Berlin. Eigener Strom vom Dach ist gefragt, doch immer mehr Verbraucher melden unsachgemäße Installationen – und Firmen, die nicht reagieren.

Der sogenannten Wechselrichter gilt als Herzstück einer Solaranlage. Die Technik wandelt nicht nur den mithilfe der Sonne produzierten Gleichstrom in den im Netz üblichen Wechselstrom um, sondern steuert und überwacht auch die gesamte Anlage. Nicht gut ist, wenn das Teil nicht ordnungsgemäß installiert wird – und der zuständige Fachbetrieb abtaucht. Passiert ist das einer Hausbesitzerin, die ihre Erfahrungen den Verbraucherzentralen schildert.

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„Nach Montage der Module fehlt noch die Inbetriebnahme des Wechselrichters und des Speichers. Meine Ansprechpartner sind nicht mehr verfügbar. Die Firmenhotline nimmt zwar mein Anliegen auf, es erfolgt aber keine Rückmeldung mehr. Direkte Telefonnummern werden mir verweigert. Auch die Internetseite ist nicht mehr erreichbar.“ Beschwerden wie diese haben sich nach Angaben des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) in den vergangenen Monaten gehäuft. Nicht nur Fehler bei der Montage der Anlage werden demnach verstärkt gemeldet, sondern auch mangelnder Kundenservice.

Solaranlagen: Beschwerden bei Vebraucherschützern nehmen deutlich zu

„Im Jahr 2023 wurden in den Verbraucherzentralen mehr als 1.700 Beschwerden über Photovoltaikanlagen erfasst, wobei über das Jahr 2023 eine Zunahme der monatlichen Beschwerdezahlen zu verzeichnen ist“, teilte der vzbv auf Anfrage dieser Redaktion mit. Im Vergleich zu 2022 hätte sich damit die Zahl der Beschwerden mehr als verdreifacht.

Angaben der Verbraucherzentrale zufolge sind die häufigsten Gründe für die Beschwerden Lieferungs-/Leistungsstörungen (44 Prozent) und Probleme mit der Gewährleistung (14 Prozent). Laut den Verbraucherschützern haben somit nicht nur die Schadenfälle zugenommen, sondern sich für Kundinnen und Kunden insgesamt von der Vertragsabwicklung über die Installation bis hin zur Nutzung von PV-Anlagen gehäuft Probleme ergeben.

Solarverband verrät Gründe für den Boom

In Deutschland ist im vergangenen Jahr so viel Solartechnik auf privaten Eigenheimen installiert worden wie nie zuvor: 2023 sind rund 736.000 PV-Anlagen auf deutschen Hausdächern angebrachten worden. Lediglich 315.000 Solarstromanlagen waren es laut Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) ein Jahr zuvor. „Es hat sich in Deutschlands Eigenheimsiedlungen herumgesprochen, wie hoch die mögliche Sonnenstromernte auf einem durchschnittlichen Eigenheimdach mit Süd- oder Ost-/Westausrichtung ist“, sagte BSW-Hauptgeschäftsführer Carsten Körnig unserer Redaktion.

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Der wichtigste Motivationsgrund für private Immobilienbesitzer, sich verstärkt mit Solarstrom vom eigenen Dach zu versorgen, sei der Wunsch nach mehr Unabhängigkeit vom Energieversorger und der Schutz vor steigenden Strompreisen, so Körnig weiter. Die Energie vom eigenen Dach koste dem BSW zufolge inzwischen nur noch ein Drittel des Strombezugs vom Energieversorger.

Die Schattenseiten des Solarbooms: Experte gibt Einblick

Dass der Boom Schattenseiten mit sich bringe, dementiert der Verband nicht. Problematisch ist vor allem, dass die hohe Nachfrage viele fachfremde Betriebe anlocke. „Die stark zunehmende Nachfrage nach Photovoltaik lässt natürlich auch neue Akteure auf den Markt drängen. Inwieweit diese ihre Mitarbeiter immer hinreichend qualifizieren, können wir nicht bewerten“, sagte der BSW-Chef.

