Thüringer empfängt in Berliner Caféhaus internationale Promis

Entscheider aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Künstler und die Ausflugsgruppe vom Kegelverein. Ein gediegenes Caféhaus versteht sich im Berliner Regierungsviertel als Schmelztiegel des Volkes.

Chef: Der gebürtige Weimarer Dieter Wollstein führt das Cafe Einstein. Foto: Autor

Chef: Der gebürtige Weimarer Dieter Wollstein führt das Cafe Einstein. Foto: Autor

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Berlin. In einer Seitenstraße des Boulevards Unter den Linden - das Brandenburger Tor in Sichtweite - öffnet sich die Tür einer gepanzerten schwarzen Limousine. Der Personenschützer holt eine Tupper-Dose aus dem Kofferraum, nickt dem Fahrer einer zweiten Limousine zu, die direkt hinter ihm parkt.

Kurz nach 12 Uhr im Berliner Regierungsviertel. "Heute ist ein ruhiger Tag. Manchmal parken die Karossen in zweiter Reihe", beschreibt Dieter Wollstein das Mittagsgeschäft. Er kommt aus Weimar, hat dort im Hotel Elephant die Gastronomie von der Pike auf erlernt. In der DDR-Volkskammer war Wollstein Protokollchef, nach der Wende hielt es ihn in der Hauptstadt, heute ist er Geschäftsführer im Café Einstein.

Ein durchschnittliches Menü mit Vor- oder Nachspeise kostet etwa 35 Euro. Möglich sind freilich auch frische Austern und Champagner. Jedenfalls erlaubt ein normaler Geldbeutel den Besuch im Einstein kaum jeden Tag.

Die Gäste aus den Limousinen greifen wohl aber seltener auf Tupper zurück. Im hinteren Bereich des Cafés verbirgt eine Milchglas-Schiebetür ein Separee. Die große Tafel wird eingedeckt, für etwa 25 Personen. Wer die Abendgäste sein werden, bleibt ein Geheimnis.

Genauso, wer das zweite Separee nutzt, dass sich an den abgeschiedenen Raum mit festlicher Tafel noch anschließt. Nur so viel: bequeme, weiße Ledersessel, es wird geraucht, der extra Eingang in die Seitenstraße ermöglicht diskreten Zutritt für die Damen und Herren aus den Staatskarossen.

Im März feiert das Einstein 15. Geburtstag. Doch erst der Umzug der Bundespolitik vom Rhein an die Spree hat das Caféhaus zu dem gemacht, was es heute ist: ein Bienenstock für Politik, Wirtschaft, Kultur, Medien und Touristen. "Das ist ein Geheimnis des Erfolges", findet Gerald Uhlig.

Er ist Künstler und Besitzer des Caféhauses Einstein - diese Reihenfolge ist ihm wichtig. "Hier können sich ganz unterschiedliche Kulturen begegnen. Sahra Wagenknecht fühlt sich wohl neben Mercedes-Chef Dieter Zetsche." Und das Ambiente natürlich. Wuchtige Tische, lederbezogene Bänke, holzvertäfelte Wände. Die Tafeln tragen griffiges Tuch, Stoffservietten, schweres Besteck. "Das drückt einen Lebensstil aus - der Geist bestimmt hier das Tempo, nicht das Magengeschwür wie bei Starbucks", sagt Uhlig. Den Seitenhieb auf die nahe Konkurrenz am Pariser Platz kann er sich offensichtlich nicht verkneifen.

Die vielen Ausstellungen im Café, das Schöngeistige, könnte der 57-Jährige aber kaum derart frei gestalten, wenn er - in seinen Worten - nicht einen "Sisyphos für den Alltag" hätte. Genau diesen Überblick über etwa 160 Plätze und 50 Mitarbeiter hat Dieter Wollstein.

Mit dezent-roter Krawatte, perfekt sitzendem dunkelblauem Anzug und filigraner Brille unterscheidet er sich nicht von den Gästen, die rings um ihn Geschäft und Essen verbinden. Für einen gewöhnlichen Tag in der Woche begrüßt er auffallend viele Gäste mit Handschlag, bringt sie persönlich zum Tisch.

Wollstein hält sich im Hintergrund - gibt einer frisch eingedeckten Tafel den letzten Schliff, koordiniert am Telefon Reservierungen, bringt einen Espresso, als die Kellner gerade anderweitig beschäftigt sind: "Der muss sofort zum Gast, frisch, stark, heiß." Für Joschka Fischer scheint das die perfekte Formel für den kleinen Schwarzen zu sein: "E = mc² – Berlins bester Espresso" hat der ehemalige Außenminister im Gästebuch notiert.

Dieter Wollstein sieht das Einstein als ein kleines, aber durchaus wichtiges Rädchen im Berliner Regierungsgeschäft: "Selbst die größten Politiker sind doch auch nur Menschen und wenn sich Menschen wohlfühlen, fällt es ihnen leichter, inhaltliche und vielleicht auch persönliche Differenzen zu überwinden."

Vielleicht das Rezept für Fischers gelungene Außenpolitik. Er brachte oft Gäste, mit denen er mehr als schwierige Fragen zu diskutieren hatte. Doch Wollenstein gibt sich diskret: "Meine Ohren will ich gar nicht überall haben."

Sicher ist dies auch ein Grund für die lange Liste der prominenten Gäste. Die beiden letzten Bundeskanzler kommen und freilich auch die gegenwärtige Regierungschefin.

Mit ihrem Außenminister Guido Westerwelle trifft sich Angela Merkel hier gern einmal zum Frühstück. Da waren auch schon Bill Clinton, Shimon Peres, Alan Greenspan, Castros Sohn und, und, und.

Je weiter es im Café nach hinten geht, umso mehr nimmt die Frequenz der Gäste ab und umso begehrter werden die Tische. Wichtige Gespräche führen sich besser ungestört. Doch selbst für die Kanzlerin würde Dieter Wollstein keinen Tisch räumen, sollte sie plötzlich vor der Tür stehen. "Für mich sind alle Gäste gleich."

Und so ist es im Einstein gar nicht klar, ob die Menschen wegen der Prominenten kommen, oder die bekannten Gesichter inmitten des Caféhauses einfach mal in Normalität abtauchen wollen.

Wollstein mag beide Arten seiner Gäste. "Ich blicke den Großen gern in die Augen, möchte sehen, wie sie als Individuum sind", sagt der Thüringer. Dabei ist er oft überrascht, einen autoritär wirkenden Politiker als sensiblen Menschen zu erkennen (Otto Schily) oder den Draufgänger von der Kinoleinwand als Feingeist (Bruce Willis).

Umgekehrt ist Wollstein immer wieder verblüfft, wie respektvoll die Besucher mit den Promis umgehen. "Gäste fragen dann oft, ob ich am Nachbartisch um ein Autogramm bitten könnte", erzählt der 63-Jährige.

Dazu müssen es freilich wirkliche Stars sein. Als an diesem Tag etwa Michel Friedmann zwischen Menü und Melange durchaus hörbar mit seiner Begleitung diskutiert - "Das geht nicht! Das geht doch nicht!" - zieht das allenfalls einige neugierige Blicke aus dem Augenwinkel auf sich. Dann hängen die übrigen Gäste wieder ihren eigenen Gesprächen nach.

Zur Familie, nach Hause nach Weimar, schafft es Wollstein nur ein, zwei Mal im Jahr. "Leider", sagt er. "Aber das hier ist mein Leben, ich liebe es."

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