DFB-Vize Rainer Milkoreit warnt vor Bau-Stau in Thüringen

Rainer Milkoreit über Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach und Politik-Scharmützel ums Erfurter Stadion. Mit dem Apoldaer Präsidiumsmitglied sprach Michael Voß auch über Thüringer EM-Aussichten.

Rainer Milkoreit stimmte auf dem Bundestag für Wolfgang Niersbach als DFB-Präsident. Der 66-Jährige ist im Präsidium für den Bereich Qualifizierung verantwortlich. Foto: dapd

Rainer Milkoreit stimmte auf dem Bundestag für Wolfgang Niersbach als DFB-Präsident. Der 66-Jährige ist im Präsidium für den Bereich Qualifizierung verantwortlich. Foto: dapd

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Haben Sie Theo Zwanziger ein Abschiedsgeschenk überreicht? Immerhin wirkte der zurückgetretene DFB-Präsident einst als Jurist in Thüringen und war in seinem Amt häufig zu Gast.

Nein, es gab kein Geschenk. Jedoch viele gute Gespräche, in denen ich ihm gedankt und gesagt habe, wie sehr ich den Rücktritt bedauere. Ich hätte mir gut vorstellen können, dass er bis 2016 im Amt bleibt und war bei seiner ersten Ankündigung geschockt. Er war ein sehr guter Präsident, hat viele Dinge bewegt und angeregt.

Welche Qualitäten hat Nachfolger Wolfgang Niersbach?

Er kennt den Verband und das Umfeld seit Langem - war der Einzige, der infrage kam. Eine bessere Lösung kann man in dieser Situation nicht finden.

Was wird er anders machen?

Freitag folgt die erste Präsidiumssitzung. Ich glaube, dass er etwas andere Vorstellungen haben wird, was die Aufteilung der Arbeit von Haupt- und Ehrenamt anbelangt. Der Verband wird ja immer komplexer. Das sind Dimensionen im Prinzip fast wie bei einem Bundesliga-Klub oder Großunternehmen aus der Wirtschaft.

Ist irgendwann ein hauptamtlicher Präsident denkbar?

Das meine ich damit nicht. Aber ausschließen würde ich es für die Zukunft nicht.

Wohl auch um den Amateurbereich hinter sich zu scharen, forderte Niersbach sofort von der Politik, den Sportstättenbau nicht zu vernachlässigen. Wie ernst ist die Lage - insbesondere in Thüringen?

Es ist ein wunder Punkt. Wir sind in Thüringen von der Substanz her noch relativ gut aufgestellt - aber die Fördermittel vom Staat werden seit Jahren immer weniger. Es droht gegenwärtig ein Investitionsstau, der nicht wieder aufzuholen ist. Der betrifft vor allem viele kleine Vereine. Schmalkalden zum Beispiel bräuchte 1,5 Millionen Euro, die aber nicht bewilligt werden. Das bedeutet dort drei bis vier Jahre Stillstand.

Wie beurteilen Sie vor dem Hintergrund die politischen Scharmützel um das neue Erfurter Stadion?

Ich hatte gemeinsam mit Theo Zwanziger beim Frankreich-Länderspiel in Bremen von dem positiven Stadtratsbeschluss erfahren. Wir waren erleichtert, dass es nach den Querelen vorwärtsgeht. Ein Stopp wäre eine Katastrophe gewesen, die mindestens halb Thüringen 20, 30 Jahre in Rückstand gebracht hätte. Auf absehbare Zeit würde kein größeres, internationales Spiel in Erfurt stattfinden. Doch es geht nicht nur um Fußball, sondern auch viele Infrastruktur- und Standort-Vorteile.

Niersbach beklagt, dass seit Jahren ein Mitgliederschwund im Fußball stattfindet, der nur durch "Vereinsfans" der 1. und 2. Bundesliga abgefedert wird. Gilt das auch für Thüringen?

Nein, der Fußball hat sich hier seit drei Jahren bei rund 97.000 Mitgliedern eingepegelt und ist nach wie vor größter Landesverband im Sport. Fast ausschließlich, bis auf Rot-Weiß und Carl Zeiss, ist dies Amateurfußball, der ein wichtiges Bindeglied in der Gesellschaft ist. Dennoch müssen wir besser rankommen an die Jugendlichen. Mini-Spielfelder und die Kontakte zu den Schulen sind gute Anknüpfungspunkte. Es gilt, einen Gau zu verhindern.

Wird sich an Ihrem Aufgabenbereich "Qualifizierung" unter Niersbach viel ändern?

Der hat in den letzten Jahre an Bedeutung gewonnen. Wir haben vom Trainer bis zum Kassenwart an der Basis, die täglich Fußball lebt, mit Aus- und Fortbildung viel erreicht, die Qualität verbessert. Das Ehrenamt zu stärken, ist ein Prozess, der aber noch lange nicht zu Ende ist.

Ärgert es Sie aber, dass bei der EM 2012 wie schon bei der WM zuvor wieder kein Thüringer Fußballer spielen wird?

Die Zeiten von 2002, als mit Linke, Schneider und Böhme gleich drei aufliefen, sind leider vorbei. In Skepsis würde ich dennoch nicht verfallen. Ohne Bundesliga-Klub vor Ort haben wir keine Chance, große Talente in Thüringen zu halten. Ich traue dem Geraer U-17-Europameister Florian Trinks, der für Bremen spielt, eine tolle Entwicklung zu. Wir haben gute Nachwuchs-Konzepte. Es werden sich in den nächsten Jahren wieder zwei, drei Spieler für höhere Aufgaben anbieten.

Niersbach will mit dem DFB die U-19-EM 2014 nach Deutschland holen und vielleicht die Männer-EM 2020. Kann Thüringen davon profitieren?

Da wir 2009 bei der U-17-EM im Boot waren, werden 2014 wohl andere berücksichtigt. Aber mit modernen Stadien ließe sich künftig einiges mehr bewirken.

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