Fachleute werden gegenüber dieser Redaktion konkreter: Neben fehlender Zeit und einem ständigen Kostendruck seien zum Teil auch Zuständigkeiten zwischen den ausführenden Betrieben nicht geklärt, berichtet ein Solarexperte. Die Dunkelziffer an Schäden und Versäumnissen sei wohl noch größer, als es offizielle Zahlen vermuten ließen. „Von Kundenseiten wird vieles gar nicht angezeigt, da Betriebe versprechen, noch nachzuarbeiten. Dann geht das Pingpong zwischen den Firmen los“, so der Fachmann.

Solarausbau: Was fachfremde Betriebe häufig links liegen lassen

Dachdecker sehen sich eigenen Angaben zufolge als Leidtragende. „Dachdeckerbetriebe werden zunehmend von betroffenen Bauherren kontaktiert, um Mängel zu beheben“, sagte der Vizepräsident des Dachdeckerverbands ZVDH, Michael Zimmermann. Die häufigsten Fehler geschehen laut ihm bereits vor der eigentlichen Installation der PV-Anlage – nämlich dann, wenn Eignung und Zustand des Daches nicht sorgfältig geprüft werden.

Ist das Dach in einem ausreichend guten Zustand, um eine Solaranlage tragen zu können? Fachfremde Firmen würden dies häufig nicht ausreichend prüfen, warnt der Dachdeckerverband.
Ist das Dach in einem ausreichend guten Zustand, um eine Solaranlage tragen zu können? Fachfremde Firmen würden dies häufig nicht ausreichend prüfen, warnt der Dachdeckerverband. © picture alliance/dpa | Wolfram Steinberg

Als weitere kritische Punkte sieht der Fachmann etwaige Beschädigungen von Dacheindeckung, Dachabdichtung oder der Dachdämmung während des Einbaus. Das sei daraufhin nicht immer sofort erkennbar, könne aber langfristig zu schwerwiegenden Undichtigkeiten führen. „Diese Fehler können, insbesondere in Kombination mit mangelnder Berücksichtigung der Windlasten in verschiedenen Windzonen, die Stabilität und Sicherheit der Anlage gefährden. Die Zusatzlast durch die Photovoltaikanlage kann zudem die Statik des Daches beeinflussen“, so ZVDH-Vizepräsident Zimmermann weiter.

Netzbetreiber stellt „signifikanten Qualitätsverlust“ bei Solarausbau fest

Darüber hinaus fehlten bei fachfremden Betrieben mitunter Kenntnisse über die spezifischen Landesbauordnungen, die zum Beispiel auch Mindestabstände zu Nachbargebäuden einschließen würden. Und auch Arbeitsschutz- und Sicherheitsvorschriften würden missachtet, was nicht nur für die am Bau beteiligten Personen gefährlich ist, sondern auch rechtliche Folgen haben könne, auch für die Bauherren, so der Experte.

'Thüringen - Der Tag' - Post von Jan Hollitzer

TA-Chefredakteur Jan Hollitzer betrachtet Themen, die uns beschäftigt haben, es momentan tun und künftig werden in kommentierter Form.

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Bleiben Mängel unentdeckt, bemerken das spätestens Mitarbeiter der Netzbetreiber, die jede neue Anlage unter anderem mit einem Einspeisezähler ausstatten – und Versäumnisse leicht aufdecken. Der Netzbetreiber in der deutschen Hauptstadt, Stromnetz Berlin, berichtet von zahlreichen neuen Firmen im Markt, die nicht immer auf dem aktuellen Stand gesetzlich-normativer Forderungen seien. Bei dem boomenden Solarausbau auf Hausdächern stelle man daher „einen signifikanten Qualitätsverlust“ fest, so ein Sprecher. Zudem steigen Anfragen von Kunden, die vom Anlagenerrichter nicht ausreichend betreut und informiert würden. „Viele fühlen sich nach der Unterzeichnung des Vertrages zur Errichtung ihrer Solaranlage allein gelassen“, sagte er weiter.