30 Jahre 1-Megabit-Chip: Was die DDR-Mikroelektronik wirklich konnte

Erfurt  Vor 30 Jahren präsentierten Jenaer Mikroelektroniker den 1-Megabit-Chip. Der Sozialismus wollte den Anschluss an die Weltspitze schaffen – und zahlte einen hohen Preis. Noch heute kursieren viele Geschichten und Legenden darüber.

Veröffentlichungen in Thüringer Zeitungen zu den Präsentationen des 1-Megabit-Chips aus Jena am 12. September 1988 und des 32-Bit-Prozessors aus Erfurt am 14. August 1989. Mit der Mikroelektronik wollte die DDR wieder den Anschluss an die Weltspitze schaffen – zur Massenproduktion der Chips kam es nicht.

Veröffentlichungen in Thüringer Zeitungen zu den Präsentationen des 1-Megabit-Chips aus Jena am 12. September 1988 und des 32-Bit-Prozessors aus Erfurt am 14. August 1989. Mit der Mikroelektronik wollte die DDR wieder den Anschluss an die Weltspitze schaffen – zur Massenproduktion der Chips kam es nicht.

Foto: Andreas Wetzel

Der ehemalige Mikroelektroniker winkt ab. Öffentlich möchte er sich nicht mehr zu den Chip-Entwicklungen in der DDR äußern. Diese würden durchgehend schlechtgeredet, und das nicht selten von Leuten, die gar nicht wüssten, wovon sie da eigentlich redeten, sagt der Thüringer.

Der Mann, inzwischen im Rentenalter, ist kein Einzelfall. Ähnliche Erfahrungen beschreibt auch Peter Salomon, der über die Geschichte der Halbleiterindustrie in der DDR ein Buch verfasst hat. Manchem müsse man da sogar erst einmal den Unterschied zwischen Byte und Bit erklären. Beide Zeitzeugen beschreiben ein Grundempfinden derer, die damals an den Entwicklungen beteiligt waren.

30 Jahre, nachdem Jenaer Mikroelektroniker des Carl-Zeiss-Unternehmens mit viel Propagandagetöse der SED-Führung in Berlin einen 1-Megabit-Chip (Fachbezeichnung U61000) übergaben, kursieren viele Geschichten und Legenden darüber, was damals angeblich wirklich geschah. Dabei schwanken die Darstellungen zwischen den Extremen „Alles nur geklaut“ und „Was waren wir gut“. Für Außenstehende bleibt so schwer erkennbar, was die DDR-Mikroelektronik wirklich konnte.

So viel ist sicher: Den im „Zentrum Mikroelektronik Dresden“ (ZMD) unter dem Dach des Carl-Zeiss-Kombinates entwickelten Prototyp des 1-Megabit-Speicherchips, den der Jenaer Kombinatschef Wolfgang Biermann am 12. September 1988 in Berlin persönlich an SED-Chef Erich Honecker übergab, ging ein immenser wirtschaftlicher, wissenschaftlicher. auch politisch durchaus heikler Kraftakt voraus. Es ging um nicht mehr und nicht weniger als um den Anschluss an die Weltspitze, den der Sozialismus erreichen wollte. Den Untergang der DDR konnte das Milliardenprojekt allerdings nicht mehr aufhalten.

Spätestens seit den 1970ern war selbst Hardlinern wie dem SED-Wirtschaftslenker Günter Mittag klar, dass man bei elektronischen Steuerelementen hinterherhinkte. Vor allem der Maschinenbau und die feinmechanisch-optische Industrie krankten an fehlender oder veralteter Chiptechnik. Intern wurde der Rückstand bei analogen Schaltkreisen auf vier bis acht Jahre, bei Mikroprozessoren auf sechs bis sieben Jahre und bei einigen Spezialausrüstungen auf bis zu neun Jahre eingeschätzt.

Richten sollte es die Mikroelektronik, die Weichen für den Anschluss an die internationale Entwicklung gedachte man mit einem „Mikroelektronikplenum“ im Juni 1977 zu stellen. Anfang 1986 folgte der SED-Beschluss zum Projekt „Mikron“, der konkret auf die Entwicklung eines 1-Megabit-Speichers innerhalb der nächsten drei Jahre abzielte.

Weil ein legaler Technologieimport allerdings am US-Embargo CoCom scheiterte, blieben nur Eigenentwicklungen unter Verzicht auf Lizenznahmen. Dass man sich damit angesichts der globalen Dimensionen bei der Entwicklung der Computerindustrie quasi von Anfang an übernahm, wagte damals niemand öffentlich zu sagen. Auch weil dann womöglich Licht auf die teilweise dunklen Wege gefallen wäre, die die Entwickler notgedrungen beschreiten mussten, um voranzukommen. So mussten Technik und Muster illegal beschafft werden, beteiligt waren neben der Stasi auch der für „besondere Fälle“ zuständige Bereich Kommerzielle Koordinierung (KoKo) des geheimen Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski.

Unterschiedlichen Schätzungen zufolge kostet das Mikroelektronikprogramm die DDR bis zu 20 Milliarden DDR-Mark sowie vier Milliarden Westmark. Die drei Mikroelektronik-Kombinate – Robotron Dresden, Carl Zeiss Jena und die Mikroelektronik Erfurt – gehören nach den dort Beschäftigten zu den fünf größten Kombinaten des Landes. Zu gewinnen war der Wettlauf nicht.

