so Menz. Der Nachwuchsleistungssport, betont er, dürfe nicht nur noch für reiche Familien finanzierbar sein.

Ein anderes Szenario: Bleibt das Geld aus, müssen die Oberhofer Trainer eine Auswahl schaffen. „Wir müssten dann bündeln“, sagt Landestrainer Gollhardt. Von dieser wohl letzten Option möchte er keinen Gebrauch machen. „Aus der Masse kommt die Klasse“, begründet er. Das hofft auch Menz – obwohl sein Sohn Benjamin sehr gute Ergebnisse im Schülercup ablieferte und vorne dabei ist. „Aber wenn nur noch die leistungsstarken Sportler mitgenommen werden können, dann finden die schwächeren gar keinen Anschluss mehr. Dann bleiben Talente auf der Strecke“, sagte er.

Um eine stärkere finanzielle Belastung der Eltern und ein Aussieben zu vermeiden, wurde unter anderem der Biathlonförderverein reaktiviert. „Er existiert schon seit 25 Jahren und wurde in den 1990er-Jahren durch Euphorie getragen. Aber das ist zurückgegangen“, sagt Gollhardt. „Der Wirtschaft in Deutschland geht es so gut wie nie. Dann kann der ein oder andere Euro auch in den Nachwuchsleistungssport investiert werden“, findet er. Er hofft auf neue Sponsoren und vor allem auf die Zusammenarbeit mit regionalen Unternehmen. Im Ge-genzug könnte Werbung auf der Kleidung der Sportler stehen oder ein Firmenevent organisiert werden – mit Biathlonschießen oder einem Wettkampf.

Auch die Eltern der Sportler werden aktiv. „Obwohl es nicht unsere Aufgabe oder die der Trainer ist, versuchen wir jetzt, Sponsoren zu gewinnen“, sagt Menz. Zum Weltcup 2018 wolle der Biathlonförderverein zudem eine Hütte im Hüttendorf betreiben und die Gewinne an den Nachwuchs weiterleiten. „Aber das ist ein Tropfen auf dem heißen Stein“, so Menz.

Deswegen sieht er auch den Thüringer Skiverband und die Politik in der Pflicht. Menz fordert einen professionelleren Umgang mit den Sponsoren und einen Beauftragten für die Sponsorengewinnung. „Den einen oder anderen hat man verprellt. Sponsorenpflege ist ein Geschäft, das man verstehen muss“, sagt auch Hartmut Gollhardt.