Halbzeit: Im Banne des Schweinsleders

Dirk Pille über Thüringer Begeisterung für American Football und eine geografische Schulstunde für Trump.

Dirk Pille

Dirk Pille

Foto: Marco Kneise / TA

Ich bin nicht wachgeblieben. Obwohl es nach Erfurt-Indoor und Inspektor Barnaby nach Mitternacht durchaus noch eine Steigerung der Spannung gegeben hätte. Am Morgen galt aber mein erster Blick auf dem Smartphone dem Super Bowl mit dem spektakulären Sieg der Kansas City Chiefs über die San Francisco 49ers.

Auch Steffen Willing, der Trainer der Erfurt Indigos, hatte in dieser Nacht nicht komplett durchgehalten. „Wir sind am Wochenende umgezogen, da war ich dann doch ganz schön platt“, sagte der American-Football-Experte. Wie der Schreiber dieser Zeilen hatte Willing auf die 49ers getippt. „Weil Kansas immer mal den Anfang verschläft und San Francisco eine so starke Defense besitzt“, meinte Willing. Wir hätten da mal auf die wahren Spezialisten hören sollen. Jenas Basketball-Neuzugänge aus den USA, Kamau Stokes und Kavin Gilder-Tilbury, waren sich bei ihrer Vorstellung an der Saale am vergangenen Donnerstag sicher, dass die Kansas City Chiefs das Rennen machen werden.

Apropos Kansas. Für die Peinlichkeit des Tages hatte nach dem Spiel US-Präsident Trump gesorgt. Er lobte in seinem Twitter-Tweet, der er ja immer schnell selbst in sein Telefon hackt, den Bundesstaat Kansas für den großen Triumph nach 50 Jahren Wartezeit. Doch die Chiefs sind leider ein Team aus Missouri. Die Schwesterstädte mit Namen Kansas City liegen nämlich auf der linken und rechten Seite des großen Flusses. Das wäre so, als wenn Angela Merkel dem Bundesland Hessen zum Sieg von Mainz gratulieren würde. Football-Experte Stokes spielte in der College-Liga übrigens für die Kansas State Wildcats. Die Universität liegt in Manhattan – aber nicht New York – sondern Kansas. Hier noch ein paar geografische Tipps für den dümmsten US-Präsidenten aller Zeiten: Die Hauptstadt von Kansas ist Topeka, die von Missouri heißt Jefferson City. Und Mauretanien ist kein Grenzbezirk der ehemaligen DDR.

Steffen Willings Indigos feierten den Super Bowl in der ausverkauften „Ilvers Musikbar“ in Erfurts Magdeburger Allee. Da herrschte Begeisterung wie in zahllosen Kneipen in dieser Nacht in Deutschland. Spareribs, Bier und Popcorn – alles amerikanisch. In manchen Bars werden inzwischen sogar richtige Snack-Stadien errichtet, wo man das Spiel schauen, anfeuern und essen kann. Seit das Privatfernsehen das Spektakel ähnlich wie beim Darts oder Rugby aufbereitet, geraten immer mehr Sportfreunde hierzulande in den Bann des Schweinsleders.

Der Football heißt nämlich auch Pigskin – also Schweinsleder – obwohl er heute manchmal auch aus Kunststoff ist. Im Vergleich zum Rugby-Ei (für die ganz Schlauen: Rotationsellipsoid) hat der Football spitze Enden und ist schwerer. Sonst lassen wir das mit den Regeln mal. Nur so viel: Beim Football darf nach vorn, beim Rugby nur nach hinten geworfen werden.

In Thüringen begeistern sich über 200 aktive Spieler für den US-Sport. Vier Teams gibt es mit den Jena Hanfrieds, die seit 27 Jahren spielen. Dazu die Erfurt Indigos – Kontrahent in der Regionalliga. Sowie die Saalfeld Titans und die Suhl Gunslingers.

„Nach Höhepunkten wie dem Super Bowl verzeichnen wir durchaus mehr Anmeldungen zum Probetraining“, so Willing, der sich bei den Indigos über eine Nachwuchsabteilung von rund vierzig Jungen und Mädchen freuen darf. Damit auch die kleinen Hanfrieds aus Jena, die derzeit keine Mannschaft voll bekommen, spielen können, hat man eine Jugend-Spielgemeinschaft gebildet.

Das Interesse für den Football steigt ständig. Sogar Thüringens Weltcup-Rodler sind dabei. Moritz Bollmann ist Fan der Atlanta Falcons, stellt sich immer den Wecker bei Live-Übetragungen und würde gern selbst mal spielen.

Ich war übrigens auch mal live beim Football. 1994. Nicht in Übersee, sondern im Frankfurter Waldstadion vor 40.000 Galaxy-Fans. Da wurden ein Auto verlost, Musik gespielt und viele Burger gegessen. Nur das Endergebnis hatte ich bei der Mega-Show schon auf dem Heimweg wieder vergessen. Also mit dem Wachbleiben für den American Football, das dauert bei mir wohl noch ein bisschen.