Davon aber wollen die politisch Verantwortlichen in der DDR 1988 nichts wissen. Nach der Übergabe des 1-Megabit-Speicher-Chips sprachen die Parteizeitungen von einer wissenschaftlichen Großtat. Honecker lobte den Chip als hervorragenden Beitrag für den Wettlauf mit der Zeit, nun könne man die Massenproduktion vorbereiten.

Bekanntlich wurde nichts daraus. Zwar konnten vom 1-Megabit-Speicher 1988 rund 5000 Muster gefertigt werden, dem 1989 weitere 30 000 folgten. Die geplante Serienherstellung in Erfurt kam jedoch nicht zustande. Um die dafür nötigen Technologien an den Embargo-Kontrolleuren vorbei zu besorgen, war nicht einmal der Arm Schalck-Golodkowskis lang genug. Angeblich wäre U61000 pro Stück 100-mal teurer gewesen als westliche Pendants. Ohnehin waren international bereits 4-Megabit-Chips in der Entwicklung, in der DDR waren diese für 1992/93 geplant.

Innerhalb des sozialistischen Wirtschaftsgebietes (RGW) brauchte man gar nicht erst nach Partnern zu suchen. Auch die Sowjetunion, mit der man immerhin schon 1976 eigens ein Regierungsabkommen über die Bereitstellung sogenannter technologischer Spezialausrüstungen (TSA) abgeschlossen hatte, konnte ihre Zusagen nie wirklich erfüllen.

So zahlt die DDR letztlich einen hohen Preis. Der Jenaer Physiker Wolfgang Karthe, von 1981 bis 1992 ordentlicher Professor für Angewandte Physik an der Jenaer Universität und nach der Wende Gründungsdirektor des IOF Fraunhofer Institutes für Optik und Feinmechanik, erinnert sich daran, dass die Mikroelektronik in der DDR in großem Stil Ressourcen fraß. So seien von den Wirtschaftslenkern zugunsten der Mikroelektronik wichtige Industrien wie die Chemie vernachlässigt worden. „Dabei hätte man sich ausrechnen können, dass der Chip wirtschaftlich nicht produziert werden konnte“, so Karthe. Seine Abteilung hatte damals auch mit der Weltraumforschung der Sowjetunion zu tun. „Da gab es sogar eine Order aus dem Ministerium in Berlin, dass wir ganz bestimmte Maschinen brauchen. Die brauchte aber auch die Mikroelektronik. Zeiss hat nicht geliefert. Ein Brief an Biermann brachte nur die lapidare Antwort ein, er habe wichtigere Verpflichtungen gegenüber der Sowjetunion. Da hat auch der Regierungsauftrag nichts genützt“, erzählt der heute 80-Jährige. Für DDR-Währung aber habe man nichts auf dem Markt kaufen können.

Zu den Geschichten, die seitdem über die DDR-Chip-Produktion kursieren, gehört beispielsweise die vom ehrgeizigen Wettlauf zwischen den beteiligten Kombinaten darum, wer als Erster mit einem prestigeträchtigen Objekt bei Honecker punkten konnte. Dass der Jenaer Wolfgang Biermann das Hase-Igel-Rennen für sich entschied, habe auch mit dessen besseren Stand in Berlin zu tun gehabt.

Immerhin blieb den Erfurtern knapp ein Jahr später der legendäre 32-Bit-Prozessor. Zur Erklärung: Der Megabit-Chip speichert die Daten, der Prozessor verarbeitet sie. Noch einmal jubelte die offizielle DDR, dass man ein weiteres kapitalistisches Embargo durchbrochen und so die Voraussetzung für eine leistungsfähigere Computergeneration geschaffen habe. Gedacht war die Erfurter Entwicklung nach offizieller Darstellung für Ingenieursarbeitsstationen zum automatisierten Entwurf von Schaltkreisen sowie für den Maschinenbau. Wie die Jenaer wurden auch die Erfurter mit höchsten staatlichen Auszeichnungen bedacht – als sie am 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der DDR, verliehen wurden, lag das Land politisch bereits in den letzten Zügen.

Auch um den Erfurter Prozessor ranken sich diverse Legenden. So behaupteten Insider später, man habe quasi Schaltkreise aus dem Westen 1 : 1 kopiert. Ingenieure hätten die Vorlagen Schicht für Schicht analysiert und nachgebaut. In so kurzer Zeit war auch das eine Spitzenleistung. Im Internet findet sich zudem der Bericht eines anonymen Zeitzeugen, wonach man dem ahnungslosen Honecker damals nur irgendein ähnlich aussehendes Bauteil in die Hand drückte. Unter den Beteiligten sei damals ausgelost worden, wer den Originalchip mit nach Hause nehmen durfte.

Unter dem Dach des Erfurter Kombinates arbeiteten damals 23 Firmen mit über 60 000 Beschäftigten. Nicht einmal die Treuhand schafft es, nach der Wende alles plattzumachen. Dafür war die DDR-Mikroelektronik, vor allem ihr sogenanntes Human-Kapital – die Ingenieure, Technologen und Softwarespezialisten –, allen Unkenrufen zum Trotz wohl doch einfach zu gut. Bis heute finden sich viele Nachfolgebetriebe der einstigen Mikroelektronik.