Thüringer Sportler Privat: Erik Lesser aus Oberhof

Oberhof. Die Begrüßung fällt herzlich aus - und feucht. "Das ist Jess", sagt Erik Lesser und beordert die schnuppernde Dalmatiner-Hündin mit kurzem Kommando zurück auf ihr Kissen.

Spaziergang zu dritt: Erik Lesser mit Freundin Nadine und Dalmatiner-Hund Jess auf den verschneiten Wegen am Rande von Oberhof. Foto: Sascha Fromm

Spaziergang zu dritt: Erik Lesser mit Freundin Nadine und Dalmatiner-Hund Jess auf den verschneiten Wegen am Rande von Oberhof. Foto: Sascha Fromm

Foto: zgt

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Wenig später liegt sie ausgestreckt unterm Tisch zu seinen Füßen. Sie will mittendrin sein, nicht nur dabei. Und das ist sie. Seit rund 15 Monaten sorgt "Jess" für Leben in der Bude. "Sie bestimmt zu großen Teilen unseren Alltag", sagt Lessers Freundin Nadine. Weil der Biathlet häufig unterwegs ist, vor allem ihren. Obwohl die US-Komödie "101 Dalmatiner" damals gerade im Fernsehen lief, sei es eher eine rationale Entscheidung gewesen. "Wir haben gezielt nach einer Hunderasse gesucht, deren Eigenschaften zu uns passen", sagt Erik Lesser.

Mit Erfolg. Beim Schießen würde man von einer glatten 10 sprechen. "Jess" beweist Ausdauer, wenn die Beiden in die Langlauf-Ski steigen und eine Runde im Thüringer Wald drehen oder wenn sie zu einer Mountainbike-Tour aufbrechen. Sie kann aber auch den ganzen Tag im Standby-Modus verbringen und die Duelle an der Spielkonsole verfolgen. "Ja, ein bisschen zocksüchtig ist er schon", sagt Nadine und lacht in Eriks Richtung. Der versucht erst gar nicht abzuschwächen: "So schwer ist es nicht, mal ein freies Wochenende bei schlechtem Oberhofer Wetter an der Xbox zu verbringen." Zuletzt hat er sich an American Football herangetraut. Doch meistens rollt der Fußball.

Die Hausschuhe verraten, für wen sein Herz schlägt. Sie leuchten veilchenblau und tragen das Emblem von Erzgebirge Aue. Im Wohnzimmer steht ein handgeschnitzter Schwibbogen des Zweitligisten. Und die mit den Armen nachempfundene Geste der "gekreuzten Hämmer" sind längst zu Lessers Markenzeichen bei besonderen Zieleinläufen geworden.

Heimwerker und Politiker

Die Leidenschaft für Aue hat sicher mit seiner Freundin zu tun, die aus dem Erzgebirge stammt. Vor allem steht der 26-Jährige aber auch auf Teams, "die kämpfen bis zum Umfallen". Mit denen würde er sich identifizieren. Er gehört zu den Athleten im Biathlon-Feld, die sich vollends verausgaben können. Nadine nickt: "Ja, er ist sehr ehrgeizig, sehr zielstrebig. Das zeichnet ihn aus."

Vermutlich liegt es daran, dass sich der gebürtige Suhler alles hart erarbeiten musste. Durch Großvater Axel Lesser, der von 1968 bis 1976 an drei Olympischen Spielen teilnahm und 1970 WM-Silber mit der Staffel gewann, wurde ihm das Skilanglauf-Gen zwar in die Wiege gelegt. Doch das Ausnahmetalent war er nie. Erst vor drei Jahren gelang ihm der internationale Durchbruch, seitdem ist er aus dem deutschen Nationalteam jedoch nicht mehr wegzudenken.

Lesser überzeugte nicht nur mit Leistung. Er trug monatelang einen Wikinger-Bart und hebt sich mit manchem flotten Spruch angenehm ab von der Masse. Der Humor kommt auch zu Hause nicht zu kurz. Es wird viel gelacht in der schmucken Oberhofer Wohnung: sei es beim gemeinsamen Kochen ("Gerne vegetarisches Curry oder Nudelvariationen"), beim Herumtollen mit "Jess" oder an jenen Tagen, an denen der Sportler selbst Hand anlegt.

Das macht er ganz gern und - wie der neu verlegte Balkonboden oder die frisch gestrichenen Wände beweisen - auch erfolgreich. Doch an die Badrenovierung wagt sich Lesser nicht. "Das überlasse ich lieber denen, die es können. Denn abgesehen vom Sport - so richtig kann ich eigentlich nichts", gibt er unumwunden zu.

Wenn es ihm an etwas nicht mangelt, ist es diese schonungslose Selbstkritik. Es kommt nicht häufig vor, dass der Thüringer völlig zufrieden mit sich ist. Ausgenommen: das Silberrennen von Sotschi, in dem alles gepasst und mit dem er sich endgültig in der Biathlon-Weltspitze etabliert hat. Die beiden Olympiamedaillen sind die Schmuckstücke in seiner Vitrine, in der er viele Errungenschaften der bisherigen Karriere aufbewahrt.

Die Erfolge haben Lesser offenbar nicht verändert. Er meidet noch immer größere Menschen-Ansammlungen, liest gern Krimis, zieht eine gemütliche Bar jeder Disco vor und hört am liebsten Alternative-Rock der US-Band "State Radio". Um sie einmal live zu sehen, nahm er sogar Tausende Fans um sich herum in Kauf. Doch die Fahrt nach Frankfurt war umsonst, das Konzert fiel aus. Er erzählt dies mit einem Lächeln und nicht selten mit einer Portion Selbstironie. Aber Lesser stimmt auch nachdenkliche Töne an. Gern würde er einmal eine Woche Politiker sein, um zu erleben, wie das abläuft. Ihn interessiert das Weltgeschehen, aufmerksam verfolgt er die Ukraine-Krise und würde gern wissen, was dahinter steckt.

Und er scheut sich auch nicht, heikle Themen anzusprechen. So fordert er lebenslange Sperren für Dopingsünder. Oder er spricht offen über mangelnden Respekt von einigen Fans, die sich nicht nur im Ton vergreifen: "Wer mag es schon, wenn an ei-nem herumgezerrt wird?"

Als er das erzählt, blickt "Jess" auf und stupst ihn an. Zeit fürs Gassi gehen in den nahen Wald. Noch tun sie dies zu dritt. Nachwuchs ist aber durchaus angedacht. "Innerhalb der nächsten zehn Jahre bestimmt", meint Erik. "Sagen wir eher fünf", verbessert Nadine. Und beide lachen herzhaft.

Erik Lesser. . .

  • wurde am 17. Mai 1988 in Suhl geboren
  • startet für den SV Eintracht Frankenhain
  • begann als Sechsjähriger mit Skilanglauf und wechselte mit elf zum Biathlon
  • feierte seine Weltcup-Premiere im März 2010
  • gewann bei den Spielen in Sotschi jeweils Silber im Einzel und mit der Staffel
  • hat einen sportlichen Opa: Axel Lesser startete bei Olympia im Langlauf
  • ist privat liiert mit Nadine Neuber, Tochter von Ex-Langläufer Janko Neuber
Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren