Warum der Thüringer Fußball nicht mal mehr drittklassig ist

Erfurt.  Im 30. Jahr seines Bestehens erlebt der Thüringer Fußball einen Tiefpunkt. Die Top-Teams stellen ihm ein Zeugnis der Misswirtschaft aus. Eine Ursachenforschung.

Auch der FC Carl Zeiss Jena muss den Weg in die 4. Liga gehen.

Auch der FC Carl Zeiss Jena muss den Weg in die 4. Liga gehen.

Foto: Karina Hessland / imago images

Zunehmender Gegenwind der Vereine, ein raues Klima, kein Einlenken vom Verband, keine Reaktion auf kritische Stimmen: Im 30. Jahr seines Bestehens beharrt der Thüringer Fußballverband (TFV) auf seinem einsamen Weg zu einer Saison-Fortführung im Herbst und manövriert sich weiter in die Krise. Als stecke der hiesige Fußball nicht schon tief genug darin.

Der FC Carl Zeiss Jena – abgestürzt in die Regionalliga. Wacker Nordhausen – pleite, kaputt geprasst. FC Rot-Weiß Erfurt – herabgewirtschaftet, zermahlen im Spiel um Geld und Geltungsbedürfnis, Zukunft wie bei Wacker ungewiss. Mit Ausnahme des solide arbeitenden Regionalligisten ZFC Meuselwitz stellt die Spitze im Vereinsfußball der kickenden Gesellschaft im Land eine Bankrotterklärung aus.

Es ist ein Zeugnis der Mangel- und Misswirtschaft, schädlich für die Außenwirkung. Sie könnte der zusätzliche Treibstoff sein, um die Abwärtsspirale des Thüringer Fußballs noch anzukurbeln.

Die Corona-Krise wirkt nach

Die Vereine kehren dank der Lockerungen auf die Trainingsplätze zurück. Die Corona-Krise wirkt nach und lässt Peter Ott für den Anfang weniger Gutes vermuten. „Wir müssen hoffen, dass der Substanzverlust nicht allzu groß ist“, sagt der Vorsitzende des Jugendausschusses. Durch das Vierteljahr Pause werden die Vereine junge Spieler verlieren, denkt er. Vielleicht auch Übungsleiter. Wie viele, ist die Frage. Und: Wie viele kann sich der hiesige Fußball leisten?

Der für diese Woche angesetzte Länderpokal der U-15-Junioren ist abgesagt. Die Thüringer sind vielleicht nicht allzu böse darum. Wie kein anderes Sichtungsturnier des Deutschen Fußball-Bundes drückt der Ländervergleich in Duisburg-Wedau das Dilemma des Thüringer Fußballs aus. Mögen die älteren Jahrgänge besser gegen die anderen Regionalverbände abschneiden, so sieht es für die C-Junioren stets mau aus. Ein zwölfter Rang (2012) ist die beste Platzierung der vergangenen zehn Jahre. Vier Mal bildete Thüringen das Schlusslicht – Platz 22.

Den Ausbildungsstand daran zu koppeln wäre zu einfach. Das Abschneiden aber indiziert, dass die Auswahl zu gering ist, um eine stärkere Auslese zu erhalten. Gerade in diesen Jahrgängen, noch ohne Verstärkung von anderswo, wirkt Thüringen klein.

Der Fußball verliert Talente

Die Mitgliederzahlen unterstreichen das. Sie sind rückläufig. Etwa 400 Fußballer im Alter von 15 bis 18 Jahren hat der TFV von 2019 auf 2020 eingebüßt, um die 200 sind es bei den Junioren bis 14 Jahre. Für den Moment verschmerzbar, im Zeitfenster von 20 Jahren aber alarmierend.

Auch die Statistik des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) weist für Thüringen einen drastischen Einbruch aus. Von gut 15.600 B- und A-Junioren im Jahr 2000 ist die Zahl auf etwa die Hälfte gesunken. Noch knapp 22.000 von einst 27.000 Kindern spielen in den unteren Altersstufen. Immerhin: Es sind mehr als vor zehn Jahren, als der Geburtenknick Mitte der Neunziger voll durchschlug.

Der Jugend fehlt es an Bewegungsdrang, beklagen alle Sportarten. Aber fehlt es mitunter nicht auch an Ideen, Begeisterung zu wecken? Schöpft der Fußball alle Möglichkeiten aus, die Jugend für sich gewinnen? Bedarf es anderer Wege? Eine stärkere Bindung an Schulen, mehr Freizeitangebote im Hort etwa, Stipendien im Fußball? Wie kann er dem Dorfsterben begegnen? Und überhaupt: Ist die immer umfangreicher werdende Vereinsarbeit vom Ehrenamt allein überhaupt noch zu stemmen?

„Keine Struktur-Reform schafft besseren Fußball, sondern allein eine bessere Ausbildung“, sagte einst der langjährige Spielausschuss-Vorsitzende des TFV, Gerald Rössel. Professionelle Strukturen dafür sind in Thüringen trotz der Basis mit zwei Sportgymnasien offenbar nicht ausgeprägt genug, um einen Fundus an Talenten zu entwickeln. Ungeachtet der Perspektive Viertklassigkeit steht die Frage: Wer will von einem Karriereweg träumen, wenn der Schatten der Insolvenz über den Stadien liegt?

Rot-Weiß Erfurt und Wacker Nordhausen vor Scherbenhaufen

Die Hochburgen fallen ein. Mit dem nach 2012 neuerlichen Abstieg von der dritten Liga in die Regionalliga muss der FC Carl Zeiss Jena einräumen, in seiner Teamzusammenstellung verkehrt gelegen zu haben. Vor der Führung liegt ein Neuaufbau. Bei Rot-Weiß Erfurt und Wacker Nordhausen stehen die Fans gar vor Scherbenhaufen.

