Rolf Beilschmidt: "Das alles bewegt mich sehr"

Hanno Müller
| Lesedauer: 5 Minuten
Rolf Beilschmidt (zweiter von rechts) ist Hauptgeschäftsführer des Landessportbundes Thüringen. Zu DDR-Zeiten war er ein Weltklasse-Hochspringer.  Foto: Alexander Volkmann

Rolf Beilschmidt (zweiter von rechts) ist Hauptgeschäftsführer des Landessportbundes Thüringen. Zu DDR-Zeiten war er ein Weltklasse-Hochspringer. Foto: Alexander Volkmann

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Erfurt. Der Geschäftsführer des Landessportbundes, Rolf Beilschmidt, war Informant der Stasi. Im TA-Gespräch spricht er über seine Verzweiflung und mögliche Konsequenzen.

Herr Beilschmidt, wie reagieren Sie auf die Veröffentlichungen über Ihre Stasi-Mitarbeit?

Ich habe das Gefühl, dass mir der Boden unter den Füßen weggezogen wird. In so einer Situation wie jetzt war ich noch nicht. Ich beschäftige mich seit 38 Jahren mit dieser Vergangenheit - von der Anwerbung bis heute. Ich weiß gerade nicht, ob ich das jetzt durchstehen kann.

Was holt Sie da gerade ein?

Das weiß ich eben nicht. Ich habe immer versucht, transparent mit meiner Stasi-Vergangenheit umzugehen. Mit der Bewerbung 1991 beim Sportbund habe ich darüber informiert und ein ausführliches Gedächtnisprotokoll angefertigt.

Auch meine spätere Funktionärs-Tätigkeit beim SC Motor Jena brachte zahlreiche Stasi-Kontakte mit sich.

Vorher verpflichteten Sie sich bereits als IM. Roland Jahn schreibt, Sie hätten ihn in der bewegten Jenaer Zeit der späten 70er gewarnt - nur ihn?

Meine Verpflichtung war das Ergebnis einer Reise in die BRD. Das war ein halbes Jahr vor den Olympischen Spielen, ich sah keine Alternative. Danach gab es ein Jahr lang mehrere Treffen, zum Teil in konspirativen Wohnungen, aber auch in Autos oder ganz normal öffentlich.

Als es in einem dieser Gespräche um Roland Jahn ging, entschied ich, das mache ich nicht. Roland Jahn sei ein Freund, der die DDR verbessern wolle. Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen diesen Jenaer Jahren und meiner IM-Tätigkeit. 1977 wurde die aktive Zusammenarbeit dann auch beendet.

Trotzdem hatten Sie weiter Kontakte zur Stasi. Was war Erpressung wegen der Westreise - und was Überzeugung?

In die IM-Sache bin ich damals hineingeraten. Ich wusste, wenn ich es nicht mache, ist Olympia passé. Nachdem ich die Funktionärslaufbahn eingeschlagen hatte, geschah es aus Überzeugung. Ich war eingebunden in das System Leistungssport, bei dem es auch immer um die Auseinandersetzung zwischen Ost und West ging.

Wie waren Ihre Kontakte zu Roland Jahn nach Ihrer IM-Verpflichtung?

Wir hatten noch Kontakt, aber es ließ nach. Als er in die Friedensbewegung eingetreten war, wurde es immer weniger. Ganz abgerissen ist der Kontakt zu den Freunden von damals aber nie, auch nicht zu denen in kirchlichen Kreisen. Wir stritten uns und wir verstanden und akzeptierten uns, damals und bis heute. Beim Leistungssport bewegte man sich oft wie in einem Staat im Staat. Wir trainierten abgeschottet.

Hat man von Ihnen verlangt, sich von oppositionellen Kreisen zu distanzieren?

Das nicht. Aber 1982 blieb die Frau einer befreundeten Familie im Westen. Da erwartete man von mir, dass ich herausfinde, was sie dazu trieb. Darüber habe ich dann einen Bericht geschrieben.

Obwohl Sie die IM-Mitarbeit da offiziell eingestellt hatten?

Ja, auch da gab es das noch.

Erinnern Sie sich an andere Fälle, in denen Sie Berichte über Personen schrieben?

Das ist ein Punkt, an dem ich verzweifle. Roland Jahn sagte mir gestern am Telefon, ich müsse mich erinnern. Was habe ich gemacht, was gesagt, was konnte die Staatssicherheit damit anfangen. Möglicherweise hat die Stasi aus den mehr oder weniger offiziellen Gesprächen, die ich ab Mitte der 1980er-Jahre als Sportfunktionär in Jena hatte, mehr gemacht, als ich weiß.

Kennen Sie Ihre Stasi-Akte?

Ich kenne die aus den 1970ern. Da ist nicht so viel drin. Da habe ich keine Berichte geschrieben. Enthalten sind die Protokolle dessen, was ich in den Gesprächen mit den Stasileuten erzählt habe. Die Folgen konnte und kann ich nicht einschätzen.

Soll das heißen, Sie wissen nicht, was die Stasi mit Ihren Informationen gemacht hat?

Ich würde gern sagen und - denke es auch so -, dass ich niemandem geschadet habe. Aber ich kann es auch nicht ausschließen. Ich bin mir unsicher darüber, was zu einer Beschädigung hätte führen können.

Sie haben das Vertrauen von Bekannten und Freunden missbraucht und verraten.

Das ist richtig und etwas, woran ich verzweifle. Das alles bewegt mich sehr. Es tut mir leid, was geschehen ist.

Als Funktionär haben Sie mit darüber entschieden, welcher Sportler in den Westen durfte.

Richtig, das habe ich. Aber da waren mehrere in diese Entscheidungen eingebunden. Genau weiß ich es nicht mehr.

Hat sich Ihre eigene Sicht auf Ihre Stasi-Vergangennheit mit den Jahren verändert?

Ich bin heute froh, dass es die Wende gab. Ich freue mich, dass ich meine Arbeit für den Sport heute unter diesen Bedingungen machen kann. Da sehe ich heute vieles anders als noch vor 20 Jahren. Aber ich kann auch nicht alles wegwerfen, was mich in der DDR geprägt hat.

Ziehen Sie Konsequenzen?

Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Einerseits möchte ich kämpfen und mich auch gern einer weiteren Überprüfung durch die Gremien unterziehen. Anderseits weiß ich nicht, ob und wie lange ich dem medialen Druck standhalten kann.

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