"Wenn der Himmel abgeschafft ist, muss die Erde unter die Räuber fallen"

Erfurt. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner wurde gestern in den Ruhestand entlassen. Seine geistliche Laufbahn begann er im heutigen Thüringen.

Kardinal Joachim Meisner bei der ersten Herbstwallfahrt im September 1975 nach seinem Dienstantritt. Das Fot zeigt ihn mit Karol Wojtyla, dem späteren Papst Johannes Paul II. Foto: Bischöfliches Amt

Kardinal Joachim Meisner bei der ersten Herbstwallfahrt im September 1975 nach seinem Dienstantritt. Das Fot zeigt ihn mit Karol Wojtyla, dem späteren Papst Johannes Paul II. Foto: Bischöfliches Amt

Foto: zgt

"In einer Welt, in der der Himmel abgeschafft ist muss man sich vorkommen wie in einem Hühnerzwinger. Es gibt kein Entweichen. Wenn der Himmel abgeschafft ist, muss die Erde unter die Räuber fallen." Mit solchen Sätzen kommentierte der Kölner Kardinal Joachim Meisner einst in einem Interview mit unserer Zeitung den Atheismus in der DDR.

Im heutigen Thüringen hatte der gebürtige Schlesier einen Großteil seiner geistlichen Laufbahn verbracht, bevor er 1980 nach Berlin und von dort im Frühjahr 1989 nach Köln wechselte. Von 1956 bis 1962 studierte er Philosophie und Theologie in Erfurt, 1962 erhielt er dort die Priesterweihe. Danach war er Kaplan in der Gemeinde St. Aegidien in Heiligenstadt.

Gestern versetzte Papst Franziskus den Kölner Erzbischof und Kardinal auf dessen Wunsch in den Ruhestand. Der Damit ist der 80-Jährige nicht mehr Erzbischof von Köln, dem größten und reichsten deutschen Bistum. Den Ehrentitel Kardinal behält er aber.

Kölner Kardinal verglich Abtreibung mit Holocaust

Mit Meisner geht einer der umstrittensten Kirchenmänner in Rente. Er verglich Abtreibungen mit dem Holocaust und bezeichnete Kunst ohne religiösen Bezug als "entartet". Über den Paderborner Theologen und Kirchenkritiker Eugen Drewermann lästerte er einmal im TA-Interview: "Nicht schon wieder Drewermann. Es gibt keine Gewerkschaft, die einem Abweichler so viel Luft ließe wie die katholische Kirche."

Menschen, so Meisner damals weiter, stünden alle in der Gefahr, ihren eigenen Vogel für den heiligen Geist zu halten. Das Amt der Kirche sei dafür gestiftet, zu sagen, "das ist nicht der heilige Geist, sondern lediglich dein Vogel".

In Thüringen waren die Reaktionen auf den Abschied gestern freundlich-verhalten. Der Weihbischof und Diözesanadminis-trator des Bistums Erfurt, Reinhard Hauke sprach von einem "mitbrüderlichen Verhältnis".

Hauke kennt den Kardinal aus Kindheitstagen. "Meisner war von 1966 bis 2005 Rektor der Diözesan-Caritas. Wir sammelten Spenden für die Caritas, dabei begegneten wir ihm. Er hat sich das gemerkt und es später gelegentlich angesprochen", erinnerte sich Hauke gestern.

Kontakte gab es auch später noch viele, nach dem Meisner 1975 Weihbischof in Erfurt und Meiningen wurde sowie in jüngerer Zeit in diversen bischöflichen Gremien, in denen Hauke als Diözesanadministrator an Bischofs statt tätig ist.

Verbunden geblieben sei Meisner Thüringen auch durch regelmäßige Besuche in Körner bei Mühlhausen, wo er aufwuchs, sowie in Hundeshagen, dessen Gemeinde Meisner einst das Studium finanzierte. Das Dorf im Landkreis Eichsfeld widmet dem scheidenden Geistlichen jetzt sogar einen Kardinal-Meisner-Platz.

Die unerbittliche Strenge des Theologen Meisners erklärte sich Hauke gestern auch mit dessen Herkunft vom schlesischen Katholizismus. Typisch dafür sei ein unhinterfragtes, selbstverständliches Christentum. Meisner habe über vieles nicht mit sich reden lassen, sondern nach der Glaubens-Devise gehandelt: Es ist so, weil es im Evangelium steht - und deswegen ist es auch gut für die Menschen.

Zudem sei der scheidende Kardinal sicher von der Zeit in der DDR geprägt. "In dieser Diaspora-Situation, inmitten von Menschen, die keine Christen waren, bedeutete ihm das katholische Bekenntnis und gelebtes Christentum sehr viel."

Letztlich habe aber auch Meisner zur Kenntnis nehmen müssen, dass es stets neue Generationen von Geistlichen gibt, die dann auch anders ticken als die älteren, so Reinhard Hauke.

Auch Bruno Heller, aktueller Diözesan-Caritasdirektor und zugleich Domkapitular, stößt immer mal wieder auf Spuren und Hinterlassenschaften Meisners in Thüringen. "Er war seinerzeit als Caritas-Rektor unter anderem für die kirchliche Ausbildung von Erzieherinnen in St. Ursula zuständiger Partner der Bistumsleitung für die Dekanate. Das war "Graswurzelarbeit" in gutem Sinne", sagte Heller gestern unserer Zeitung.

In der Erinnerung von Heller hoffte der frühere Bischof Hugo Aufderdeck seinerzeit, dass ihm sein Weihbischof Meisner als Nachfolger im Erfurter Bistum folgen würde - was allerdings nicht eintrat, weil Meisner vorher nach Berlin wechselte.

Angesprochen auf Meisners theologische Hartleibigkeit hielt Heller dem Kölner gestern zugute, dass der sich als "Wahrer des Glaubens" im positiven Sinne verstand und dies immer mahnend in die Gesellschaft trug.

Meisner bittet in Brief um Vergebung für Ärgernisse

Joachim Meisner wandte sich gestern in einem Brief an die Gläubigen: "Ich wollte Ihnen immer und überall die Freude an Gott bezeugen. Ich danke Ihnen herzlich für alle Stärkung (...) und bitte alle sehr um Vergebung, wenn Ihnen mein Dienst nicht Stärkung, sondern vielleicht auch Ärgernis war."