25 Jahre Thüringen (7): Akteneinsicht in das Herrschaftswissen der Stasi

Sondershausen. Vera Lengsfeld war DDR-Bürgerrechtlerin und gehörte nach der Wende zu den Initiatoren des Stasiunterlagengesetzes zur Öffnung der Archive.

Vera Lengsfeld, DDR Bürgerrechtlerin und Politikerin, steht auf dem Marktplatz ihrer Heimatstadt Sondershausen. Am Fuße des Sondershäuser Schlossberges demonstrierten im Oktober 1989 Tausende Sondershäuser gegen die Herrschaft von SED und Stasi. Foto: Alexander Volkmann

Vera Lengsfeld, DDR Bürgerrechtlerin und Politikerin, steht auf dem Marktplatz ihrer Heimatstadt Sondershausen. Am Fuße des Sondershäuser Schlossberges demonstrierten im Oktober 1989 Tausende Sondershäuser gegen die Herrschaft von SED und Stasi. Foto: Alexander Volkmann

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Nach der Besetzung der Erfurter Stasizentrale sah Vera Lengsfeld, damals noch Wollenberger, die Chance, dass ein Zugang zu den Stasiakten möglich sein würde. Lengsfeld saß seinerzeit in der Verfassungskommission des Runden Tisches. Unter den Mitgliedern nahm die Debatte über den Umgang mit den Stasihinterlassenschaften schnell auch öffentlich Fahrt auf.

Die DDR-Bürgerrechlerin gehörte zu den Architekten des Stasiunterlagengesetzes. Schon im Herbst '89 hätten sich Gleichgesinnte darüber verständigt, dass sie die Öffnung der Archive wollten und wie man das macht. Unmittelbar nach der Konstituierung der ersten demokratisch gewählten Volkskammer begann die Fraktion "Bündnis 90/Grüne", zu der auch Lengsfeld gehörte, mit Abgeordneten anderer Parteien an den gesetzlichen Rahmenbedingungen zu feilen.

"Uns leitete der Gedanke, dass diese Akten den Verfolgten gehören", sagt Lengsfeld rückblickend. Die unter den Repressalien der Staatssicherheit leiden mussten, sollten Zugang zu ihrem Aktenmaterial erhalten.

Anfangs standen die ostdeutschen Bürgerrechtler mit ihrer Auffassung allerdings ziemlich allein da. "Osteuropäische Freunde wie Václav Havel in Tschechien, Lech Walesa in Polen oder die ungarischen Oppositionellen warnten uns damals davor, diese Büchse der Pandora zu öffnen", erinnert sich Lengsfeld. Vor allem von westdeutschen Partei-Aufpassern, die 1990 die Besucherränge der Volkskammer bevölkerten, sei heftiger Widerstand gekommen. "Die erklärten die Volkskammer zur parlamentarischen Laienspieltruppe und beschimpften uns Abgeordnete als Amateure, die keine Ahnung von der politischen Realität hätten."

Ungeachtet solcher Unkenrufe funktionierte der Dialog im ersten freigewählten ostdeutschen Parlament. Mit guten Argumenten konnte man quer durch die politischen Lager Mitstreiter gewinnen, sagt Lengsfeld. Mit großer Mehrheit habe die Volkskammer bereits im August 1990 ein erstes Gesetz zur Sicherung und Nutzung der personenbezogenen Daten des MfS/AfNS verabschiedet. Nur die SED-Nachfolgepartei PDS - die heutige Linke - stimmte geschlossen dagegen.

"Ohne diesen Schachzug der ostdeutschen Abgeordneten wäre das Gesetz im Bundestag niemals zustande gekommen", ist sich Vera Lengsfeld heute sicher. So aber wanderte die Vorlage als Auftrag aus der Volkskammer in den Einigungsvertrag.

Stasimitarbeiter sollten eine politische Auszeit nehmen

Ein Argument, das Vera Lengsfeld und ihren Mitstreitern damals vorgehalten wurde, bezog sich auf den möglichen Unfrieden, den die Akten stiften könnten. Sogar vom drohenden Bürgerkrieg war die Rede. "Wir waren der Gewaltlosigkeit verpflichtet und hielten das für unwahrscheinlich", erinnert sich die Bürgerrechtlerin. Ihr Argument für offene Archive lautete: "Wir haben eine friedliche Revolution hinbekommen, also schaffen wir auch eine friedliche Aktenöffnung."

Vor allem aber wollten die Bürgerbewegten verhindern, dass die Stasileute weiter alleinige Besitzer des Herrschaftswissen blieben und sich nach Gusto gegen Missliebige aus den Akten hätten bedienen können.

Von der Aktenöffnung versprachen sich die Bürgerrechtler nicht zuletzt eine läuternde Wirkung in die Gesellschaft. Wer sich in der DDR aktiv an Unterdrückung und Bespitzelung seiner Mitmenschen beteiligt hatte, sollte erst einmal weder politische Ämter noch Verwaltungsposten erhalten.

Rückblickend räumt Lengsfeld ein, dass man diesbezüglich nur bedingt erfolgreich war. So habe zum Beispiel die PDS die Abgeordnetenüberprüfung boykottiert und sowohl inoffizielle als auch hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter in ihren Fraktionen behalten. Auch in anderen Parteien wurden stasibelastete Abgeordnete entdeckt.

Nicht verhindern konnte man zudem die Anerkennung der Abschlüsse für Stasi-Akademiker. So konnten etwa die Absolventen der als rechtswissenschaftliche Ausbildungsstätte getarnten Stasihochschule Potsdam mit ihren Doktortiteln nach der Wende weiter als Juristen und Rechtsanwälte Karriere machen. Mit dem Ansinnen, die Stasi zur kriminellen Vereinigung zu erklären, war man bereits in der Volkskammer gescheitert.

Ungeachtet dessen bewertet Vera Lengsfeld die ab 1992 geöffneten Archive weiter als großen Erfolg der friedlichen Revolution in Ostdeutschland. Durch sie wisse man heute, wie der Machtapparat der DDR funktionierte und dachte. Zu den schrecklichsten Offenbarungen gehörte für sie die Entdeckung umfassender Maßnahme- und Zersetzungspläne gegen Andersdenkende, die im Falles des Thüringers Jürgen Fuchs auch Mordanschläge einschlossen.

Privat bescherte ihr die Akteneinsicht bittere familiäre Erkenntnisse, sprechen möchte sie nicht mehr darüber. Nachzulesen sind sie im Kapitel "Die Stasiakten" ihres Buches "Ich wollte frei sein. Die Mauer, die Stasi, die Revolution" (Herbig Verlag, 2011). Aus Protest gegen einen rot-rot-grünen Schmusekurs wechselte Lengsfeld 1996 von den Grünen zur CDU. Ihre Zeit im Bundestag endete 2005.

25 Jahre Thüringen: Ein Streit mit harten Bandagen

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