Sieben Jahre nach dem steilen Aufstieg in der Regionalliga ist der Fußball zu Füßen des Harzes tief gefallen. Betrugsvorwürfe stehen im Raum. Millionen Euro sind fort. Die Bankrott-Unternehmung Wacker leistete sich laut Angaben des Transfermarktes pro Jahr ein Team, das im Schnitt eine Million Euro mehr Gesamtwert besaß als das von Konkurrent Meuselwitz. Wirtschaften ohne Substanz.

Beim einstigen Drittliga-Dino FC Rot-Weiß Erfurt floss ebenfalls viel Geld die Gera hinab. Von der Insolvenz in die Insolvenz in den Ruin: Die Rettung des Fußballs am Steiger samt seiner Nachwuchsabteilung hängt am seidenen Faden. Nicht auszuschließen, dass der 2017 gefeierte Stadionbau in seinem unfertigen Zustand zum Millionengrab für den Verein wird.

Der miserable Ruf schreckt ab. Umso schwerer für den Erfurter Nachwuchs, selbst einen Spielbetrieb in der A-Junioren-Regionalliga aufrecht zu erhalten. Ein Mitspielen in der Bundesliga wie in besseren Tagen – weit weg. Dabei bräuchte es mehr Mittel für den Nachwuchs, um idealerweise die Gefahren durch teure Verpflichtungen für die erste Mannschaft klein zu halten. Und es bedarf wohl mehr Einsatzes, um eine Leistungspyramide zu formen, selbst durch den Verband.

Umlenken erst nach öffentlichem Druck

Der letzte kreative Vorschlag des TFV-Spielausschusses wirkt in dem Zusammenhang wie ein Klotz. Um nicht an seiner Beschlusskraft zu rütteln, sollte der Nachwuchs dem Beispiel der Männer folgen und dessen Saison bis August ausgesetzt und danach fortgesetzt werden – trotz augenscheinlicher Probleme. Auf Druck einer Online-Petition und des bayrischen Entschlusses, die Saison für die Junioren abzubrechen, entschied sich der TFV um.

Was den Männerbereich betrifft, bleibt er hart. Er stützt sich auf ein Votum der Vereine, die mit 58 Prozent für eine Saison-Fortführung gestimmt haben. Eine Alternative zum Ja oder Nein gab es nicht. Einen Außerordentlichen Verbandstag lehnt er ab. Das Totschlag-Argument: Keiner weiß, ob im Herbst ein geregelter Spielbetrieb möglich ist.

Die Zustimmung bröckelt mit dem veränderten Infektionsgeschehen. „Es ist kein Gesichtsverlust, wenn man auf neue Entwicklungen reagiert“, meint Matthias Springer. Der Präsident von Eintracht Sondershausen sieht sich als Sprachrohr für die Mehrheit der Verbandsliga-Vereine. Die will einen Abbruch, um im Herbst eine neue Saison zu beginnen. So handhaben es 18 von 21 Regionalverbänden, als 19. Verband tendiert auch das Saarland dazu. Nur Bayern nicht und in dessen Gefolgschaft Thüringen.

Der Sondershäuser Vereinschef weiß das Gros der Landesklässler hinter sich. Nach einer neuen Befragung seien es noch mehr Vereine, die einen Abbruch wünschen. Nicht zuletzt aufgrund des Glaubens an eine Rückkehr in den Liga-Alltag hat Springer ein Schreiben an den TFV geschickt. Bis Donnerstag gab es keine Reaktion. Im aufgeheizten Klima bleibt der TFV kühl.

Der Marbacher Kreisoberliga-Spieler Lars Sänger, der mit einer Online-Petition mehr als 2000 Unterschriften gesammelt hat, fühlt sich ebenso links liegen gelassen. Er könne die Sammlung an Unterstützern beim TFV-Geschäftsführer abgeben, habe ihm der TFV-Präsident angeboten. Dabei hat TFV-Chef Wolfhardt Tomaschewski bei der gleichen Frage im Jugendbereich seinerzeit signalisiert, offen für Lösungen zu sein, wenn sie sich als besser erweisen. Für den Männerbereich scheinen Gegenvorschläge nicht willkommen. Springer mahnt an, mehrfach angeboten zu haben, ins Gespräch zu finden. Auf eine Antwort wartet er immer noch.

Debatte um Außerordentlichen Verbandstag

In den barschen Ton, der dem Thüringer Verband nun entgegen rauscht, mischen sich sachbezogene Töne aus Weimar. Der SC 1903 argumentiert beharrlich für einen Verbandstag. Nach abgewiesener Beschwerde will er weiterkämpfen, um der Mitgliederversammlung die Plattform zu verschaffen, auf der die so weitreichende Entscheidung getroffen werden kann. Der Verein behält sich den Gang zum Verbandsgericht vor – will aber noch das schriftliche Urteil abwarten. Möglicherweise stellt der TFV selbst die Weichen auf einem Außerordentlichen Verbandstag. Das Thema soll wohl bei der heutigen Präsidiumssitzung erneut besprochen werden.

Warum sich der TFV an den Bayrischen Verband mit seinem Lösungsansatz klettet, bleibt undurchsichtig. Meilenweit weg erscheinen die Süddeutschen von Thüringer Befindlichkeiten. Sogar eine eigene Regionalliga verorten die Bayern um den für die Amateure zuständigen DFB-Vize Rainer Koch bei sich.

Thüringen dagegen nimmt nur einen kleinen Teil der Regionalliga des Nordostdeutschen Verbandes ein. Was schwerer wiegt: Zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung ist der hiesige Fußball nicht mal mehr drittklassig. Höchste Zeit – für mehr Geld, gute Ideen und einen Perspektivwechsel.